80 Jahre "Die große Liebe": Makabre Geschichte de NS-Propagandafilms

80 Jahre "Die große Liebe": Der NS-Durchhaltefilm mit Zarah-Leander-Hits hat eine makabere Hintergrundgeschichte. Dem Textdichter Bruno Balz ist jetzt eine Revue im Deutschen Theater gewidmet.
| Adrian Prechtel, Gregor Tholl
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Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868 - 1935) gab von 1899 bis 1923 die Zeitschrift "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" heraus. In der undatierten Fotografie ist er mit Bruno Balz zu sehen.
AvW Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868 - 1935) gab von 1899 bis 1923 die Zeitschrift "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" heraus. In der undatierten Fotografie ist er mit Bruno Balz zu sehen.

München - Die Lieder sind Evergreens, der Film verschwand jedoch in der Versenkung - auf einer Liste von NS-Propaganda- und Duchhaltefilmen, die nur noch kommentiert aufgeführt werden dürfen: Die Rede ist von der Romanze "Die große Liebe" mit Zarah Leander und Viktor Staal in den Hauptrollen.

Vor 80 Jahren, am 12. Juni 1942, kam der Propagandafilm, den viele Millionen Deutsche während des Weltkriegs sahen, ins Kino. Die Rechte an ihm liegen heute bei der Murnau-Stiftung in Wiesbaden, die auch das Filmerbe der Ufa- und NS-Zeit verwaltet. Der Film gilt als der größte Kinoerfolg während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In den Wochen nach der Premiere in Berlin sollen ihn 28 Millionen Menschen in den Lichtspielhäusern des NS-Staates gesehen haben. "Die große Liebe" unter der Regie von Rolf Hansen (1904-1990) war der vorletzte Film, den die schwedische Schauspielerin Zarah Leander bei der Ufa drehte.

Der Durchhaltefilm wurde mitten im Krieg produziert

1936 hatte Leander einen Vertrag mit der Ufa abgeschlossen, der sie bald zum bestbezahlten weiblichen Filmstar in Deutschland machte. Goebbels, der sich anfangs am "zu jüdisch klingenden" Künstlernamen "Zarah" von Sara Stina Hedberg aus dem schwedischen Karstadt gestört hatte, notierte aber bereits 1937 in seinem Tagebuch: "Die Geschäftserfolge mit ihr sind enorm." Zarah Leander blieb schwedische Staatsbürgerin und bezeichnete sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges stets blauäugig unschuldig als "unpolitische Künstlerin", die Deutschland 1943 verlassen hatte. Nach dem Krieg wurde ihr allerdings vor allem der Film "Die große Liebe" als klare Propaganda für Nazideutschland angelastet.

Der Durchhaltefilm wurde mitten im Krieg produziert: Es geht um den Fliegeroffizier Paul Wendlandt (Staal) und die Varieté-Sängerin Hanna Holberg (Zarah Leander). Sie lernen sich in Berlin kennen, als der stramme Soldat für einen Tag aus Nordafrika in der Hauptstadt weilt.

Dem Publikum wird eine Lektion in Unterordnung erteilt

Seine Penetranz, mit der er die Sängerin für sich gewinnen will, lesen heutige Zuschauer wohl eher als Stalking. Damals aber galt das anscheinend als konsequentes, schickliches Umwerben und romantisch. Jedenfalls machen die Kriegseinsätze des männlichen Helden und die Auftritte der Sängerin ein regelmäßiges Zusammensein der Verliebten schwer.

Sängerin Hanna spricht ihre Enttäuschung über den allzu engagierten Mann auch aus: "Er fährt heut Nacht wieder weg - ohne Befehl." Das wird aber im Laufe des Films als Egoismus vorgeführt. Die Hochzeit des Paares muss mehrmals verschoben werden. Als Wendlandts bester Freund fällt, will er sich von Hanna trennen. Doch dann wird er selber abgeschossen und Hanna, die nach dem Beginn des Kriegs gegen Russland allmählich Verständnis fürs Militärische aufbringt, besucht ihren verletzten Verlobten im Lazarett. Es ist ein bizarres Happy End für das Paar. Dem Publikum wird unverhohlen eine Lektion in Unterordnung und vor allem weiblicher Opferbereitschaft für das große Ganze erteilt.

Es wird ungewöhnlich offen mit dem Krieg umgegangen

In weiteren Rollen sind zum Beispiel Grethe Weiser als Hannas geschwätzige Zofe Käthe und Paul Hörbiger als Hannas Musikdirektor Alexander Rudnitzky zu sehen - der Komponist liebt die Sängerin, steht ihr bei, muss aber auf sie verzichten. Er ist weich und ein Verlierertyp, kein so harter Kerl wie der Flieger.

Für einen Unterhaltungsfilm wird bei alledem dennoch ungewöhnlich offen mit dem Krieg umgegangen. Gezeigt werden Nächte im Luftschutzkeller, aber eben auch "völkischer" Zusammenhalt und Stolz während der Bombardierungen. Die Hits "Davon geht die Welt nicht unter" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n", komponiert von Michael Jary, stammen jedoch aus dem Film und blieben als Schlagerklassiker im kollektiven Gedächtnis - bis heute.

Das wiederum ist wichtig und richtig - denn hinter diesen Schlagern steht eine extrem brutale und zynische Geschichte um den Textdichter Bruno Balz, der bereits den Hit "Kann denn Liebe Sünde sein?" komponiert hatte.

Ein Textdichter geriet selbst in die Mühlen der Nazis

Eine kaum fassbare Geschichte ereignete sich bei der Filmproduktion rund um den Textdichter Bruno Balz, der bizarrerweise oft als Hitlers Hitschreiber bezeichnet wird. Bereits mit 17 Jahren hatte sich Balz in der Homosexuellenbewegung engagiert. Er ließ sich von Adolf Brand als Aktmodell gewinnen und veröffentlichte in Zeitschriften Gedichte, Aufsätze und Erzählungen. Balz wurde Mitglied im Bund für Menschenrecht, den Friedrich Radszuweit 1923 gegründet hatte. Dieser veröffentlichte 1924 mit "Bubi lass uns Freunde sein" eine der ersten schwulen Schallplatten, wozu Balz den Text und Erwin Neuber die Musik beisteuerten.

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Balz wurde während der Zeit des Nationalsozialismus zweimal Opfer des Paragraphen 175 StGB, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Im Jahr 1936 wurde er während einer Razzia nahe dem Bahnhof Zoo verhaftet und verbrachte mehrere Monate im Gefängnis, wurde jedoch unter Auflagen freigelassen. Sein Name sollte in der Öffentlichkeit nicht mehr auftauchen, Fotos von ihm wurden vernichtet und er musste heiraten. Das Regime fand dafür eine fünf Jahre jüngere linientreue Krankenschwester aus Pommern. Die Hochzeit fand 1936 in Berlin-Wilmersdorf statt.

Balz schrieb unter den Augen der Gestapo zwei seiner größten Lieder

1941 wurde Balz erneut von der Gestapo verhaftet, nachdem er in kompromittierender Situation mit einem jungen Mann gesehen worden war. Nach Folter im Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße drohte ihm eine Inhaftierung im Konzentrationslager.

Dann geschieht ein makaberes Wunder. Der Autor Florian Illies beschreibt das erlittene Leid in seinem Buch "Liebe in Zeiten des Hasses" (Fischer Verlag, 2021) wie folgt: "Bruno Balz wird auf Erlass von Joseph Goebbels für 24 Stunden aus dem Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße 8 entlassen. Balz hat wegen seiner Homosexualität eingesessen, ist tagelang gefoltert worden, aber die Ufa und Liedkomponist Michael Jary hatten Goebbels signalisiert, dass der neue Film von Zarah Leander nicht ohne Lieder von Balz zu Ende gedreht werden könne."

Und weiter heißt es in Illies' Bestseller: "Balz wird im Morgengrauen nach Babelsberg gefahren. Unter den Augen der Gestapo komponiert er dort in nur 24 Stunden zwei seiner größten Songs: ,Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen' und ,Davon geht die Welt nicht unter'. Beides erweist sich als unzutreffend."

Balz überlebte NS-Terrorschaft und Folter

Über den letzten Satz von Illies ließe sich streiten. Balz selbst hatte ja getextet: "Davon geht die Welt nicht unter/Sieht man sie manchmal auch grau/ Einmal wird sie wieder bunter/ Einmal wird sie wieder himmelblau/ Geht mal drüber und mal drunter/ Wenn uns der Schädel auch graut/ Davon geht die Welt nicht unter/ Sie wird ja noch gebraucht."

Wenigstens überlebte Bruno Balz die NS-Terrorherrschaft und Folter. Erstarb 1988 mit 85 Jahren in Bad Wiessee. Dass er nicht nur aus Film-Vor- und -Abspännen der NS-Zeit getilgt wurde, ist ein Triumph der NS- Cancel-Culture.

Der Münchner Chansonnier und Musiker Albrecht von Weech hat Balz eine eigene Revue gewidmet, die im Deutschen Theater gezeigt wird: eine Hommage an den unbekannten Weltstar Bruno Balz.


"Kann denn Liebe Sünde sein - Eine Hommage an den unbekannten Weltstar Bruno Balz", Deutsches Theater, Silbersaal, Samstag, 25. Juni, 20 Uhr, Karten, 25 Euro unter www.deutsches-theater.de sowie Münchenticket

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