Premiere im Cuvilliéstheater: In der sokratischen Denkfabrik

Thom Luz inszeniert "Die Wolken, die Vögel, der Reichtum" im Cuvilliéstheater.
| Mathias Hejny
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Mareike Beykirch (l.), Cathrin Störmer, Steffen Höld, Lisa Stiegler und Barbara Melzl.
Mareike Beykirch (l.), Cathrin Störmer, Steffen Höld, Lisa Stiegler und Barbara Melzl. © Sandra Then

München - Wolken gehören seit jeher in die Werkzeugkiste des Bühnenbildners und Regisseur aus der Schweiz. Für seine neue Inszenierung lässt er nicht, wie so oft, die Nebel steigen, sondern setzt einen eierschalenweißen Raum lediglich in einen staubigen Dunst. Die Wolken stehen am Beginn aufgeräumt als transparente Luftsäcke in einer Ecke. Später werden sie bewegt, geschubst, fliegen ein wenig, werden geknautscht und aufgeschlitzt, so dass der darin enthaltene Nebel austritt.

Thom Luz' Stücke verlangen Offenheit vom Zuschauer

Wer eine Stückentwicklung von Thom Luz zu verfolgen versucht, muss sich darauf einlassen, sich auf nichts Verlässliches einlassen zu dürfen. Das Nebulöse und Nichtgreifbare ist der Gegenstand der Untersuchung. Noch bevor er die drei im späten fünften Jahrhundert vor Christus entstandenen Komödien von Aristophanes kannte, faszinierten ihn die Titel, berichtet Luz in einem im Programmheft veröffentlichten Gespräch mit dem Altphilologen Niklas Holzberg.

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Es gehe um "Dinge, die sich auflösen, die vor uns flüchten", womit ein "menschliches Grunddilemma" beschrieben sei. "Die Wolken, die Vögel, der Reichtum" ist keine Kompilation dreier antiker Theaterstücke, sondern mehr ein mal luzider, mal verdüstert illuminierter Traum über Figuren, Situationen und Themen daraus. "Die Vögel" sind ein spöttisches Bild für die griechischen Kolonisten, die nach Sizilien auswanderten und es kontrollierten, "Der Reichtum" eine schwarzhumorige Parabel über die ungerechte Verteilung von Wohlstand.

Aristophanes, Sokrates und Euripides

Die Halle, die Luz in den Rokoko-Überfluss des Cuvilliéstheaters baute, ist der Schauplatz von "Die Wolken". Aristophanes arbeitete sich mit diesem Text aus dem Jahr 423 vor Christus an seinem Lieblingsfeind Sokrates ab. Über die aufklärerischen Ideen der Sophisten machte er sich ebenso lustig wie über seinen Dramatikerrivalen Euripides. Sokrates betrieb das Phrontisterion, eine Art Akademiebetrieb als moderne Denkfabrik, die der konservative Satiriker massiv bekämpfte.

Hier versammelt Luz vier Schaupielerinnen (Mareike Beykirch, Barbara Melzl, Lisa Stiegler, Cathrin Störmer) und zwei Schauspieler (Elias Ellinghoff, Steffen Höld) ohne feste Rollenzuschreibung. Sie sind mal Lehrer, mal Schüler, manche sind manchmal Sokrates selbst.

In Luz' Inszenierungen gibt es keine ungefähren Momente

Da klagt einer der Studierenden: "Wir gehören nicht zusammen, mein Gehirn und ich." Das kann man im Parkett und in den Logen nachvollziehen, aber zu den Qualitäten des Luzschen Theatermachens gehört, dass es bei aller Unverbindlichkeit und scheinbaren Zufälligketen keine irgendwie ungefähren Momente gibt.

Alles ist ebenso präzise wie liebevoll erzählt und gestaltet, denn wenn Sokrates recht hat und ein Wort eine ganze Welt erschaffen kann, muss man sorgfältig sein mit dem, was man sagt und tut. Der dritte Mann ist Daniele Pintaudi (im Wechsel mit Camill Jamall) als musikalischer Leiter mit schweizerischem Tonfall.

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Griechische Folklore trifft auf Synthesizer

Er dirigiert die in die griechische Folklore schweifenden Gesänge auf der Bühne, begleitet auf dem Spinett und einem altertümlichen Synthesizer oder koordiniert eine Reihe noch aus der vordigitalen Zeit stammenden Tonbandmaschinen.

Man forscht, wie sich eine "Musik der Wolken" oder die Musik der alten Griechen angehört haben könnte und man singt hingebungsvoll ein Lied von Mikis Theodorakis, das von Milva populär gemacht wurde. Die sokratische Erkenntnis, "ich weiß, dass ich nichts weiß", war selten so intensiv und doch so duftig versponnen kommentiert.


Cuvilliéstheater, wieder am 29. November, 5., 19. Dezember. Karten unter Telefon 21451940

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