"Touch" in den Kammerspielen: Gegenseitige Berührung erwünscht

Falk Richters assoziationssatte Inszenierung "Touch" zur Saisoneröffnung an den Kammerspielen.
| Michael Stadler
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"Touch me!": Ulriqa Fernqvist singt "The sun always shine on TV" von A-ha und drückt eine Sehnsucht nach Berührung aus, die schon in höfischen Zeiten oft unerfüllt blieb.
"Touch me!": Ulriqa Fernqvist singt "The sun always shine on TV" von A-ha und drückt eine Sehnsucht nach Berührung aus, die schon in höfischen Zeiten oft unerfüllt blieb. © Reinichs/Kammerspiele

Keine Frage: Wir befinden uns in Zeiten der sozialen Kälte, virus-bedingt einerseits, weil der Sicherheitsabstand zueinander einzuhalten ist, andererseits aber auch, weil das digitale Zeitalter uns schon längst voneinander entfremdet hat. Corona hat nur verstärkt, was schon längst da war. Auch darum geht es in Falk Richters Inszenierung "Touch", mit der die Kammerspiele jetzt in die Saison starteten, mit Barbara Mundel als neuer Intendantin. Kann ihr Theater etwa etwas Wärme spenden?

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Goldenes Gehirn auf der Bühne der Kammerspiele 

Auf der Bühne der Kammerspiele strukturieren zunächst ein paar lose platzierte Fake-Eisschollen den Raum. Darüber im Hintergrund hängt riesig eine Platine, deren Schaltbahnen sich unübersichtlich verzweigen und irgendwo enden. Vor dieses Bild schiebt sich im Laufe der Inszenierung, ganz plastisch, ein goldenes Gehirn, wulstig seine Windungen, ein riesiges Organ. So hat man die Innenansicht in irgendein elektronisches Gerät und die Außenansicht unseres Denkapparats (wobei später die Synapsen leuchten), und es ist schon recht rätselhaft, wie diese Systeme funktionieren.

"Alles hängt mit allem zusammen", stellt Vincent Redetzki, Teil des vielköpfigen Ensembles, einmal fest, womit er den Parade-Satz eines (Corona-)Verschwörungstheoretikers ausspricht, aber auch das Prinzip des Abends zusammenfasst. Falk Richter nimmt das titelgebende Thema der Berührung als Ausgangspunkt für einen assoziativen Rundumschlag, in dem individuelle, womöglich ja von vielen geteilte Einsamkeitserfahrungen, aber auch die globale Klimakrise, Viren befördernde Tierquälerei und vieles mehr eine Rolle spielen dürfen, mit Corona als zentralem, da gerade aktuellem Schaltkreis.

"Touch" ist überdeutliche Gesellschaftskritik

Vieles wirkt smart in seiner Verknüpfung, aber gedanklich kühl und nicht immer geschmackssicher. Die Atemnot mancher Corona-Kranker etwa schließt Falk Richter, der auch den Text zu diesem Abend verfasste, mit dem Ertrinkungstod von Flüchtlingen im Mittelmeer kurz. Später lässt er Marie Antoinette als zeitlose Oberschichts-Diva auftreten, die sich darüber freut, "dass an ihrem 69. Geburtstag ausgerechnet 69 Flüchtlinge zurück ins Meer gestoßen werden konnten". Zudem isst die Aristokratin weiterhin gerne Kuchen und hätte Lust, mal wieder einem Konzert beizuwohnen.

Die Gesellschaftskritik drückt Richter einem da überdeutlich aufs Auge. Er hat aber mit Anne Müller auch eine Schauspielerin, die aus dem Marie-Antoinette-Solo eine furiose Schau macht. Solche starken solistischen Momente gibt es immer wieder, im Wechsel mit Dialogen und Tanzeinlagen, die den Einzelnen in eingestreuten synchronen Bewegungen zumindest kurz in einer Gruppe Gleichgesinnter aufgehen lassen.

Nackte Haut zum Saisonstart in den Kammerspielen

Das Team ist bunt zusammengewürfelt: Neue und alte Ensemblemitglieder der Kammerspiele treten auf, dazu Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie von Choreographin Anouk van Dijk, deren Handschrift sich zu der von Falk Richter gesellt. Er ist für die Gedanken und der Inszenierung derselben zuständig, sie steuert die sinnlichen Bewegungen bei.

Die tänzerischen Gesten lassen sich dabei mehr oder minder leicht dechiffrieren. Ein kurzes Hochziehen der Oberbekleidung macht etwa immer wieder den Blick auf die nackte Haut frei; dem Betrachter wird buchstäblich eine offene Flanke geboten. Wer sich nach Berührung sehnt, geht eben auch das Risiko ein, verletzt zu werden. Nicht immer wirkt diese Verbindung von Schauspiel und Tanz jedoch sonderlich sinnstiftend. Stattdessen erscheint vieles disparat, einzeln geprobt, dann zusammengestückelt.

Corona-Schutzanzug als Bühnenoutfit

Die Ordnung, wie wir sie zu kannten vermeinten, ist ja tatsächlich durcheinander geraten. Es bleibt nur noch die Collage, das Brainstormen, das Ausprobieren von Möglichkeiten. Kostümbildner Andy Besuch darf diverse Optionen für eine Corona-taugliche Bekleidung durchspielen, vom Schutzanzug mit Plexiglas-Visier bis hin zu wolligen, knallig farbigen Outfits, welche den gesamten Körper mitsamt Gesicht verhüllen.

Mal ist alles neon-gelb, dann dominiert die Farbe Lila, was dem Abend optisch Struktur gibt, aber auch nicht verhindert, dass man sich in einer Revue voller Tanz, Gesang und Schauspiel fühlt, in der alles flott touchiert wird, auf dass irgendein Moment tiefer berühren möge.

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Mittelstandsgesellschaft in Zeiten des Coronavirus

Für die Entschleunigung und den Stillstand lässt sich Falk Richter jedoch oft zu wenig Zeit. Klar greifbar ist eine ausgestellt boulevardhafte Vierer-Dinner-Szene, bei der über Berliner Schlauchbootpartys und Christian Drosten geschimpft und auch sonst alles aufgetischt wird, was den Leuten derzeit so durch den Kopf schießt. "Habt Ihr auch diese wahnsinnig schönen Klavierkonzerte von Igor Levit auf Twitter verfolgt jeden Abend?"

Dank solcher Online-Kultur konnte das Hipster-Bürgertum sich zumindest kurzzeitig vor einer Depression retten. Aber sich anfassen, gar miteinander schlafen ist nicht, wenn die neue Beziehung von einem Corona-Flirt rührt.

Klar: Über unsere Mittelstandsgesellschaft, die einige neue Dünkel in Zeiten der Pandemie entwickelt hat, darf man schon mal spotten. Bei aller Ironie lassen Falk Richter und sein Team jedoch auch ganz ernsthaft eine Melancholie aufscheinen, die nicht erst seit Corona existiert. Thomas Hauser als Mann vor dem Kühlschrank, der sich selbst nicht mehr kennt und spürt, weil ihm die Berührung von außen fehlt, ist wohl kein Einzelfall, sondern Repräsentant von vielen. Dieser Isolation steht, wie eh und je, das Theater als Ort der Gemeinschaft und gegenseitigen Berührung gegenüber, wenn auch im geistigen Sinne.

Start von Intendantin Barbara Mundel

Während des Premieren-Applauses kamen neben Falk Richter auch Barbara Mundel und Chef-Dramaturgin Viola Hasselberg auf die Bühne. Mundel konnte zu keiner Premierenparty einladen, aber bot sich und ihr Team als Gesprächskontakt an, war dabei sichtlich gerührt, dass nun in ihren Kammerspielen tatsächlich gespielt werden kann. Und ja: Das hatte schon einige Wärme.


Kammerspiele, 20., 22., 31. Oktober; jeweils ab 20 Uhr, Karten unter 089  - 233 966 00.

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