Ali Cukur über seine Boxer: "Ich meine es ernst, auch mit ihnen"

"Wie Frieden wahren" - AZ-Serie: Ali Cukur arbeitet da, wo zugeschlagen wird. Er hat Erfahrung damit, wie man Jugendliche dazu bringen kann, sich an Regeln zu halten und sich etwas aufzubauen.
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Ein Kämpfer mit einem Löwenherz für seine Schüler: Ali Cukur ist für viele Vorbild und Vaterfigur geworden.
Ein Kämpfer mit einem Löwenherz für seine Schüler: Ali Cukur ist für viele Vorbild und Vaterfigur geworden. © Firsthand Production

AZ-Serie: Wie Frieden wahren? Podcast mit Ali Cukur

Friede und Boxtraining? Das mag für manche erstmal wie ein Widerspruch klingen. Verständlicherweise. Denn wer das Boxen nur durch die Schaukämpfe in den deutschen Privatsendern kennt, bekommt ein völlig falsches Bild von dieser Sportart. Der glaubt womöglich, hier würden junge Menschen erst beibringen, andere so richtig zu verprügeln.

"Ganz oben steht für mich dabei der Respekt"

Aber die Brutalität und das viele Geld, mit dem das Profiboxen seine Zuschauer zieht, hat mit meiner Welt sehr wenig zu tun. Als Amateur gehörte ich einmal zu den Besten meiner Gewichtsklasse. Aber noch mehr als sportliche hat mich das Boxen menschliche Qualitäten gelehrt.

Ganz oben steht für mich dabei der Respekt. Als Leiter der Boxabteilung von 1860 München und Anti-Gewalt-Trainer achte ich sehr darauf, dass sich meine Schüler mit Wertschätzung begegnen. Den Gegner nach einem harten Kampf zu umarmen: Das zeichnet unseren Sport aus.

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Oft gelingt das im Ring leichter als draußen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob das Leben nicht einfach ein Abbild des Boxens ist. Nirgendwo werde ich direkter mit meinen Ängsten, meinen Vorurteilen, meinen Schwächen und Stärken konfrontiert als im Ring.

Hier muss jeder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Sich an Regeln zu halten. Und seine Aggressionen zu kontrollieren. Wer das nicht schafft - der verliert nicht nur einen Boxkampf, sondern auch im richtigen Leben.

"Manche meiner Schützlinge sind auch vorbestraft. Aber egal..."

Frieden schaffen, das heißt für mich insbesondere, niemanden wegen seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seines Aussehens anzugreifen oder abzuwerten. Als junger Trainer lieferte ich da mal eine Szene, die mir heute peinlich ist: Beim Basketball waren ich und einer meiner Box-Schüler mit den Köpfen zusammengestoßen, es tat sehr weh, und weil ich ihn seiner Tattoos wegen für einen Rechten hielt, rief ich: "Du Scheiß-Nazi, das hast du absichtlich gemacht." Mein Gegenüber war zutiefst getroffen. Er hatte sich entschuldigt, und nun setzte er sich zu mir und erklärte mir, wie falsch ich ihn einschätzen würde.

Heute bin ich stolz darauf, Menschen aus fast 40 Nationen bei mir im Boxtraining zu haben. Darunter Akademiker und Sozialhilfeempfänger, Schüler und Unternehmer, Türken und Kurden, Deutsche und afrikanische Geflüchtete. Manche meiner Schützlinge sind auch vorbestraft. Aber egal, was du bisher im Leben angestellt hast - ich nehme jeden im Verein auf.

"Ich erinnere mich an meinen eigenen Vater"

Weil ich noch weiß, wie es mich als türkischen Jugendlichen in München schmerzte, wenn der Türsteher mal wieder sagte: "Du nicht!" Oft rückt erst der persönliche Kontakt Vorurteile zurecht. Als mal eine Gruppe vorbestrafter Skinheads im Rahmen eines Anti-Gewalt-Trainings zu mir ins Training kam, ließ ich sie zusammen mit Afrikanern, Türken, Russen Liegestütze und Laufrunden absolvieren. Sie machten alles brav mit.

Danach fragte sie einer unserer Boxer: Warum seid ihr so gegen Ausländer? Ihr wisst doch, dass der Ali auch Türke ist." Ja der Ali ist ja auch was anderes", entgegneten sie. Da konnte ich sie packen: Habt ihr schon mal mit anderen Türken - ohne Streit und Schlägerei - zu tun gehabt? Am Ende machten sie Selfies mit mir, ich blieb mit einigen noch jahrelang telefonisch in Verbindung.

Viele meiner Schüler erleben unseren Verein wie eine Art Ersatzfamilie. Mit mir als Vaterfigur. Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich diese Rolle so bereitwillig annehme. Vielleicht will ich an anderen etwas gut machen, was mir selbst in meiner Kindheit gefehlt hat. Ich erinnere mich an meinen eigenen Vater, der oft gewalttätig war und mich durch seine Brutalität mehr seelisch als körperlich verletzt hat.

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Ich habe ihn trotzdem geliebt. Deshalb kann ich viele der Jugendlichen verstehen, die Gewalterfahrungen durchgemacht haben. Egal ob sie Täter oder Opfer waren: Das Boxen kann ihnen Halt geben. Wenn neue Schüler zu mir ins Training kommen, schaue ich mir jeden einzeln genau an: Wer kommt allzu großspurig daher? Wer wirkt hilfsbedürftig? Die Sprücheklopfer bekommen schon mal einen Dämpfer.

"Oft geben sie alles für ein bisschen Anerkennung"

Ganz anders gehe ich mit denen um, die sich offensichtlich selbst nichts zutrauen. Wenn ich ihnen im Training auf die Schulter klopfe und sage "gut gemacht! Weiter so! Aus dir kann ein ganz feiner Kerl werden", dann weiß ich, sie sind das nächste Mal wieder dabei. Oft geben sie alles für ein bisschen Anerkennung. Weil sie das nicht kennen. Weil sie zu Hause oder in der Schule sonst nie ein Lob hören.

Oft sind es diese Jungs, die verhaltensauffällig werden, die versuchen, wenigstens durch Schlägereien oder krumme Dinger von sich Reden zu machen. Das heißt nicht, dass ich sie nicht zur Rede stelle. Mein Motto lautet vielmehr: Dein Verhalten ist scheiße, aber als Mensch mag ich dich.

Bei vielen meiner Boxschüler konnte ich zuschauen, wie sie ihre destruktiven Verhaltensweisen nach und nach fallenließen, ihr Leben aus einer neuen Perspektive anpackten. Einer von ihnen etwa galt als Schläger und Kleinkrimineller. Heute hat er sein Informatikstudium abgeschlossen, arbeitet als Wirtschaftsprüfer und übernimmt ab und zu das Anfänger-Training.

Ein anderer Schüler wurde zu mir geschickt, weil er an seiner Schule mit Gewaltdrohungen aufgefallen war. Er ließ anfangs den Kopf hängen, sah niemanden direkt an, hielt sich für einen Verlierer: Ich kann das nicht, ich schaffe das nicht.

Zum ersten Mal nicht Verlierer sein - und Freunde finden

Aber es gefiel ihm, wenn ich ihn in den Arm nahm und mit ihm redete. Nach einigen Monaten im Boxtraining fing er an, anderen in die Augen zu sehen. Er schrieb zum ersten Mal gute Noten, fand an seiner Schule Freunde - und schaffte es, diejenigen, die ihn früher mal gehänselt hatten, selbstbewusst zu ignorieren. Ich habe das Gefühl, dass wir anfangen müssen, im Kleinen Frieden zu stiften, dann kann es auch in der Gesellschaft klappen.

In unserem Verein trainieren viele junge Geflüchtete mit. Ich habe seit sechs Jahren in verschiedenen Einrichtungen Geflüchtete betreut - und im Training die klare Ansage gemacht, dass sie bei uns willkommen sind. Für viele von ihnen war das Boxen ein Weg, Anerkennung zu bekommen, Freunde zu finden, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Einige haben es sogar bis zur bayerischen und sogar deutschen Meisterschaft gebracht.

"Du hast immer die Wahl, sage ich ihnen"

Aber: Sportliche Titel sind nicht alles. Noch mehr als ein Pokal freut mich, wenn einige der jungen Menschen bei mir ihr Selbstbild zum Positiven ändern. Du hast immer die Wahl, sage ich ihnen. Entweder du siehst dich als Opfer - oder du erkennst deine Chancen.

Aus diesem Grund haben wir uns einen Partnerverein in einem der ärmsten Slums von Accra in Ghana gesucht. Zu oft hatte ich im Training Beschwerden gehört: Die Halle sei zu klein, die Umkleiden schmutzig, die Duschen kaputt. Außerdem fühlen sich viele meiner Jugendlichen grundsätzlich benachteiligt: Immer die ersten, die die Polizei kontrolliert, dauernd am Kämpfen, um mit ihrem Lehrlingsgehalt im teuren München über die Runden zu kommen.

Ich wollte dagegen meinen jungen Boxern mal die Gegenperspektive bieten: Wie privilegiert sie eigentlich sind. Zwölf von ihnen hatte ich zu einem Trainingscamp bei unseren ghanaischen Freunden mitgenommen. Dort mussten sie morgens einen Eimer mit Wasser zum Waschen aufs Zimmer tragen. Und unser Boxgym bestand im Wesentlichen aus vier Wänden auf einer Müllhalde.

Der Traum von einer vernünftigen Halle

Die Reise - sie ist Teil des Kinofilms "Lionhearted", der meine Arbeit mit den Jugendlichen begleitet - hat viele nachdenklich gemacht. Allein wegen den vielen Schuhen und der Box-Ausrüstung, die sie im Gegensatz zu ihren ghanaischen Trainingspartner hatten.

Trotzdem vermisse ich hierzulande oft das Verständnis dafür, was wir mit unserem Verein leisten - nicht nur sportlich, sondern als soziales Projekt. Wo sonst arbeiten Jugendliche aus so vielen verschiedenen ethnischen, religiösen und gesellschaftlichen Milieus so selbstverständlich zusammen? Und wie oft haben Problemkinder und Außenseiter hier gelernt, sich wieder als Teil der Gesellschaft zu begreifen?

Unsere Trainer arbeiten dafür ehrenamtlich bis zu zehn Stunden die Woche - während wir die Kommunen regelrecht anbetteln müssen, uns wenigstens eine vernünftige Halle zu stellen. Was mir jetzt - während der Corona-Krise - am schwersten fiel? Jugendliche, die gerne mittrainieren wollten, abzuwimmeln. Ich wünsche mir, dass ich bald wieder sagen kann: "Komm vorbei, du bist willkommen!"


Der Kinofilm "Lionhearted - aus der Deckung", der Ali Cukur und seine Arbeit porträtiert, soll am 21. Januar in die Kinos kommen

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