Ab Mittwoch: Neue kulturelle Eiszeit

Mit der Ankündigung der neuen Beschränkungen würgt Markus Söder das kulturelle Leben in München wieder ab.
| Volker Isfort Adrian Prechtel
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Eigentlich lief die Anfangsphase des neuen Volkstheaters im Schlachthofviertel spektakulär erfolgreich. Doch dann gab es einen Wasserschaden, der den Spielbetrieb beeinträchtigt - und ab Mittwoch darf nur noch mit 25 Prozent Auslastung gespielt werden.
Eigentlich lief die Anfangsphase des neuen Volkstheaters im Schlachthofviertel spektakulär erfolgreich. Doch dann gab es einen Wasserschaden, der den Spielbetrieb beeinträchtigt - und ab Mittwoch darf nur noch mit 25 Prozent Auslastung gespielt werden. © Peter Kneffel/dpa

München - Der goldene Herbst der Münchner Kultur ist jäh vorbei: Gerade erst stürmte das Publikum die neuen Kulturtempel HP8 und Volkstheater, freuten sich Veranstalter und Kinobetreiber über hohe Auslastungen, da schlägt Covid erneut zurück: Bayern hat den höchsten Inzidenzwert von allen Bundesländern, in München stieg die Zahl am Freitag auf nie zuvor gemessene 754.

Ab Mittwoch maximal 25 Prozent der Zuschauer

Ministerpräsident Markus Söder zog nun die Reißleine und würgt das gesellschaftliche und kulturelle Leben ab, erst einmal bis zum 15. Dezember. Denn ab Mittwoch - nach der Debatte im Landtag - dürfen Kultur- und Sportveranstaltungen nur noch in deutlich kleinerem Rahmen stattfinden: mit einer Auslastung von maximal 25 Prozent an Zuschauern. Zudem gilt dort die 2G-plus-Regel: Zugang also auch für Geimpfte und Genesene nur noch mit Test.

In Corona-Hotspots mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 1.000 werden die Maßnahmen noch strenger ausfallen: Das öffentliche Leben soll dort in weiten Bereichen heruntergefahren werden. Gastronomie, Sport- und Kulturstätten müssen schließen, Veranstaltungen werden untersagt, wie Söder ankündigte.

Konzerte in der Muffathalle erstmal vorbei

"Das bedeutet das Ende der Konzerte", sagt Ralf Binder von der Muffathalle. "Natürlich könnte man ausverkaufte Konzerte von der Muffathalle ins viel größere Zenith verlegen, aber das geht sich finanziell vorne und hinten nicht aus."

Und ob die Menschen unter den verschärften Bedingungen überhaupt auf Konzerte gehen wollen, ist noch eine ganz andere Frage. "Wir hatten mit den steigenden Zahlen der letzten Zeit immer mehr Menschen, die zwar ein Ticket erworben hatten, aber zuhause geblieben sind", sagt Binder.

Christian Pfeil, der in München die Kinos Monopol, Rio und Arena betreibt, ist ratlos: "Ich kann diese Problemdarsteller mit Betroffenheitsgesicht wie Herrn Söder nicht mehr sehen. Er hatte ein Jahr Zeit, die Sache in den Griff zu bekommen. Und wer wie die FDP auf Freiheitsrechte pocht, während alles vor die Hunde geht, gehört eigentlich nicht an die Regierung. Ich habe seit Monaten kein Verständnis mehr für die dreißig Prozent Nichtgeimpften, die aus zweifelhaften persönlichen Motiven die gesamte Gesellschaft in die Geiselhaft der Epidemie zwingen. Es gibt in Europa Länder, die seit Monaten eine weitgehende Impfpflicht haben und sich über Deutschland wundern. Ein Kino ist mit 25-prozentiger Höchstbelegung nicht mehr rentabel zu betreiben."

Gerade jetzt sind die Menschen wieder ins Kino gegangen

Zwar haben ihn die verschiedenen staatlichen Hilfsprogramme bislang halbwegs gerettet, aber das war mit maximalem Aufwand verbunden. "Ich kann aber auch meine Mitarbeiter nicht immer wieder kurzfristig in Kurzarbeit schicken", sagt Pfeil: "Das ist organisatorisch und bürokratisch kaum durchführbar. Mir bleibt also nur, alle meine privaten finanziellen Reserven aufzubrauchen und zynisch zu werden. Das alles ist umso frustrierender, als das Kino einen eigentlich super Herbst erlebt hat. Die Leute sind wieder ins Kino gegangen und haben gezeigt: Der Wunsch nach großen Bildern auf großer Leinwand ist eben nicht in der Zwangs-Streamingzeit der verschiedenen Lockdowns verloren gegangen, wie manche geunkt hatten."

Und Holger Trapp, Theaterleiter der City-Kinos, ergänzt: "Ja, es gab es nach dem Lockdown erst einmal spürbaren Hunger nach dem großen Mainstream-Kino. Auch wir haben ,James Bond' gezeigt. Aber auch ,Der Rausch' oder ,Nomadland' waren Dauerbrenner. Und jetzt, als die Angstmeldungen wieder zunahmen, merkte man das wieder deutlich an der Kinokasse. Und wenn dann die Inzidenz die 1.000 überschreitet, ist sowieso wieder alles dicht."

Logistischer Aufwand ist enorm

Vor riesigen logistischen Problemen wie alle Münchner Bühnen steht auch das Residenztheater. Denn wie reduziert man ein Publikum auf 25 Prozent, wenn schon viel mehr Tickets verkauft sind? "Wir müssen jetzt alle Zuschauer ausladen und dann die Tickets neu in den Verkauf bringen", sagt Kommunkationsdirektorin Inge Trobitz. "Und wir haben keinerlei Planungssicherheit. Eigentlich waren wir schon einmal viel weiter. Und alle unsere entwickelten Hygienekonzepte sind jetzt wieder hinfällig. Am Donnerstag hätten wir im Cuvilliéstheater die Premiere von ,Die Wolken, die Vögel, der Reichtum' von Thomas Lutz. Aber wir werden wohl nicht einmal am Dienstag wissen, ob diese überhaupt stattfinden kann."

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Manche planen schon mit einer totalen Schließung

Für Alexander Krist, der seinen Kristelli-Palast im südlichen Olympiapark als große Zauberlocation betreibt, ist mit den neuen Maßnahmen klar: "Ich rechne fest mit einer Inzidenz über 1.000 und plane mit der Schließung ab Donnerstag und glaube auch nicht an eine Wiedereröffnung am 15. Dezember. Eine Besucherbeschränkung auf 25 Prozent ist wirtschaftlich ohnehin unmöglich. Ich rechne mit einem Neustart - wie vergangenes Jahr - erst wieder Mitte März. Dass das alles ruinös sein kann, ist außer Frage, aber ich habe keine Lust, zynisch zu werden und versuche weiter zu lächeln - erst einmal im Zwangsurlaub."

Ministerpräsident sorgt für massive Unsicherheit 

Indem Markus Söder nun wieder die Inzidenz, die eigentlich keine Rolle mehr spielen sollte, zur maßgeblichen Größe erklärt, erzeugt er maximale Unsicherheit für die Veranstalter und auch das Publikum. Und da in München die Neuinfektionen über Wochen nicht einmal richtig gezählt wurden, ist das eine sehr wenig verlässliche Zahl.

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