Spielend den Tod verdrängen

Theaterfieber im Pott: Hypnose, tänzerische Stunts und todestrunkene Familiendramen bei der Ruhrtriennale
| Michael Stadler
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So sieht es aus, wenn die Choreographin und Tänzerin Florentina Holzinger Dantes "Göttliche Komödie" inszeniert.
So sieht es aus, wenn die Choreographin und Tänzerin Florentina Holzinger Dantes "Göttliche Komödie" inszeniert. © Foto: Nicole M. Wytyczak

Der Tod sitzt den Musikerinnen buchstäblich im Nacken. In der Kraftzentrale des Industrieparks Duisburg-Nord sitzen die Frauen mit ihren Instrumenten im weiten Raum verteilt und erzeugen sphärische Klänge, wobei sie Skelette um sich geschnallt haben. Die Knochengerüste schauen ihnen über die Schulter beim Musizieren zu, scheinen die Cello-Bögen zu führen, sind optisch präsente Erinnerungszeichen dafür, dass der Mensch andauernd Lebenszeit verspielt.

"Göttliche Komödie" von Florentina Holzinger

Was himmlisch klingt, wird jedoch bald in die Hölle führen: Die österreichische Choreographin und Tänzerin Florentina Holzinger, berühmt-berüchtigt für ihre spektakulären Inszenierungen, hat sich Dantes "Göttliche Komödie" vorgenommen, jenes monumentale Hauptwerk der italienischen Literatur, das von einer Reise durch das Inferno über das Fegefeuer ins Paradies erzählt und gleichzeitig Einblick in die Seelenleiden seines Schöpfers gibt.

Während bei Dante der Dichter Vergil ein zentraler Jenseitsbegleiter ist, werden bei Holzinger zunächst sechs Laien von der waschechten Hypnotiseurin Miranda van Kuilenburg auf die Bühne und dann in tiefere Trancezustände geführt. Keine durchtrainierten Tänzerinnen, sondern Menschen wie du und ich machen also den Anfang, Repräsentanten des Publikums, die sich bereitwillig manipulieren lassen.

Schlafen und Erwachen erfolgen auf Befehl der Meisterin, und wenn sie es will, kommt eine zu Bewusstsein und bezeichnet sich selbst als Vergil. Oder ein anderer schaut seinen bekleideten Körper an und vermeint, nackt zu sein. Und ist dabei sogar glücklich, weil van Kuilenburg ihn zuvor im Schlafe instruiert hat, stolz auf sein Äußeres zu sein. "Training, Selbstoptimierung, Streben nach Schönheit und Gesundheit sollen über die eigene Endlichkeit hinwegtäuschen und die Realität des Todes verdrängen, während wir ihm mit jeder Sekunde näherrücken", heißt es im Programmblatt zur Performance. Wäre es da nicht besser, den eigenen Körper mit all seinen Makeln zu Lebzeiten wertzuschätzen anstatt einem falschen, quälenden Ideal hinterherzuhecheln?

Körper jenseits der Schönheitsnormen

Solche existenzielle Themen treiben Florentina Holzinger schon immer um. Als Tänzerin musste und muss sie sich ständig trimmen, wenngleich sie für ihre Choreographien gerne und ganz bewusst Körper jenseits der Schönheitsnormen zum Einsatz bringt.

Mit ihrem Team testet sie auch in dieser "Göttlichen Komödie" physische und psychische Belastungsgrenzen, mit athletischen Hürdenläufen, eingehenden anatomischen Studien und Tanzeinlagen, die in (Motorrad)-Stunts oder auch mal einem Body/Action-Painting münden. Wobei der Rezensent das gar nicht alles mitbekommt, weil ihm bald schlecht wird und er die Halle auf wackligen Beinen verlässt.

Für eine Holzinger-Performance muss man schon gute Nerven haben, gerade, wenn sie sich mit den letzten Dingen auseinandersetzt und Totentänze der besonderen Sorte aufführt, auch mit Blick auf die Geschichte ihres Metiers und die existenzielle Grundkonstitution der Protagonistinnen zwischen ausufernder Bewegungslust und gnadenloser Disziplinierung.

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Der Tod ist dabei gleich ein doppelter Horizont für alle (vergeblichen) Bemühungen: Tänzerinnen sterben zweimal, lautet ein Leitspruch der Inszenierung: einmal am Ende ihrer Karriere und einmal am wirkliche Ende.

Das Verhältnis der Lebenden zu den Toten möchten die neue künstlerische Leiterin des Festivals, Barbara Frey, und ihr Team in dieser Ausgabe beleuchten, dementsprechend ist der Grundton bemerkenswert morbide. Zur Eröffnung inszenierte Frey selbst mit "Der Untergang des Hauses Usher" einen schauerromantisch-musikalischen Abend entlang von fünf Erzählungen, die Edgar Allan Poe im 19. Jahrhundert verfasst hat, als die Industrielle Revolution die bisherigen Lebensumstände umwarf, auch im Ruhrgebiet.

Das passt doch allein schon gedanklich sehr gut, wenn nach dem Ende des Bergbaus in der Maschinenhalle der stillgelegten Zeche Zwecke ein poetischer Geisterreigen gespielt wird. Alles vergeht, aber mindestens in den Köpfen spukt das Alte herum und kann zumindest im flüchtigen theatralischen Moment noch mal heraufbeschworen werden, ganz körperlich sogar.

"Bählamms Fest" von dem irischen Regieduo "Dead Centre"

Auch in "Bählamms Fest", inszeniert von dem irischen Regieduo "Dead Centre", durchmischen sich Diesseits und Jenseits zu einem surrealen Zwischenreich, in dem auch die Grenzen zwischen Mensch und Tier verwischen. Die Oper von Olga Neuwirth basiert auf Leonora Carringtons Theaterstück "Das Fest des Lammes" von 1940, das Libretto stammt von Elfriede Jelinek, die ihr Faible für ausufernde Textflächen hier offenbar stark zügelte. Jedenfalls wirken die Dialogzeilen, die sich die Familie rund um die boshafte Matriarchin Mrs. Margret Carnis (toll fies: Hilary Summers) hin- und herspielt, knapp und präzise.

Der erste Sohn von Mrs. Carnis ist ein Säufer, der zweite ein Wolfsmensch, der nachts ein Lamm nach dem anderen killt. Zwischen beiden steht Theodora (Kathrin Baerts), die per Heirat in diese Familie hineingeraten ist und bald von den Geistern der Tiere, die Mrs. Carnis als Mädchen zu Tode quälte, ins Jenseits gelockt wird. Es ist ein verrückter, rätselhafter Stoff, den Neuwirth mit einer Musik unterlegt hat, die locker zwischen Klassik, Filmmusik und Geräuschkulisse herumspaziert, vom Walzertakt abrupt in den schrillen Suspense-Moment kippen kann und bei dem das elektromagnetische Vox-Theremin, das Gespenster-Instrument schlechthin, unheilvoll vibrierende Töne beisteuert. Das Ensemble Modern, das schon 1999 bei der Wiener Uraufführung spielte, zeigt sich unter Anleitung von Sylvain Cambreling auf der Höhe seines Könnens und liefert kristallklaren Irrwitz.

Von pastoraler Idylle kann bei diesem Stück, das immerhin in einem Häuschen in der Heide spielt, keine Rede sein. Selbst das naturalistisch wirkende Ambiente in der Bochumer Jahrhunderthalle (Bühnenbild: Nina Wetzel) entpuppt sich trotz tatsächlichen Heide-Pflanzungen als artifiziell: die Wände des sich drehenden Häuschens dienen als Projektionsflächen für irritierende Videos (fletschende Wolfszähne; Bildschirmflimmern). Und der Teich vor dem Häuschen erweist sich als begehbare, glatte Fläche, auf die bläuliches Wasserschimmern oder infernalische Rottöne projiziert werden können.

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Als ob sie schon allein durch den Titel Querverbindungen herstellen möchte, hat Barbara Frey als Gastspiel zudem die Inszenierung "Der Teich" eingeladen - ein weiteres Stück mit starker weiblicher Besetzung. Das kurze, frühe Drama des Schweizer Schriftstellers Robert Walser ("Der Gehülfe") hat die französische, durch das Spielart-Festival auch in München bekannte Theatermacherin Gisèle Vienne in ein surreales Schauspiel verwandelt, bei dem Kinostar Adèle Haenel und die Schauspielerin Ruth Vega Fernandez in verlangsamten Bewegungen ein eigentlich ganz realistisch anmutendes Familiendrama detailliert durchdeklinieren.

"Bählamms Fest": Vorgetäuschter Selbstmord

Der Inhalt lässt sich schnell zusammenfassen: Ein Sohn fühlt sich von seiner Mutter nicht geliebt und gibt deswegen vor, sich in einem Teich ertränken zu wollen. Der Tod wird hier also nur vorgetäuscht und soll eine Liebesbezeugung hervorrufen, die aber natürlich nicht so erfolgt, wie der Sohn sich das gedacht hat.

Gisèle Vienne macht daraus ein geisterhaftes Pas de deux in Slow-Motion, mit expressiven Farbwechseln in einem weißen Raum, der sowohl Familiengefängnis wie Imaginationsraum ist. Am Anfang ist diese White Box noch mit sitzenden, liegenden Puppen in einer Art After-Party-Arrangement bevölkert, die von einem Bühnenarbeiter aber sogleich in aller Ruhe abtransportiert werden.

Die Oper "Bählamms Fest" bei der Ruhrtriennale.
Die Oper "Bählamms Fest" bei der Ruhrtriennale. © Volker Beushausen / Ruhrtriennale 2021

Zwischen Bewegungsautomaten und emotional pulsierenden Wesen machen dann die beiden Schauspielerinnen weiter, wechseln beim Sprechen gekonnt zwischen verschiedenen Charakteren, Haenel in den Kinderrollen, Fernandez als Mutter und Vater, wobei letzterer sich zurückbeklagt: Wann hat denn der Junge jemals seinen Eltern seine Zuneigung gezeigt? Der bleibt eine Antwort schuldig.

Am Ende dieser ersten Festivalwoche kann man sich auch fragen, was sich am wenigsten greifen lässt: Der Tod? Oder doch dieses seltsame, gespenstische, vielleicht lebenserfüllende Gefühl namens Liebe?

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