Kritik

Jenseits des Regenbogens: Die neue Show von Josef Hader

Es war nicht anders zu erwarten: Josef Hader brilliert mit seinem neuen Programm im Leo17.
| Michael Stadler
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Mit einer gelb getönten Brille sieht man kontrastreicher, was Kabarettisten wie Josef Hader beim Blick auf die Welt sicher hilft.
Mit einer gelb getönten Brille sieht man kontrastreicher, was Kabarettisten wie Josef Hader beim Blick auf die Welt sicher hilft. © Lukas Beck

Am Ende seiner neuen, zweieinhalbstündigen Tour de Force geht Josef Hader zu einem Klavier, das im Bühnenhintergrund auf ihn wartet, setzt sich hin und spielt "Somewhere over the Rainbow". Er ächzt die Zeilen, er krakeelt sie, lässt keine Sentimentalität zu, aber doch ist das irgendwie rührend, wie er da hinten mit dem Rücken zum Publikum sitzt und diesen Klassiker zum Besten gibt. "And the dreams that you dare to dream really do come true…" Ja, ist Hader am Ende doch ein romantischer Träumer?

Ansonsten zerlegt er ja all die Illusionen, die man sich über sich selbst und seine Mitmenschen machen kann. Jetzt sogar in einem neuen Programm: Mit "Hader on Ice" löst er nach zig Jahren seinen Best-of-Dauerbrenner "Hader spielt Hader" ab. Und erklärt, er sei enttäuscht von den Menschen, um später hinzuzufügen, dass er weiterhin an Toleranz, Solidarität und die kommende Weltrevolution glaube. Nein, nicht mit Spenden setzt man die in Gang, sondern indem die Armen noch ärmer werden!

Nachvollziehbarste und böseste Gedanken mit Wiener Schmäh

Die Arroganz des Bonzen, der ja auch glaubt, dass er ein guter Mensch sei, kehrt Hader immer wieder heraus und überlässt es seinem Publikum, die Verlogenheit, Verblendung und Verblödung des Typen herauszuhören, der da entspannt mit getönter Brille, Rum im Glas und bald auch einer Pistole in der Hand auf einem roten Stuhl sitzt und gelegentlich ins Parkett zielt. Hader auf der Bühne, das ist wie eh und je ganz einnehmend er selbst und gleichzeitig ein schaurig-widerwärtiger Anderer, der einem die nachvollziehbarsten und bösesten Gedanken mit Wiener Schmäh und falschem Lachen unterjubelt.

Aus der Stadt Wien heraus, ins Weinviertel ist der Bühnen-Hader gezogen, was das "Toskana von Österreich" ist, da "genauso überschätzt". Immerhin ist der Wein billig, weshalb ganz viele Künstler und Journalisten dort leben. Nach Wien will er sicherlich nicht zurück, allein schon, weil die Kellner, die einst mit ihrer Unfreundlichkeit zum Weltkulturerbe gehörten, jetzt nur noch junge Schleimer sind, die einem nicht Leitungs-, sondern Mineralwasser zum Kaffee anbieten und ihn bei Beschwerden dann im Zeitalter des Spätkapitalismus willkommen heißen.

Hobbys: Bogenschießen und Gartenarbeit

"Orschlöcher!", ist das Fazit. Wie schön klingt dieses Wort aus Haders Mund, ach, er hat so recht, es gibt so viele von ihnen, überall. Und wie er jetzt gut gealtert seinem Leben Sinn gibt! Seine Freizeit verbringt er mit Bogenschießen und Gartenarbeit.

Er hat die Natur für sich entdeckt und ist insgesamt voll im Trend, weil er auch an den Umweltschutz denkt und nur noch ein einziges Auto fährt, "halb SUV, halb Sportwagen", mit Elektro-Antrieb, wenn nicht schon mit Wasserstoff. Als "ethischer Vegetarier" versteht er sich, weil er nur noch Tiere isst, "die nicht schreien, wenn man sie tötet." Das ist so lieb, so empathisch, zum Schreien schön.

Einen obdachlosen Bettler macht er großzügig zu seinem Diener und lernt sogar einen sprechenden Wolf kennen, den Rudolf, kurz Rudl, für den er fünf Kilo Rindfleisch einkauft. Das führt in der Haderschen Küche zu einem Gemetzel, das nicht zum gewünschtem Carpaccio, sondern zur Erkenntnis führt, dass der Rudl vermutlich doch nur die dunkle Hälfte des Ichs ist.

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Hader ist der Wolf, aber auch ein Eichhörnchen

Hader ist alles, der Wolf, aber auch ein Eichhörnchen, das im kalten Weinviertel-Winter an einem Baum klebt. Er ist der alte Schnösel, der von seiner Beziehung zu einer jungen Studentin erzählt, die wohl auch daran scheiterte, dass er beim "Slow Sex" immer einschlief. Und er ist ein vogelwilder Verschwörungstheoretiker, den man schon in Videos während der Lockdowns erleben durfte. "Alle 100 Jahre wird die Bevölkerung komplett ausgetauscht!", hat der Kreuz-und-Querverbindungs-Denker erkannt. "Das sind völlig andere Leut'!"

Nichts hält ewig. Da kann man schon mal panisch werden. Hader geht auf die 60 zu, und weil er sein Material wie die besten US-Stand-Up-Comedians aus dem eigenen Leben schöpft, spielen nun mal auch das Altern und der Tod eine große Rolle im neuen Programm. Ähnlich wie Oskar Werner in dem Film "Das Narrenschiff" möchte er sterben, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Hader spielt es nach, wechselt ständig die Rollen und Einstellungen; die Brillen, mit denen er auf die Welt blickt. Ob mit getönten oder dicken Brillengläsern - seine Figuren sehen alles falsch. Hader aber hat den Durchblick.

Zu Beginn fordert er die erste Reihe auf, sich zu beschweren, wenn auch nur ein Aerosol durch die Luft fliegt, und hält dann den Sicherheitsabstand zu den menschlichen Abgründen nicht ein. Nur am Ende geht er auf Distanz und ins Gefühl, mit dem Rücken zum Publikum. Ach, Hader spannt den Regenbogen. Und muss dann doch noch ein paar Mal nach vorne, um den tobenden Applaus in Empfang zu nehmen.

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