Kritik

Theaterakademie im Prinze: Die Liebe ist kein Gepäckstück

Theaterakademie im Prinzregententheater: Gioachino Rossinis Komödie "L'occasione fa il ladro" inszeniert von Bettina Bruinier.
| Michael Bastian Weiß
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Großartig: Franziska Weber (links), Jihoon Son, Philipp Moschitz, Camilla Saba Davies und Caspar Krieger.
Großartig: Franziska Weber (links), Jihoon Son, Philipp Moschitz, Camilla Saba Davies und Caspar Krieger. © Jean-Marc Turmes

München - Wortreich stellt der Diener seinen Herrn als braven Mann dar. Sein Kollege greift ihm dabei unter die Arme, und zwar ganz wörtlich: Der Schauspieler Philipp Moschitz steht hinter dem Sänger und übernimmt seine Gestik, macht frivole Andeutungen - und straft ihn damit Lügen. 

Isaac Tolley als loyaler Diener: Selten komische Bedrängnis

Nummern wie diese gehören zum Standard des Vaudeville-Theaters, und hier ist sie so perfekt ausgeführt, dass sich das Publikum im Prinzregententheater vor Lachen biegt. Außerdem bringt der Gag Isaac Tolley in der Rolle des loyalen Dieners in so komische Bedrängnis, dass er ganz aus sich herausgeht und sein Bassbariton noch voller klingt als vorher.

Diese quasi umgekehrte Bauchrednerei zählt zu den inszenatorischen Höhepunkten dieser Produktion der Theaterakademie August Everding, die sich mit dem komischen Einakter "L'occasione fa il ladro" ("Gelegenheit macht Diebe") ein selten gespieltes Stück von Gioachino Rossini ausgesucht hat. Nicht immer gelingt es der Regisseurin Bettina Bruinier so lustig und plastisch, die Verwechslungssituationen der Handlung zu verdeutlichen.

Die Liebe scheint so austauschbar wie ein Gepäckstück

Deren Prämisse ist eigentlich bestechend einfach: Auf einer Reise sind zwei Koffer vertauscht worden. Don Parmemione nutzt die Gelegenheit, die Identität des Anderen anzunehmen und um dessen Braut zu werben. Die Liebe scheint also austauschbar wie ein Gepäckstück.

Versinnbildlicht wird diese Botschaft durch das weiße Plastikherz, das zu Beginn auf der Bühnenmitte prangt und quasi von Jedem an Jeden verschenkt werden kann (Bühne/Kostüme: Elisabeth Vogetseder).

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Dass die echten Gefühle sich dann doch nicht unterdrücken lassen, zeigt sich nach den typischen Verwicklungen. Genau diese müssten bildhafter, theatralischer ausinszeniert werden. Stattdessen lässt Bettina Bruinier in einem gesprochenen Prolog die Protagonisten über die Mechanik des Herzens philosophieren und projiziert während des Finales einen selbstgedrehten Schwarzweiß-Film auf die Bühne.

Warum vertraut Bettina Bruinier der Präsenz ihres Ensembles nicht?

So nett diese Ideen auch sind: Hier hätte die Regisseurin der Präsenz ihrer Sängerinnen und Sänger vertrauen sollen. Zumal die sieben Studierenden der Theaterakademie so reibungslos zusammenwirken wie Rhythmen und Kantilenen in Rossinis Musik. Mit seinem beweglichen Bariton führt Artur Garbas als Parmenione das Ensemble an, ohne es zu dominieren. Vielmehr hat er in dem Tenor Jihoon Son als lyrisch aufblühendem Alberto ein adäquates Gegenstück.

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Dirigent Patrick Hahn steht hier für rhythmische Leichtigkeit

Zwischen den Rivalen steht Camilla Saba Davies als köstlich resolute Berenice, die mit den Koloraturen nach Belieben jonglieren kann. Franziska Weber als Ernestina und Caspar Krieger als Eusebio veredeln ihre Nebenrollen mit schmelzendem Belcanto. Man hat Rossini einen freundlichen Zyniker genannt. Wenn in dieser Produktion das Freundliche überwiegt, liegt das nicht zuletzt auch an der konzilianten Art, mit der Patrick Hahn das Münchner Rundfunkorchester dirigiert.

Vielleicht könnten die Tutti noch schmissiger rumsen und fehlt den Crescendo-Spiralen ein wenig die obsessive Unerbittlichkeit, die den menschlichen Abgrund unter der Komödie entdeckt. Doch im Vergleich zu manchen überzogenen Rossini-Deutungen der letzten Jahre tut die bemerkenswerte Sorgfalt gut, mit der Hahn die Musiker ordnet: Sie lässt melodische Eleganz, helle Klanglichkeit und rhythmische Leichtigkeit zu.


Weitere Aufführungen am 19. November (19.30 Uhr) und 21. November (18 Uhr), Karten: Telefon 21 85 19 20 und unter www.staatstheater-tickets.bayern.de. Es gilt die 2G-Regelung.

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