Kritik

"Die Unerhörten" im Marstall: Sound der Überwältigung

Elsa-Sophie Jach und die Techno-Liveband Slatec beschäftigten sich im Marstall in "Die Unerhörten" mit Frauenfiguren der Antike.
| Mathias Hejny
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Nicola Kirsch, Pia Händler, Evelyne Gugolz, Franziska Hackl, Katja Jung und Lisa Stiegler beim Nachdenken über antike Frauengestalten.
Nicola Kirsch, Pia Händler, Evelyne Gugolz, Franziska Hackl, Katja Jung und Lisa Stiegler beim Nachdenken über antike Frauengestalten. © Sandra Then

München - Zugaben sind sehr befremdlich, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Aber den Abend im Marstall bestreiten nicht nur sechs buchstäblich sagenhafte Frauen in trauerndem Schwarz, sondern auch vier Jünglinge in zartem Mädchenrosa. 

Nevin Yildirim gehört nicht zum Club der antiken Mythengestalten

Sie sind das Quintett Slatec um den Jazzposaunisten Roman Sladek, das als Technoband den "technoiden Liebesbriefen für antike Heldinnen" der Literaturcollage "Die Unerhörten" ein akustisches Fundament liefert, das beim besten Willen nicht überhört werden kann.

Da sprang dann am Premierenabend der Funke der treibenden Beats über auf das Publikum im Marstall, das beim enthusiastischen Schlussbeifall eine Zugabe erklatschte. Kurz zuvor war eine siebte Frau gefeiert worden, die nicht zum Club der antiken Mythengestalten gehört, sondern aus unserer Gegenwart kommt. 2012 hatte Nevin Yildirim in ihrem westtürkischen Dorf einen jungen Mann nach mehrfacher Vergewaltigung zunächst das Gewehr, mit dem sie bedroht wurde, entrissen und ihm in die Genitalien geschossen. Später köpfte sie ihn. "Die Familie des Toten verlautbarte im Übrigen", so berichtet der Chor der Unerhörten, "man trauere um ihn und halte sie für eine Hure, die einen Familienvater verführte".

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Nevins Schicksal erinnert entfernt an Medusa, die von Poseidon vergewaltigt wurde. Athene war darüber sehr erzürnt, bestrafte aber nicht den Meeresgott, sondern die schöne junge Frau und verwandelte sie in ein Monster. Medusa kommt mit Texten aus dem Jahr 2013 von der französischen Autorin Hélène Cixous zu Wort.

Doch Regisseurin Elsa-Sophie Jach bezieht sich nicht nur auf feministisch motivierte Zeitgenossinnen, sondern montierte ihre Spielvorlage aus Material der letzten zweieinhalb Jahrtausende. Als Inspirationsquelle für den formalen Rahmen nennt sie die Lieder Sapphos an die Mädchen ihrer Zeit. So spricht Jach nun in "Briefen" aus der Feder von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verschiedener Epochen Frauengestalten vor allem aus der Welt der klassischen Mythen an.

"Die Unerhörten": Theater als komplexe Form des Geschichtenerzählens 

Da sind Euripides, Homer oder Ovid ebenso dabei wie Ingeborg Bachmann, Christa Wolf, John von Düffel oder Heiner Müller. Jacht geht es dabei auch um das Theater als komplexe Form des Geschichtenerzählens und eine Möglichkeit, mit Vergangenheit und Gegenwart gestaltend umzugehen.

Evelyne Gugolz, Franziska Hackl, Pia Händler, Katja Jung, Nicola Kirsch und Lisa Stiegler, die sowohl chorisch als auch solistisch immer wieder starke Momente schaffen, sind auch die Weberinnen, die im Stück "Bataillon" von Enis Maci in einem Keller sitzen, um Textilien für einen künftigen Krieg herzustellen.

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Diese Frauen wissen, dass sie "längst die Kontrolle verloren haben über diese Geschichten". Aber "diese Geschichten haben noch lange nicht die Kontrolle verloren über uns". Freilich erfahren Zuschauer und Zuschauerinnen von den Quellen nur aus dem Progammheft. Sehr geschmeidig schmelzen die disparaten Zitate zu einem erstaunlich homogenen Textkörper zusammen.

Pinkes Bühnenbild von Aleksandra Pavlovic: Wenn das Blut im Springbrunnen sprudelt

Kraftstrotzend und selbstbewusst wird erzählt von Medeas Rache, von der Seherin Kassandra, die Apollon zurückweist und von ihm verflucht wird, der Nymphe Echo, die an der vergeblichen Liebe zu Narziss zugrunde geht oder Penelope, die sich während des 20-jährigen Wartens auf Odysseus lästiger Freier erwehren muss.

Ebenso eigenwillig wie faszinierend mischen sich hier souveräne Sprache der Spielerinnen, der Überwältigungssound der Techno-Combo und Bilder wie der blutssprudelnde Springbrunnen in Aleksandra Pavlovics erbarmungslos pinkem Bühnenbild. 


Marstall, wieder am 30. November, 13., 15., 21. Dezember, 20 Uhr. Karten und Infos unter residenztheater.de und unter Telefon 21851940

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