Interview

Baz Luhrmann über sein Elvis-Spektakel: "Filmtheater für ein Traumland"

Nach "Romeo und Julia", "Moulin Rouge" und dem "Großen Gatsby" hat Baz Luhrmann aus dem Leben von Elvis Presley ein Filmspektakel gemacht.
| Rüdiger Sturm
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Austin Butler (v) als Elvis in einer Szene des Films "Elivs" Ein neues Zeitalter"
Austin Butler (v) als Elvis in einer Szene des Films "Elivs" Ein neues Zeitalter" © picture alliance/dpa/Warner Bros.

Großes Kino, das nicht auf große Marken setzt, ist riskant. Aber was ist "Elvis"? Eine Marke, aber wie lebendig ist sie? Bei der Weltpremiere in Cannes jedenfalls elektrisierte "Elvis" mit dem bisher relativ unbekannten, dreißigjährigen Schauspieler Austin Butler Publikum und Presse. Mit der AZ sprach Baz Luhrmann über Priscilla Presley, den "King", der kein König sein wollte und die Zukunft des Kinos.

AZ: Mr. Luhrmann, manche Kritiker nehmen daran Anstoß, dass Ihr "Elvis"-Film nicht die dokumentarische Wahrheit zum "King of Rock'n Roll" zeigt. Stört Sie das?
BUZ LUHRMANN: Nein, denn Dramen sind immer Lügen. Aber Lügen im Sinne einer höheren Wahrheit. Ich habe ja eine Erzählerfigur im Film: Elvis' Manager Colonel Parker, der seine Version der Geschichte darbietet, gespielt von Tom Hanks. Und es gibt überhaupt keinen Menschen, der ein verlässlicher Erzähler wäre. Abgesehen davon: Was ist schon eine dokumentarische Wahrheit?

"Elvis": In der Tradition von "Amadeus"

Dokumentationen tun immer so, als würden sie die einzig authentische Darstellung bieten.
Aber wir kennen es ja aus dem Internet, wie leicht man Menschen so manipulieren kann, dass sie den reinsten Bullshit für wahr halten. Ich sehe "Elvis" eher in der Tradition eines "Amadeus" von Milos Forman. Einer der größten Filme aller Zeiten für mich. Einerseits ist die Figur des titelgebenden "Amadeus" wirklich Mozart. Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass Mozart nicht deshalb gestorben ist, weil Salieri ihn dazu trieb, das "Requiem" zu schreiben.

Regisseur Baz Luhrmann stellt "Elvis" in Cannes vor.
Regisseur Baz Luhrmann stellt "Elvis" in Cannes vor. © picture alliance/dpa/Invision/AP

Wobei der Titel Ihres Films wiederum ja nahelegt, dass er die klassische Biografie von Elvis bietet.
Es gab die Überlegung, ihn auch "Der King und der Colonel" zu betiteln. Aber Elvis bezeichnete sich selbst nie als "King". Er hat das sogar gehasst. Und irgendwann war mir klar, dass "Elvis" einfach das Naheliegendste ist. Denn dieser Name ist eine Marke wie Coca Cola oder Chanel No. 5. Mit der darfst du nicht herumpfuschen. Es gibt so wenige Begriffe auf der Welt, mit denen die Leute etwas Eindeutiges verbinden. Nimm dieses Wort, und jeder weiß, was gemeint ist, ob er oder sie es mag oder nicht.

Immerhin fanden Sie eine Fürsprecherin in Elvis' Witwe Priscilla, die sich sehr lobend geäußert hat.
Wobei sie ursprünglich natürlich sehr skeptisch war. Insbesondere, was unseren Hauptdarsteller angeht. Aber als sie den Film gesehen hatte, schrieb sie mir: "Wir alle haben geweint, weil wir so bewegt waren, das Wachpersonal eingeschlossen. Selbst mein Mann wäre hin und weg gewesen, wenn er noch am Leben wäre."

Baz Luhrmann: "Weiß fundierte Kritiken zu schätzen"

Auch wenn es die Geschichte von Elvis ist, ist sie doch geprägt von Ihrer überdreht-exzessiven Ästhetik. Wäre für Sie eigentlich eine zurückhaltendere Erzählweise denkbar?
Ich komme aus einer kleinen Stadt aus New South Wales, am anderen Ende der Welt. Wenn du aus so einer Umgebung kommst, dann entwickelst du die Neigung, dich ins Land an der anderen Seite Regenbogens davon zu träumen. Und in meiner Jugend war das das Kino. Wir nannten es aber nicht Kino, sondern: "Filmtheater". Das hat mich geprägt. Ich mache also theatralische Filme, weil das die Essenz des Kinos für mich ist. Ich habe nicht das Ziel, Kritiker zu irritieren, auch wenn das spaßig sein kann. Wobei ich fundierte Kritiken durchaus zu schätzen weiß. Ich konzipiere meine Filme so, dass sie in den Menschen etwas auslösen. Letztlich bin ich mein ganzes Leben lang auf der Suche nach diesem Traumland.

Diese Erfahrung setzt allerdings die Existenz von Filmtheatern voraus. Bekannterweise leben wir in einer Zeit des Streamings. Sie haben ja auch schon eine Serie für Netflix gedreht.
Ja, das gebe ich zu. Und ich gebe auch zu, dass ich schon in meinem Bett gesessen bin und mir einen Film auf meinem Smartphone angeschaut habe. Aber gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass sich die Menschen in einem dunklen Raum versammeln sollen und dann mit anderen Fremden durch die gemeinsame Erfahrung einer Geschichte vereint werden, egal ob die nun auf der Bühne oder auf der Leinwand dargeboten wird. Bei der Premiere von "Elvis" in Cannes haben die Menschen zu den Musiknummern mitgeklatscht. Das ist nur ein Beispiel für diese Erfahrung. Ich selbst sehe mir auch die großen Franchises an. Ich fand "The Batman" sehr gelungen, ich werde mir "Top Gun: Maverick" anschauen.

Auch die Nachwehen der Pandemie werden nichts an dem Bedürfnis an Gemeinschaftlichkeit ändern?
Ich weiß, es gibt Leute, die sagen, dass sie aus Angst vor Ansteckung nicht mehr ins Kino gehen wollen. Genauer gesagt: Sie wollen einen richtigen Grund haben, damit sie diese Angst überwinden. Der Film muss es also wert sein. Dieser Verantwortung bin ich mir als Regisseur voll bewusst. Aber das Kino wird nicht aussterben. Das hat man seinerzeit gesagt, als das Fernsehen kam. Und was war die Folge? Die Filme wurden größer, besser - theatralischer eben.

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Wollen Sie eigentlich auch Franchise-Filme drehen?
Ich suche mir sinnigerweise Markenname aus, die tot sind. Shakespeare ist tot, der "Große Gatsby" ist tot. Vielleicht bin ich ein Masochist. Oder vielleicht bin ich wie eine Art Investor, der eine tote Marke kauft, um sie wieder zum Leben zu erwecken.

Ihre Filme sind sehr aufwändig. Werden die einer Branche, wo man ja bei Großinvestitionen auf "lebendige" Markennamen setzt, künftig noch möglich sein?
Das ist mir egal. Ich mache ja nur alle paar Jahre mal einen Film. Ich habe in meinem Kopf die Ideen für Hunderte von kreativen Abenteuern. Vielleicht inszeniere ich wieder eine Oper. Vielleicht entwickle ich eine Juwelenkollektion. Vielleicht mache ich keinen Film mehr, vielleicht mache ich noch Hunderte. Meine Frau, die Szenen- und Kostümbildnerin Catherine Martin, und ich haben die Haltung: Wenn wir etwas machen wollen, dann tun wir es. Die Frage ist dann: Wer möchte uns auf dieser Reise begleiten? Aber wenn jemand mit uns den Trip machen will, dann bestimmen wir die Richtung und die Gangart.


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