Interview

Kammerspiele-Intendantin Mundel: Start einer neuen Ära

Barbara Mundel im AZ-Interview über ihren Einstand und ihre Ideen an den Münchner Kammerspielen.
| Michael Stadler
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Barbara Mundel in der Falckenbergstraße am Eingang des Blauen Hauses, wo der Werkraum der Kammerspiele ist.
Barbara Mundel in der Falckenbergstraße am Eingang des Blauen Hauses, wo der Werkraum der Kammerspiele ist. © Paul Hutchinson

München - Schwerer könnte sich die Vorbereitung einer ersten Spielzeit wohl nicht gestalten: Barbara Mundel (61) tritt die Nachfolge von Matthias Lilienthal an den Kammerspielen an und muss nicht nur mit den Corona-Beschränkungen irgendwie umgehen, sondern hat auch drohende Budgetkürzungen von 6,5 Prozent seitens der Stadt vor Augen.

Doch: Die Verträge für diese Spielzeit sind gemacht, sagt Mundel. Wenn Sparmaßnahmen kommen, dann nicht für diese Saison. Und eigentlich müsse man gerade jetzt in Kultur investieren, weil wir sie umso mehr brauchen. 

Die Hildesheimerin war im Leitungsteam der Volksbühne Berlin unter Frank Castorf, Direktorin des Luzerner Theaters, Chefdramaturgin an den Kammerspielen unter Frank Baumbauer und seit 2006 war Intendantin am Theater in Freiburg.

Sie wirkt relativ gelassen - am Donnerstag geht's los, mit Falk Richters Projekt "Touch" im Schauspielhaus der Kammerspiele.

Einschränkungen durch die Corona-Pandemie

AZ: Frau Mundel, das Motto Ihrer ersten Spielzeit an den Kammerspielen lautet "Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen". Es ist wohl auch umgekehrt so, dass die Wirklichkeit Sie nicht in Ruhe lässt?
BARBARA MUNDEL: Genau! Wir lassen uns gegenseitig nicht in Ruhe.

Die Corona-Pandemie wird Sie und Ihr Team auch nach der Sommerpause eingeschränkt haben.
Ja. Aufgrund der Pandemie konnten wir einfach einige Ideen nicht realisieren. Das fängt schon damit an, dass Ensembleversammlungen nicht stattfinden können. Wir wollten eigentlich am 9. September im Circus Krone einen "Open Space" mit dem gesamten Haus veranstalten. Das ist ein wunderbares Format, bei dem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen all jene Themen, die sie beschäftigen, ansprechen und miteinander diskutieren können. Die Corona-Ampel, die wir regelmäßig auf der Webseite der Stadt München konsultieren müssen, sprang jedoch kurz zuvor auf Rot, weshalb wir alles absagen mussten. Mit über 200 Teilnehmenden war diese Veranstaltung selbst im Circus Krone nicht möglich.

"Die Hygiene-Maßnahmen förmlich durchbuchstabiert"

Sie starten in die Saison mit mehreren Inszenierungen. Wie ließen die sich gleichzeitig proben?
Wir mussten die Vorgänge extrem durchorganisieren. Jede Produktion musste unter sich bleiben, jedes Team hatte seine Ein- und Ausgänge. Auch die Techniker durften sich nicht untereinander mischen, keiner durfte die Aufbauten und Requisiten des anderen anfassen. In der Kantine waren für jede Produktion bestimmte Zeitfenster eingerichtet; es musste genau geplant werden, wann wer zum Essen kommt. Wir haben die Hygiene-Maßnahmen förmlich durchbuchstabiert.

Wobei die Teammitglieder dann doch nach der Probe in ihr Privatleben gehen.
Klar, da kann man nur an die Vernunft jedes Einzelnen appellieren. Aber bis jetzt sind wir verschont geblieben; insofern sind alle offenbar mit den Regeln sehr verantwortlich umgegangen.

Diese Disziplin ist nicht überall vonnöten. Sind Sie zwischendurch Bahn gefahren oder geflogen?
Ich musste einmal die Wochenend-Zug-Verbindung nutzen. Ich kann es nicht oft genug sagen: Warum in einem durchklimatisierten Raum wie den Kammerspielen nur 200 Menschen sitzen dürfen, während es in den Bahnen, Bussen und Flugzeugen möglich ist, dass die Leute eng nebeneinander sitzen, leuchtet überhaupt nicht ein.

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Digitaler Spielplan und Falk Richters Stück "Touch"

Dass Sie und Ihr Team sich derzeit schwer auf etwas festlegen können, zeigt sich auch darin, dass es kein Spielzeitheft gibt und nur die Termine für den Oktober bekannt gegeben wurden.
Dass wir kein Spielzeitheft veröffentlicht haben, ist nicht nur Corona-bedingt. Wir wollten von Anfang an ausprobieren, ob wir auch ohne ein großes, repräsentatives Spielzeitheft auskommen. Wir wollen auf digitale Kommunikation setzen und entwickeln eine Art Online Magazin: "Die neue Situation". Dass wir jetzt immer nur 14-tägig unseren Spielplan veröffentlichen, hängt jedoch mit Corona zusammen: Wir wollen nicht verfrüht Veranstaltungen ankündigen, um später melden zu müssen, dass diese doch ausfallen. Die digitale Kommunikation soll natürlich ergänzt werden, durch reale Begegnungen, Gesprächsformate und so weiter. Jetzt ist alles sehr schwierig.

Das Team von Falk Richters "Touch" ist international. Und war die ganze Zeit in München?
Ja. Und wir haben nach der Sommerpause alle getestet.

Wird in "Touch" Corona direkt thematisiert?
Corona hat sicherlich einen Einfluss auf die Proben und den Schreibprozess von Falk Richter gehabt. Er hat dann in der Sommerpause ein neues Stück geschrieben, in der es um Fragen von Nähe, der Isolation, der Einsamkeit, der sozialen Ungerechtigkeit geht. Corona lässt die Themen schärfer, klarer ans Licht treten.

Die Kunstform "Monolog"

Ebenso vereinzelt tritt Julia Häusermann am Samstag im Schauspielhaus in "Ich bin's Frank" auf.
Wir hatten von Anfang an eine Auseinandersetzung mit der Kunstform "Monolog" geplant. Ähnlich wird Johanna Eiworth mit "Liebe. Eine argumentative Übung" solo auftreten. Sivan Ben Yishais Stück wurde in Mannheim mit sechs Ensemblemitgliedern uraufgeführt, aber der Text gewinnt eine größere Dringlichkeit, glauben wir, als Monolog.

Wobei man sich bei einem Solo im Schauspielhaus wohl ziemlich verloren im Raum fühlt.
Ich finde, dass das Schauspielhaus der Kammerspiele ein ganz besonderer Ort ist, in dem die Konzentration auf eine Person sehr gut möglich ist. Es ist wirklich ein wunderbarer intimer Raum.

Ehemalige "Kammer 2" nun Therese Giehse gewidmet

Ihr Vorgänger Matthias Lilienthal hat bei seinem Einstand gleich mal Duftmarken gesetzt, indem er die Bühnen des Hauses in Kammer 1, Kammer 2 und Kammer 3 umtaufte. Sie kehren nun zu den Bezeichnungen "Schauspielhaus" und "Werkraum" zurück. Und haben die Kammer 2 umbenannt.
Ja, wobei mich der Gestus des Umbenennens wirklich gar nicht interessiert. Die alten Bezeichnungen sind doch während Matthias' Zeit präsent geblieben; wir revitalisieren letztlich nur das, was nie verschwunden ist. Und die "Kammer 2" hieß bei Johan Simons "Spielhalle", zuvor "Neues Haus", was wir nicht so überzeugend fanden. Gleichzeitig hatten wir eine junge Künstlerin damit beauftragt, eine Büste von Therese Giehse für das Foyer des Schauspielhauses zu fertigen, um den vier bereits vorhandenen Bronzebüsten endlich etwas entgegenzusetzen. Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass es doch richtig wäre, Therese Giehse einen Raum zu widmen.

Therese Giehse war eine Schauspielerin, die die Kammerspiele mit ihrem Spiel stark prägte…
…und die auch ein faszinierendes Vorbild ist: eine Jüdin, die sich von den Nationalsozialisten nicht vereinnahmen ließ, die in einer Paarbeziehung mit Erika Mann gelebt hat, die nicht in München, sondern in Zürich begraben werden wollte, weil sie nie ganz verwunden hat, wie hier mit ihr umgegangen wurde, auch wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg erneut hier auftrat. Sie ist eine Persönlichkeit, die es schon längst verdient hat, im Gedächtnis des Hauses sichtbar präsent zu sein.

Feminismus im Programm und in Personalfragen

In dieser Spielzeit wird ein Stück über die "Bayerischen Suffragetten" entwickelt, es gibt einen Abend mit Texten von Gisela Elsner, eine Adaption von Gabriele Tergits Roman "Effingers". Auch wenn Sie es sich nicht ans Revers heften, verfolgen Sie ein feministisches Projekt an den Kammerspielen?
Ja. Sivan Ben Yishais "Liebe. Eine argumentative Liebe" gehört zum Beispiel auch dazu. Und das "Suffragetten"-Projekt soll ein längerfristiges Projekt werden, auch in Kooperation mit Partnern in der Stadt. Wir wollen dabei ergründen, was damals geschah und an welchem Punkt wir heute stehen. Von was reden wir eigentlich, wenn wir heute von Feminismus sprechen? Ich finde dabei nicht, dass die Auseinandersetzung mit feministischen Themen etwas mit Geschlechterzuweisungen zu tun hat. Dass Jan Bosse, zusammen mit Viola Hasselberg zum Beispiel "Effingers" adaptiert, finde ich vollkommen in Ordnung.

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Wobei Sie gleichermaßen Regisseurinnen und Regisseure beschäftigen.
Ja, wir richten ein Augenmerk auf all diese Fragen, die längst in den Stadttheatern aufgeworfen werden, aber zum Teil immer noch nicht befriedigend geklärt sind. Wie sieht es mit gleichberechtigter Bezahlung aus, wie paritätisch besetzt ist das Ensemble, wer sitzt in den Führungspositionen? Eine Zeit lang war ich für die Quote, aus einer Verzweiflung heraus, dass sich die Dinge so schwerfällig bewegen. Wir versuchen jetzt, aufmerksam und sensibel zu beobachten, wie die Situation sich am Haus entwickelt.

Reale und unsichtbare Barrieren beseitigen

Auffällig ist auch, dass mehrere neue Ensemblemitglieder Menschen mit Beeinträchtigung sind.
Ja, wobei wir da gerade besonders bitter die Konsequenzen von Corona zu spüren bekommen. Menschen mit geistiger Beeinträchtigung bewegen sich derzeit fast gar nicht mehr in der Öffentlichkeit, sind sehr isoliert. Das ist ein nicht gehörtes Problem. Wir haben lange um "Ich bin's Frank" mit Julia Häusermann gebangt.

Es gab bei Matthias Lilienthal bereits schon einige Beschwerden, als Franz Rogowski auf der Bühne leicht lispelte.
Aber das war dann auch bald kein Thema mehr, oder? Von solchen Beschwerden kann man sich nicht entmutigen lassen. Es wäre doch wunderbar, wenn sich alle auf der Bühne repräsentiert fühlen. Und es ist künstlerisch eine große Bereicherung.

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Den Vorwurf des "Laientheaters" gab es auch schon bei Lilienthal. Darüber würden Sie stehen?
Ja, absolut. Wobei die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Beeinträchtigung, die wir im Ensemble haben, keine Laien sind. Und man muss sich nur an Christoph Schlingensief und seine Schauspieltruppe erinnern, um zu wissen, dass die Einbindung von "Laien" unfassbar viel Potential hat.

Muss das aber im Goldrahmen des Schauspielhauses stattfinden?
Ja. Muss es. Genau da muss es stattfinden. Es geht ja gerade um Zugänglichkeit: Nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung haben in unserer Gesellschaft das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Wir müssen das hinkriegen, reale und unsichtbare Barrieren zu beseitigen. Es tut uns nicht gut, all das, was uns ausmacht, mit Ängsten und Tabus zu belegen. Ich glaube, dass das für uns alle eine große Bereicherung sein wird, wenn wir gemeinsam lernen, frei miteinander umzugehen und für jeden Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Der Goldrahmen sollte für alle da sein.


Die Kammerspiele eröffnen am Donnerstag ihre Saison mit Falk Richters "Touch", im Schauspielhaus. www.muenchner-kammerspiele.de, Karten: Telefon 089 233 966 00

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