Kritik

Tanztheater in den Kammerspielen: Loslassen und weiterspinnen

Therese-Giehse-Halle: Ivana Müllers Tanztheater "Fäden" in den Kammerspielen.
| Vesna Mlakar
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Jelena Kuljic beim Knüpfen von Fäden.
Jelena Kuljic beim Knüpfen von Fäden. © Jubal Battisti

München - Ob Schauspieler oder Tänzer - in diesem Tanz-Sprech-Stück gleichen sich alle. Sogar das Publikum hängt gedanklich zunehmend mit drin. Insgesamt sind das 30 auf Abstand isolierte Zuschauer, die der eigentlich im Mai für das Dance-Festival geplanten Uraufführung "Fäden" noch beiwohnen dürfen. Es geht um das Verrinnen von Zeit, und darum, was Altern eigentlich bedeutet.

Kroatin Ivana Müller inszeniert ein Kollektiv lebenserfahrener Performer 

Eine Fragestellung, der sich niemand je ganz entziehen können wird, so individuell der Umgang mit dieser Thematik auch sein mag. In ihrer ersten Arbeit für ein nicht-eigenes Ensemble hat die kroatische Choreografin und Performancekünstlerin Ivana Müller eine recht formalisierte, total entspannte und stark bildliche Übertragung auf ein gemischtes Kollektiv reifer, lebenserfahrener Performer gefunden.

Diese sorgen nun für ein inspirierendes Erlebnis, dass 80 Minuten ganz ohne Trübsinn auskommt, obwohl einem die momentane Unmöglichkeit, Augenblicke und Tage richtig auszukosten, erneut brachial-glasklar vor Augen geführt wird. Der Titel ist dabei Programm. Immer wieder verheddern sich Schnüre aus Wolle mit riesigem Durchmesser. Auf dem Boden hinterlassen sie bunte Spuren - wie in der realen Welt das Leben.

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Dazu werden - stets verbunden mit gerade ausgesprochenen Bekenntnissen bzw. Vorschlägen - große Knäuel wie Bälle zwischen den Protagonisten hin und her gerollt oder weit durch den Raum geworfen. Anschließend gilt es, das Geflecht wieder zu entwirren und sozusagen den eigenen Lebensfaden zu entknoten, neu zu straffen und aufzuwickeln.

Landschaft aus biografisch getönten Erinnerungen und Aussagen

Müller lässt durch vier Schauspieler der Kammerspiele (André Benndorf, Jelena Kuljic, Anna Gesa-Raija Lappe, Walter Hess) gemeinsam mit vier der Dance On-Kompanie verbundenen Tänzern (Javier García Arozena, Emma Lewis, Jone San Martin, Omagbitse Omagbemi) eine Landschaft aus biografisch getönten Erinnerungen und Aussagen entstehen: körperlich und mit viel englisch gesprochenem Text. Dessen deutsche Übersetzung via Projektion wird nur im dritten von insgesamt acht Tableaus einmal länger ausgesetzt.

Da verstrickt die Spanierin Jone alle in ein multilinguales Kauderwelsch, das die achtköpfige Gruppe erst richtig zusammenbringt. Am Ende möchte man keinen der wunderbaren, die Vorstellung inhaltlich durch unmaskierte Präsenz tragenden Menschen missen. "Danke. Das war mir jede Minute wert", meint beim Hinausgehen eine offenbar zum Besuch eingeladene Dame zu Recht.

Das Sein wird zum fragilen Moment - zu einer Gegenwelt

Szenisch hat die kleine Truppe ein sich treppenförmig unter reichlich viel beigem Tuch abzeichnendes Podest zur Verfügung. Drumherum auf dem weißen Bühnenquadrat ist noch freie Fläche. Emma steht zu Beginn ganz oben auf. Gekleidet in ein fettmaschiges, rostrotes Strickkleid. Sie unterhält sich mit ihrer Mitspielerin Anna über Verfasstheiten (dick oder dünn) und Blickwinkel, die sich mit dem Erwachsenwerden verschieben. Indem Anna währenddessen immer weitere Runden um die am Platz leicht von einem auf den anderen Fuß wippende Gesprächspartnerin zieht, können wir mitverfolgen, wie sich Masche für Masche das Gewand auftrennt. Das Sein wird zum fragilen Moment. Oder wie Urgestein Walter Hess es nennt: einer Gegenwelt.

Zurückspulen lassen sich nur die Erinnerungen. Choreografisch versinnbildlich Müller das in einer karussellartigen Passage, in der ihre so beredten wie bewegungsmunteren Interpreten mal vorwärts und - auf bestimmte Stich- und Schlüsselworte hin - rückwärts um den zentralen Bühnenbau laufen. Jeder den eigenen, ihm farblich zugeordneten und zuvor um den massiven Block herum gewickelten, dicken Faden in der Hand.

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Text und Handeln wird so auch zur einzigen im Stück vorkommenden musikalischen Struktur - und die Knäuel zu bisweilen schlauchigen Partnern, die sich als Vergangenheitskuddelmuddel wunderbar auf die Erde klatschen lassen. Dieses Nicht-Loslassen und verbale Weiterspinnen könnte ewig so weitergehen. Ehe sich jedoch Langeweile einstellt, setzt Ivana Müller einen Schlusspunkt. Perfektes Timing. Gut so.


Noch einmal am 28. November in der Therese-Giehse-Halle (Falckenbergstr. 1), Karten 25 Euro / ermäßigt 8 Euro,T elefon 233 966 00. Am 18. und 19.12. ist das Dance On-Ensemble noch mit Lucinda Childs' "Works in Silence" am selben Ort zu Gast

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