Friedrich Engels: Die virtuose zweite Geige

Friedrich Engels wurde vor 200 Jahren in Wuppertal geboren und war viel mehr als nur der Mann, der Marx ermöglichte.
| Volker Isfort
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Eine Statue von Friedrich Engels in der Nähe seine Geburtshauses in Wuppertal.
Eine Statue von Friedrich Engels in der Nähe seine Geburtshauses in Wuppertal. © Oliver Berg/dpa

München - Das hat es in der Geistesgeschichte so nie zuvor und nie wieder gegeben", urteilt Marx-Biograf Jürgen Neffe im Hinblick auf das kreative Verhältnis von Karl Marx und Friedrich Engels. Denn Engels, der Lebemann und Fabrikbesitzer, unterstützte den eher lebensfernen Philosophen Marx nicht nur jahrzehntelang, er schrieb auch hunderte Artikel für Marx, gemeinsam mit diesem Bücher und befeuerte ihn schon mit Ideen über die "Bereicherungswissenschaft", als Marx von Ökonomie noch nichts verstand.

Und doch blieb das Machtverhältnis konstant. Marx spielte die erste Geige, Engels ordnete sich gewollt unter. "Marx war ein Genie", schrieb Engels nach dessen Tod 1883, "wir anderen höchstens Talente."

Engels rechnet früh mit heuchlerischer Frömmigkeit ab

Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 in Barmen - das heute zu Wuppertal gehört - als Sohn eines Baumwollfabrikanten geboren. Neben seiner Ausbildung zum Kaufmann begann er journalistisch zu arbeiten und verschlang die Schriften von Ludwig Börne. "Ich kann des Nachts nicht schlafen vor lauter Ideen des Jahrhunderts", gestand er einem Freund und rechnete schon 1839 in Zeitungsartikeln ("Briefe aus Wuppertal") mit der heuchlerischen Frömmelei seiner Geburtsstadt ab - selbstverständlich unter Pseudonym. Noch durfte der Vater nicht ahnen, dass den Sohn nichts mit dem konservativen und frommen Fabrikanten verband.

So vollendete er 1842 seine Ausbildung in der seinem Vater und dessen Partner gehörenden Baumwollspinnerei Ermen & Engels in Manchester. Hier lernte er die irischen Arbeiterinnen Mary und Lizzy Burns kennen, die wichtigsten Frauen im Leben des Womanizers. Sie bestimmten seinen Blick auf die katastrophalen Verhältnisse der Arbeiter in Manchester - und seine Haltung zur irischen Frage.

1847 gründete Engels mit Marx den Brüsseler Deutschen Arbeiterverein

Engels mit ökonomischen Daten unterfütterte Sozialreportage "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" beeinflusste Marx nachhaltig und stand 1844 am Beginn ihrer Freundschaft - nach einem kurzen, frostigen Kennenlernen in Paris zwei Jahre zuvor. Engels' Buch wurde ein internationaler Bestseller "wie Marx ihn zu seinen Lebzeiten nie zustande gebracht hat", schreibt Jürgen Neffe.

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1847 gründete Engels mit Marx den Brüsseler Deutschen Arbeiterverein, im November 1847 nahmen sie am zweiten Kongress des "Bundes der Kommunisten" in London teil, wo sie beauftragt wurden, ein inhaltliches Programm zu verschriften. "Das Kommunistische Manifest", das schließlich im Februar 1848 in London erschien, gehört heute zwar zu den meistgedruckten Schriften - erregte aber am Vorabend der Revolutionen in Frankreich und Deutschland zunächst keinerlei Aufmerksamkeit.

In Manchester führte Friedrich Engels ein Doppelleben

Im Hintergrund ihrer Arbeit stand die vergebliche Erwartung, dass die bürgerliche Revolution von 1848 den proletarischen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland nach sich ziehen werde.

Engels nahm an revolutionären Kämpfen gegen die preußische Armee teil. Nach der Niederlage der Märzrevolution flüchtete Engels wie viele revolutionäre Emigranten nach Manchester. Er versöhnte sich mit seinem aufgebrachten Vater und arbeitet wieder in der Baumwollspinnerei Ermen & Engels, an der seine Familie Anteile hatte.

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In Manchester führte Engels ein Doppelleben als Kapitalist und Kritiker des Kapitalismus: Tagsüber im Kontor - den "Commerce" verfluchte er immer wieder -, abends besuchte er Arbeiterversammlungen. Er hatte zwei Wohnungen: eine offizielle für den Geschäftsmann, der auf die Jagd ging, ein Pferd hatte, guten Wein und Hummer schätzte. In der anderen lebte er mit Mary und Lizzy Burns.

1863 kam es zum größten Zerwürfnis zwischen Engels und Marx

Als "Champagner-Kommunisten", beschrieb sein Biograf Tristram Hunt den auf Fotos makellos gekleideten, bärtigen Engels. "Wenn die Französinnen nicht wären, wär das Leben überhaupt nicht der Mühe werth", hatte er noch 1847 aus Paris an Marx geschrieben, verbunden mit dem Verlangen, "etwas mit Dir zu kneipen". Die Frage nach dem maximalen Glück beantwortete er im "Confession book" von Marx' Tochter Jenny mit dem Rotwein "Chateau Margaux 1848".

Nach dem plötzlichen Tod von Mary Burns 1863 kam es zum größten Zerwürfnis zwischen Engels und Marx, als der Philosoph brieflich nur knapp kondolierte - er hatte Mary nie sonderlich geschätzt - und sofort wieder sein eigenes Schicksal beklagte. Engels war erschüttert und meldete sich ungewöhnlich lange nicht - fünf Tage -, bevor er beschloss, nicht nach Mary auch noch Marx verlieren zu wollen. Die düsteren Wolken verzogen sich und bald fand Engels auch Trost in den Armen von Marys Schwester Lizzy, die nun auch von der Familie Marx akzeptiert wurde. Engels heiratete sie später auch, allerdings erst am 11. September 1878, wenige Stunden vor ihrem Tod, angeblich, um die Irin von ihren religiösen Bedenken wegen der wilden Ehe zu erlösen.

Engels war von zupackender Natur und ein organisierter Mann

Marx und Engels schrieben sich Briefe, fast 1.400 sind erhalten. Marx' Töchter Eleanor und Laura verbrannten allerdings alle Briefe, die ein schlechtes Licht auf das Verhältnis der beiden werfen könnten. Ihren Dialog führten Marx und Engels in einem Kauderwelsch aus Englisch, Französisch, Lateinisch und Deutsch. Mit "Dear Fred" begann Marx. Engels leitete seine Post oft ein mit "Lieber Mohr" - so wurde Marx in seiner Familie genannt. Dann tauschten sie sich mit sehr lockerer Zunge über Klatsch, Krankheiten und Geld aus.

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Nach fast zwanzig Jahren in der Firma konnte Engels mit 49 Jahren endlich seine Anteile verkaufen und von seinem Vermögen leben. Er zog nach London, ein paar Fußminuten von Marx entfernt. Briefe waren nun nicht mehr nötig. Der "General", wie ihn die Familie Marx nannte, seit er in Zeitungsartikeln den Ausgang des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 präzise vorhergesagt hatte, kam nun fast täglich vorbei und mahnte den Freund zur Arbeit. Engels war von zupackender Natur und ein organisierter Mann, Marx hingegen ein Meister des Aufschubs und der geistigen Verzettelung im endlosen Büchermeer. Als 1867 der erste Band von "Das Kapital" erschienen war, schrieb Engels - abgesprochen mit Marx - ein halbes Dutzend kritische Artikel in verschiedenen Sprachen, um die Diskussion über das Werk anzuheizen.

1895 starb Engels 74-jährig an Kehlkopfkrebs

Nach Marx' Tod im Jahr 1883 arbeitete Engels wie besessen an den Manuskripten, die Marx allenfalls als Steinbrüche voller Ideen hinterlassen hatte und die außer Engels ohnehin niemand dechiffrieren konnte. So veröffentlichte er Band zwei und drei des "Kapitals", in eigenen Werken beschäftigte er sich mit der Urgesellschaft und dem Übergang zur Klassengesellschaft. Und er kämpfte wie ein Löwe darum, die Deutungshoheit über das Marx'sche Werk zu behalten.

Zudem wurde Engels zum Hauptberater des "marxistisch" beeinflussten Teils der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. 1895 starb er 74-jährig an Kehlkopfkrebs. Seinem Wunsch entsprechend wurde seine Asche fünf Seemeilen vor der Küste des Seebads Eastbourne ins Meer versenkt. In seinem Testament hinterließ Engels ein Barvermögen von etwa 30.000 Pfund (nach heutigem Wert etwa fünf Millionen Euro) und bedachte auch großzügig Marx' Töchter.

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Engels-Biograf Tristram Hunt nimmt den Denker ausdrücklich in Schutz vor den Missinterpretationen der Schriften, die später in seinem und Marx' Namen begangen wurden. So wurden die Kämpfer für die Freiheit zu Säulenheiligen kommunistischer Zwangssysteme.

"Großer Besitz vermehrt sich überhaupt viel rascher als kleiner. Die Mittelklassen müssen immer mehr verschwinden, bis die Welt in Millionäre und Paupers geteilt ist", schrieb Engels 1844. Es wäre blauäugig zu glauben, dass diese Analyse veraltet ist. Im Jahr 2019 besaßen 0,9 Prozent der Bevölkerung 43,9 Prozent des weltweiten Vermögens.

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