Tiroler Festspiele in Erl: Kirschblüte im Winter

Die Tiroler Festspiele in Erl locken mit Raritäten von Pietro Mascagni und Adolphe Adam.
| Wolf-Dieter Peter
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Szene aus dem "Postillion von Lonjumeau".
Szene aus dem "Postillion von Lonjumeau". © Xiomara Bender

Ach, diese Oper mit all ihrem Blut und Tod - und all dem Jubel darum herum! Mit "2G plus Maske" locken die Festspiele in Erl nun nicht nur mit zwei Besonderheiten des Repertoires: beide Male triumphieren außerdem ganz untragisch positive Emotionen bis hin zur großen Liebe.

Pietro Mascagni wollte 1891 das Gegengewicht zu seiner "Cavalleria rusticana" schaffen. Der Erfolg von "L'amico Fritz" war damals groß. Verdis gnadenlosem Verdikt über Libretto und Komposition stand Gustav Mahlers Engagement für das Werk gegenüber: "Zwischen Mascagni und mir gibt es eine unendlich große Wahlverwandtschaft." Auch zu unserer derzeitigen Phase von Distanz und Liebesverhinderung gibt es Parallelen.

Theater auf dem Theater im "Postillion von Lonjumeau" bei den Tiroler Festspielen in Erl kurz hinter der Grenze bei Oberaudorf.
Theater auf dem Theater im "Postillion von Lonjumeau" bei den Tiroler Festspielen in Erl kurz hinter der Grenze bei Oberaudorf. © Xiomara Bender

Das Solisten-Ensemble ist durchweg gut

Da ist dieser reiche elsässische Großgrundbesitzer Fritz: fröhlich überzeugter Junggeselle. Doch nutzt er seinen Reichtum nicht für Distanz, vielmehr hilft er großzügig und gegenüber seinem engsten Vertrauten, dem Rabbiner David, verwettet er einen ganzen Weinberg. David erkennt in der Kleinbauerntochter Suzel die reiche Seele, die heimliche Liebe zu Fritz - und nach Spannungen erkennt auch Fritz die Übermacht der Liebe über alles Junggesellentralala.

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Mascagni hat für diese Emotionen mitsamt Frühling, Kirschblüte und süßen Kirschfrüchten, Scheiternsangst und finalem Liebesglück eine ebenso heftig wallende Musik für großes Orchester komponiert. Die aus etwa 20 Nationen stammenden Instrumentalisten des Tiroler Festspielorchesters Erl brennen in Lockdown-Zeiten vor Spielfreude und die linke Hand von Jung-Dirigent Francesco Lanzillotta konnte gar nicht genug dämpfen - es wurde ganz groß aufgespielt und dementsprechend gesungen, so dass wagnerianische Liebesräusche tosten.

Im durchweg guten Solisten-Ensemble sangen folglich Gerard Schneider und Karen Voung als Fritz und Suzel, als würde Lautstärke wirklich ihr Liebesleben retten. So ragte der slowenische Bariton Domen Križaj als David künstlerisch heraus: ein warm und füllig strömender, gelegentlich dunkel timbrierter Bariton, dessen große Bibel-Szene, in der er Suzel Parallelen zu Rachel offenlegt, zu einem Höhepunkt geriet - da kann ein Verdi-Bariton von großem Format heranwachsen. Das weibliche Bühnenteam um Regisseurin Ute Engelhardt glaubte mit symbolistischen Traumszenarien verbessern zu müssen, leider fehlte es an ausdifferenzierter Personenregie.

In den dunklen Zuschauerraum tönt lautes Gebrüll

Dafür dann reizvoll-amüsantes Zusammenspiel von Ausstatter Kaspar Glarner, Regisseur Hans Walter Richter und Dirigent Erik Nielsen in Adolphe Adams "Le Postillon de Lonjumeau". Über die gleichnamige Arie hinaus bietet das Werk im Kostüm der Zeit um Ludwig XV. ein entlarvendes Rollen- und Statusspiel in Theater und Gesellschaft. Glarner hat ein mehrfach von Bauern gedrehtes Theater-Bühnen-Haus gebaut: mit bespielter Vorder- und Hinterbühne sowie Seitengassen, vielfachen Vorhängen, Kristalllüstern und Kulissenimitaten; es führt wie nebenbei ganz wirbelig, spielerisch und amüsant das bis heute nachwirkende Theater des 18. Jahrhunderts vor.

In den schon dunklen Zuschauerraum tönte Gebrüll - und kurz drauf schritt "Sa Majesté" Louis XV. im Zobelornat quer durchs Proszenium und wies rüde den unterwürfig eitlen Marquis de Crocy (treffend gespreizt: Steven LaBrie) an, gefälligst Ersatz für den liebestoll entflohenen Startenor der Opéra Royale aufzutreiben - eben den Postillon mit dem hohen D.

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Erst nach dieser Zutat setzte Dirigent Erik Nielsen mit der Musik ein. Dem Kreislauf von Land-, Theater- und Pariser Adelsleben setzten Regie und Kostüm immer wieder kleine Blitzlichter des Amüsements auf, dabei Rollenspiele auf dem Theater wie im realen Leben als zeitlos entlarvend. Herausragte dabei Gabriel Wanka, der als eckig-resolute Kammerzofe Rose erst Madeleine de Latour umtanzte, sich dann in einer hinreißend halbgrotesken Solonummer an den Marquis ranschmiss, zunächst kein Engagement bekam - aber im Finale mit einem Marquis-Kuss ganz anders engagiert wurde: So gekonnt unaufdringlich lässt sich LGBT eben auch einbauen und inszenieren.

Elsässischer Festtaumel in "L'amico Fritz" von Pietro Mascagni.
Elsässischer Festtaumel in "L'amico Fritz" von Pietro Mascagni. © Xiomara Bender

Ein rundum gelungener Festspielabend - trotz Maskenpflicht

So geriet der ganze Abend zu einem reizvollen Zerr-Spiegelbild all unserer Rollen - gesteigert durch vielfältige Musik, die in schönen Arien der Liebenden und fetzigen Finali alles trug und überhöhte.

Gesungen wurde auch noch standesgemäß: schön bassbaritonal polternd von Joel Allison, der es vom Schmied zum Choristen und Solisten an der Oper bringt und von Monika Buczkowska, deren weibliche Rache in der Höhe mehrfach zu hart geriet. Und das durchweg gute Restensemble überstrahlte Francesco Demuro mit den auch heute extrem klingenden hohen Ds, weitaus schöner beeindruckend mit den hohen A, H und Cs. Ein rundum gelungener Festspielabend - trotz Maskenpflicht für die Zuschauer.


Der "Postillion von Lonjumeau" wieder am 30. Dezember und am 5. Januar gespielt, "L'amico Fritz" am 2. und 4. Januar. Infos unter tiroler-festspiele.at

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