Lars Reichow im Lustspielhaus: Im Spiegel des Egoisten

Lars Reichow impft im Lustspielhaus mit seinem neuen Programm "Ich!" gute Laune ein.
| Michael Stadler
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Lars Reichow.
Mario Andreya Lars Reichow.

Lars Reichow ist ein ehrlicher Mann. "Ich bin ein Egoist" singt er im Lustspielhaus und begleitet sich dabei selbst an den Tasten, denn der Narziss braucht keine Begleit-Band, sondern ist sich selbst genug.

Ja, sind Kabarettisten nicht generell Ichmenschen? Die Pandemie hat jede und jeden auf sich selbst zurückgeworfen. Die Aufregung um all jene, die sich nicht impfen lassen wollen, versteht Reichow nicht, "die Leute wollen halt noch warten - bis sie tot sind."

Gute Laune im Lustspielhaus

Im Lustspielhaus sind sowieso alle Geimpften und Genesenen unter sich. Reichow findet das ganz kuschlig, begrüßt zum Einstieg all die Unverzagten, "The Unbreakable", und besteht darauf, dass der Titel seines neuen Programms, "Ich!", nicht überheblich, sondern ein Zeichen von Bescheidenheit sei.

Schließlich beziehe er sich damit auf die maximale Anzahl von Menschen, die ihm in den letzten eineinhalb Jahren live zuschauen konnten. Auch bei der Morgentoilette begutachtet der Kabarettist sich im Spiegel und sieht sich genau dann im besten Licht, wenn das Licht im Badezimmer aus ist.

Vom Privaten ins Politische

Zur Selbstreflexion gehört die Betrachtung des eigenen Körpers und die Überlegung, ob man anstatt Sport zu gucken nicht lieber Sport treiben sollte. Die eigene Tochter drängt sich als Home-Trainerin auf. "Warum habe ich nicht ein dickliches, unbewegliches Mädchen zu Hause sitzen?", klagt Reichow und schaut sich lieber YouTube-Videos an, in denen durchtrainierte Frauen lachend ihre Körper biegen und bisweilen ihr Publikum vor den Screens auffordern, den Kopf zwischen die Beine zu legen. Um das zu können, "müsste ich mir den Kopf abschneiden", bekennt Reichow. "Das ist es mir nicht wert."

Vom heiteren Privaten weitet der 57-jährige Mainzer seinen Blick immer wieder aufs große politische Ganze aus und lässt mitunter den Witz beiseite, um sich ernsthaft zu echauffieren. Aber: Dass die Situation an der polnisch-belarussischen Grenze schrecklich ist, weiß man zur Genüge, dazu müsste der Kabarettist doch noch ein paar Gedanken mehr entwickeln. Auch der Exkurs in den Fußball ist nicht ganz ausgereift: Dass Mainz 05 sich fast den Schweizer Spieler Fassnacht gegriffen hätte und das eine wunderbare Vorlage für Wortspiele im Karnevalsepizentrum gewesen wäre ("Fassnacht fällt für zwei Wochen aus"), ist witzig, aber Reichows Scherze über die Fußball-EM haben das Verfallsdatum längst überschritten.

Reichow ist erfrischend anders

Andererseits ist es erfrischend, dass er sein eigenes Ding macht und auch mal völlig unironisch aufs Gefühl geht, etwa, wenn er als Zugabe eine Liebesballade singt oder zuvor seine Wut über die Zustände in den USA in einem ausufernden, virtuos performten Protestsong Luft macht. Beziehungsweise, am Ende ähnlich wie George Floyd unter dem Knie eines Polizisten um Atem ringt. Das ist nicht pathetisch, sondern eindrucksvoll. Zwischen dem gediegenen Klang eines Flügels und dem billigeren Sound eines Keyboards wechselt Reichow, wirkt dann auch mal wie ein Alleinunterhalter, der als unwiderstehlicher Sunnyboy seine weiblichen Eroberungen in diversen Münchner Stadtteilen singend aufzählt. Bis er die wahre Liebe im niederbayerischen Zwiesel findet, weil das sich ja auch hervorragend auf "Kiesel" reimt.

Ein Kabarettist zum Knutschen

Auf die Political Correctness pfeift Reichow in aller Herzlichkeit, etwa, wenn er im Kauderwelsch aufzeigt, wie grässlich verschiedene europäische Sprachen (in deutschen Ohren) klingen. Den Klassiker "Je t'aime… moi non plus" in der schamlosen Version von Serge Gainsbourg und Jane Birkin verballhornt er dabei solange, bis da eine Frau stöhnt, die einen Bottich mit Wäsche schleppen muss. Ebenso saukomisch macht er jedes Mitglied des englischen Königshauses runter, ach, Charles, der ist ja immer noch Prinz, den müsste man endlich wieder zum Frosch zurückküssen.

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Ein Kabarettist zum Knutschen ist Lars Reichow. Mit dem gelassenen Charme eines Jecken impft er seinem Publikum in dieser schweren Zeit gute Laune ein, was ja nicht selbstsüchtig, sondern großzügig ist. Zur Sicherheit nimmt er am Schluss mit seinem Laptop den tobenden Münchner Applaus auf. Der Narziss wird solche Sound-Files vielleicht benötigen, wenn der kalte, einsame Corona-Winter kommt.

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