Bye, bye, Matthias Lilienthal!

Am letzten Spieltag der Intendanz von Matthias Lilienthal übernehmen die Frauen das Ruder in den Kammerspielen
| Michael Stadler
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Mit diesem Team ist nicht zu spaßen: Die Organisation BAM will dem Patriarchat die Waffen abknüpfen und danach ganz innovative Botschaften in die Welt schießen (v.l.n.r.: Zeynep Bozbay, Julia Windischbauer, Gro Swantje Kohlhof sowie Anführerin Annette Paulmann).
Nicole Marianna Wytyczak Mit diesem Team ist nicht zu spaßen: Die Organisation BAM will dem Patriarchat die Waffen abknüpfen und danach ganz innovative Botschaften in die Welt schießen (v.l.n.r.: Zeynep Bozbay, Julia Windischbauer, Gro Swantje Kohlhof sowie Anführerin Annette Paulmann).

Zum Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal, an seinem letzten Spieltag an den Kammerspielen wird klar: Die Stunde der Frauen hat endgültig geschlagen. Denn das Patriarchat ist richtig müde.

„Wer Uniform und Waffe trägt, hat Macht“, heißt es zu Beginn des von dem scheidenden Ensemblemitglied Julia Riedler und Dramaturgin Anna Gschnitzer entwickelten und gedrehten Kurzfilms „BAM – Bodies of Armed Matriarchy“, der ab Montagabend für 24 Stunden auf der Webseite der Kammerspiele, in der „Kammer 4“ abrufbar war.

Macht bedeutet Verantwortung und die können die Männer leider nicht mehr tragen, erzählt Riedler aus dem Off, weshalb „BAM“ ihnen entschlossen sämtliche Waffen abnehmen will, eine durchweg weibliche Organisation, ja, Guerilla-Truppe, der Julia Riedler als Reporterin in dieser dreiteiligen „Skandalreportage“ auf den Zahn fühlt.

Mit dem Schalk im Nacken

Was dann folgt, ist eine Mockumentary im Stile einer sensationsgeilen RTL-Aufdeckungs-Story, mit ordentlich feministischem Schalk im Nacken. Die Reporterin besucht die BAM-Kämpferinnen in ihrem Hauptquartier, das mit seinen abgehalfterten Hochhaus-Bauten aussieht, als habe BAM sich eher in der Sowjetunion als im trauten Bayern eingenistet.

Gedreht wurde im Nordwesten Münchens; in den Credits dankt das Team der „königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft ,Der Bund‘ in Allach“. Draußen auf dem Gelände und drinnen fand sich offenbar genug Gelegenheit, mit geliehenen oder falschen Waffen herumzuballern, zu posieren, und dabei einem Militarismus zu frönen, der genauso heiter parodistisch wie bedrohlich dystopisch wirkt. Denn das anvisierte Matriarchat wirkt nicht viel harmloser als das abgelöste Patriarchat, sondern nimmt sich vielmehr einiger Verhaltensmuster an.

So ist der Film in jeder Hinsicht ein Stück Appropriation Art: Die Frauen des Kammerspiele-Ensembles übernehmen das männliche Waffengehabe, verströmen Coolness wie in einem Tarantino-Film, wobei die trashig-billige Ästhetik mehr an einen Klaus-Lemke-Film erinnert, nur dass die selbstbewusste Sexyness der Frauen und ihr (angeeigneter) Machismo hier wesentlich schlitzohriger daherkommt.

Die Anziehung der Macht

Eine „Absage an den stringenten, patriarchalen Plot“ soll dieser knapp halbstündige Kurzfilm zudem sein, aber so wild avantgardistisch ist „BAM“ dann doch nicht geworden. Stattdessen wird mit alt bekannten Genre-Mustern gespielt: Die Reporterin wird von Pressesprecherin Ulrike Deingut (Julia Windischbauer) in den BAM-Kosmos eingeführt, lässt sich von der Anziehungskraft der Macht immer mehr verführen, verliebt sich in Top-Scharfschützin Rosa Lichtenstein (Gro Swantje Kohlhof) und zieht sich damit die mörderische Eifersucht einer typischen Antagonistin (Zeynep Bozbay) ein.

Über allem thront Annette Paulmann als am Bein angeknackste Anführerin, die mit ihrem Charme selbst den Kalten Krieg zum absoluten Gefrierpunkt gebracht hätte. Der geheime Inhalt eines Raums wird am Ende enthüllt; statt dem Auge von Sauron, wie man es aus dem „Herr der Ringe“ kennt, zeigt sich eine dunkle, große Vulva. Dass das Matriarchat die Weltherrschaft übernehmen wird – davon ist man am Ende überzeugt. Und auch wenn diese Zukunft nicht nett sein wird, ist es dennoch gut so.

Dass eine weibliche Zukunft genauso fulminant, aber wesentlich sanfter aussehen kann, durfte man gleichzeitig in der Kammer 1 noch mal mit den „Räuberinnen“ erleben. Leonie Böhms Inszenierung mit Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau, Julia Riedler und Musikerin Friederike Ernst hat nichts an Frische verloren. Zuletzt, als sie nackert eine vom Patriarchat befreite, neu gefundene Unschuld und Spiellust zelebrieren, gesellen sich zur finalen Rutschpartie auf dem mit Chlorwasser befeuchteten Boden weitere Ensemblemitglieder.

Matthias Lilienthal ist auch dabei und lässt sich im gelben T-Shirt über den Boden gleiten. Auf Augenhöhe der Intendant, unprätentiös wie immer.

Nach fünf Jahren Rutschpartie, mit Ausrutschern und einigen Inszenierungen, die flutschten, war das ein passendes, rührendes Finale. Das Ruder übernimmt jetzt Barbara Mundel mit ihrer Chefdramaturgin Viola Hasselberg. Bye, bye, Matthias Lilienthal, es war schön mit dir. Jetzt kommen die weiblichen Führungskräfte.

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