Interview

"A Pure Place" im Kino: Gefangen in der Gemeinde

Nikias Chryssos analysiert in seinem Thriller "A Pure Place" die gefährlichen Methoden von Sekten.
| Florian Koch
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Guru Fust (Sam Louwyck) erklärt Irina (Greta Bohacek) sein Reinheitsprinzip.
Guru Fust (Sam Louwyck) erklärt Irina (Greta Bohacek) sein Reinheitsprinzip. © Koch Films

Der Aufstieg und Fall von Sekten-Gurus von Osho bis Paul Schäfer beschäftigt seit Jahren auch viele Filmemacher. Rein fiktional, aber deswegen nicht minder verstörend ist die Figur von Fust (Sam Louwyck), die im Film "A Pure Place" auf einer Insel vor Athen einen bizarren Reinheitskult pflegt.

Nikias Chryssos auf dem Filmfest München mit Regie-Förderpreis  ausgezeichnet

Mittendrin in diesem Spiel aus unten und oben ist die 15-jährige Fust-Gläubige Irina (Greta Bohacek). Ihr Wandel von einer Verzauberung bis zur Entzauberung zeichnet der Regisseur Nikias Chryssos in magnetischen, symbolisch aufgeladenen Bildern nach. Für seine Arbeit abseits des Mainstreamkinos wurde Chryssos auf dem Filmfest München mit dem Regie-Förderpreis gewürdigt.

AZ: Herr Chryssos, wann sind Sie mit dem Thema Sekten in Berührung gekommen?
NIKIAS CHRYSSOS: Mich fasziniert an Sekten, dass viele ihrer Gurus von außen vielleicht lächerlich wirken, im inneren Zirkel aber eine ganz andere Wirkung haben. Ein Vorbild für unseren Film war dabei Rael, der der Ufo-Gruppe Die Raelianer vorsteht, über die auch Michel Houellebecq geschrieben hat. Als Teil meiner Recherche war ich dann auch auf einem seiner Kurse, der sogenannten "Happi".

Haben Sie hier Ihr Glück gefunden?
Nein, es war auch ziemlich absurd, wie Rael im Unterhemd und einem selbstgemachten Space-Suit auf die Bühne sprang. Manche Frauen wurden später eingeladen, Raels Engel zu werden und als Auserwählte den Außerirdischen, falls sie denn kommen, als Sexgespielinnen zu dienen.

Nikias Chryssos.
Nikias Chryssos. © Viktor Richardsson

Ausbeutungen, häufig auch sexueller Natur, gehören in Sekten wohl zum Alltag.
Ja, unter der fast schon absurden Oberfläche findet leider oft eine Form von Machmissbrauch statt. Und dieses Muster, wenn eine Person über den Dingen und Gesetzmäßigkeiten steht, findet man bei Jim Jones, Otto Mühl oder Paul Schäfer von Colonia Dignidad in unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder. Das wollte ich in der Person von Fust auch bei mir zum Thema machen.

Was passiert in einem Menschen, dass er sich wie Fust in "A Pure Place" zu einem Anführer geboren fühlt?
Bei Kultleadern wie Fust gibt es in der Biografie auch Momente des Scheiterns, die dann mit einem Erweckungserlebnis, mit einem Messias-Komplex verbunden sind. Besagter Rael hat sich ja auch mal als Schlagersänger versucht. Bis er Aliens im Wald getroffen und seine neue Berufung gefunden hatte. Fast so wie eine Art Heldenreise. Diesen "Rettungskomplex" hat auch Fust - er kommt von außen und gibt vor, die Menschen aus dem Dreck zu heben.

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Chryssos: "Viele Menschen in diesen Sekten werden von Kindheitsbeinen an indoktriniert"

Und wer fühlt sich von so jemandem angezogen?
Ganz unterschiedlich. Siegfried, der Möchtegern-Schauspieler in "A Pure Place", basiert auf zwei Personen, die mein Koautor und ich bei evangelikalen Christen und einem Hare-Krishna-Treffen kennengelernt haben. Dort erzählte uns ein junger Mann, dass er leider nicht auf einen Workshop mitfahren dürfe, weil er nun die Ehre hätte, erst einmal zu putzen. Der hat seine Tätigkeit dann heruntergespielt und gemeint, dass die weltlichen Ziele wie seine Schauspiel-Ambitionen oberflächlich seien und man erst mal eine innere Reise machen müsse. Bei in Kulten hineingeborenen Kindern handelt es sich dagegen um hilflose Menschen, die einfach ausgebeutet werden.

Chryssos: "Zurzeit entwickle ich ganz viele Projekte parallel"

Warum geht diese Massensuggestion bei Sekten dann manchmal soweit, dass sogar ein Selbstmord am Ende als ein letztes, probates Mittel scheint?
Viele Menschen in diesen Sekten werden von Kindheitsbeinen an indoktriniert. Bei Jonestown haben sie diese suizidalen Momente vorher sogar immer wieder geübt. Oft wird ja auch der Weltuntergang angekündigt, bis er sich dann doch noch verschiebt, weil die Gemeinde ihn durch ihre angeblich gute Energie noch einmal aufschieben konnte. Meistens gibt es vor diesem finalen Akt aber auch bereits Auflösungserscheinungen von außen oder von innen. Und das sind dann manchmal, zumindest teilweise, ganz banale Sachen wie Steuerprobleme oder bei "A Pure Place" die fehlende Nachfrage für die Seife.

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Wie geht es nach Ihren zwei extremen Filmen für Sie weiter?
Zurzeit entwickle ich ganz viele Projekte parallel. Im Sommer habe ich einen "Tatort" für den Hessischen Rundfunk abgedreht, bei dem ich auch meine künstlerische Freiheit besaß. So ein Stoff ist auch wichtig für mich, denn ich weiß, dass der Markt für Kinofilme wie "Der Bunker" oder "A Pure Place" klein ist. Dennoch versuche ich auch in der Zukunft neben anderen Arbeiten meiner künstlerischen Linie treu zu bleiben und eigene, unabhängige Film- und Serienprojekte zu entwickeln. Vielleicht eröffnen ja auch da die Erfolge von Filmen wie "Titane" bald neue Perspektiven.


Kino: Monopol

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