"Finsternis" im Residenztheater: Menschliches - live aus der Küche

Nora Schlocker inszenierte "Finsternis" von Davide Enia am Residenztheater - erst für den Livestream, jetzt vor vollem Haus.
| Mathias Hejny
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Robert Dölle auf der Bühne beim Einkochen von Orangenmarmelade.
Birgit Hupfeld Robert Dölle auf der Bühne beim Einkochen von Orangenmarmelade.

München - Diese Krise ist aus dem Fokus geraten, aber auch im vergangenen Jahr zählte die UNO fast 1.600 Menschen, die beim Versuch, mit der Flucht vor Kriegen und aus Hungergebieten über das Mittelmeer ins gelobte Europa zu kommen, starben oder zumindest vermisst sind. "Finsternis" nach dem Roman "Schiffbruch vor Lampedusa" von Davide Enia hat daher nichts an Brisanz verloren.

Finsternis: Erst Livestream, jetzt live

Auf dem Spielplan des Residenztheaters ist die Inszenierung von Nora Schlocker neu, aber die Premiere fand schon im Februar vergangenen Jahres statt. Damals waren die Theater im Lockdown und die Produktion war ein exklusives Erlebnis für jeweils 15 Teilnehmer von Zoom-Konferenzen am heimischen Rechner.

Die Livestreams wurden mit zwei Kameras aufgenommen und zeigten den Erzähler beim Einkochen von Orangenmarmelade in seiner Küche. Zwar saß das Publikum vor Bildschirmen, aber der für diesen Monolog mit dem AZ-Jahresstern ausgezeichnete Robert Dölle schafft die Nähe eines Besuchs bei einem guten Freund, der einem von seinen Erlebnissen erzählt.

Zu denen gehört ein Besuch auf der Insel Lampedusa. Für das Münchner Literaturfest hatte Enia von Albert Ostermaier den Auftrag, über Exil und Asyl zu schreiben. Auf der Insel kurz vor Afrika wurde er am 3. Oktober 2013 Zeuge eines Bootsunglücks, dem 545 Flüchtende zum Opfer fielen.

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Der anonymen Statistik setzt der Schriftsteller aus Palermo zwei individuelle Persönlichkeiten entgegen: Seinen äußerst wortkarger Vater und seinen lebensfroher Onkel Beppe. Der wird an Leukämie sterben, was der Ich-Erzähler ebenso wenig verhindern kann wie das Massensterben im Mittelmeer.

Robert Dölle macht sowohl von der "Entmenschlichung" der von Salzwasser und hungrigen Fischen entstellten Toten als auch von der Trauer über den sterbenden Onkel nicht viel Aufhebens. Aber eben das ist ein Kunstgriff, der Empathie und tiefe Betroffenheit erzeugt, ohne mit viel pathetischer Gefühligkeit vom Grauen abzulenken. Überraschend ist dabei, wie der Umzug der Inszenierung vom Spiel vor der Kamera in das mit über 800 Plätzen nicht gerade intime Residenztheater funktioniert hat.

55 Minuten über den Tod und den schönen Instinkt, zu helfen

Nora Schlocker lässt vor dem Eisernen Vorhang auf einer Vorbühne spielen, die über die ersten Sitzreihen gebaut ist. Dort stellte das Ausstatterduo Rosanna König und Jonas Vogt ihre naturalistische Küche auf. Die Laptopkamera überträgt zeitweilig ihre Bilder auf eine Projektionsfläche, auf der besonders die Telefonate mit Vater, Onkel und Freunden übergroß und mit enormer Intensität zu verfolgen sind. Der Mann in der Küche klagt nicht an, macht keine Vorwürfe, sondern erzählt schlicht und doch komplex.

Die nur 55 Minuten dauernde Vorstellung ist prall gefüllt mit Leben und Tod ebenso wie mit den Grausamkeiten, die sich Menschen antun können sowie, und das ist das Tröstliche, dem ebenso menschlichen Bedürfnis, zu helfen.


Residenzheater, 20. Mai, 19 Uhr, 3. Juni, 20.30 Uhr, 21. Juni, 20 Uhr, Telefon 21852140

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