Kritik

Musical "Zeppelin": Siegels großes und gewagtes Lebenswerk

Ralph Siegel hat sein "Lebenswerk" gestemmt: Die Großproduktion "Zeppelin - Das Musical" im Festspielhaus Füssen.
| Adrian Prechtel
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Gute Unterhaltung im Salon an Bord der LZ 129 Hindenburg vor spannungsreichem Publikum in 600 Meter Höhe. Im Hintergrund ein kleiner Ausschnitt der riesigen Zeppelinkonstruktion auf der Bühne.
Gute Unterhaltung im Salon an Bord der LZ 129 Hindenburg vor spannungsreichem Publikum in 600 Meter Höhe. Im Hintergrund ein kleiner Ausschnitt der riesigen Zeppelinkonstruktion auf der Bühne. © RSZdM

Höfischer, spätmonarchistischer Pomp, romantischer Theaternebel, Ballon-Nachtfahrten, ein riesiges Zeppelin-Gerüst, ein früher Absturz in den Bodensee, bei dem man das große Bühnenwasserbecken nutzen kann, in dem hier, im Füssener Festspielhaus, schon Ludwig II. ertrank. Und ein Feuerball zum Schluss.

"Zeppelin"-Musical: Knapp drei Stunden mit überwältigender Zugkraft

Für "Zeppelin - Das Musical" hat Ralph Siegel alles gegeben: sehr viel Geld, damit es nicht provinziell, sondern groß wird - sowie viele Nerven, damit es genauso gespielt wird, wie er es sich in seinem Kopf seit fünf Jahren vorgestellt hatte.

So ist "Zeppelin" glaubwürdig Siegels "Lebenswerk" geworden, wie er selber sagt. Und weil es das ist, hat Siegel auch selbstsicher auf viele dramaturgische Konventionen verzichtet, auch mit einer gewagten inhaltlichen Konstruktion.

Dass das alles über knapp drei Stunden doch eine überwältigende Zugkraft entwickelt, dass man staunt, sentimental sein Taschentuch rausholt oder aufgewühlt mitgeht, liegt dann natürlich an Siegels breitem Können, seiner großen Erfahrung und den vielen eingängigen oder dramatischen musikalischen Einfällen.

Komponist Ralph Siegel steht nach der Weltpremiere des Musicals "Zeppelin" beim Schlussapplaus neben seiner Frau Laura.
Komponist Ralph Siegel steht nach der Weltpremiere des Musicals "Zeppelin" beim Schlussapplaus neben seiner Frau Laura. © picture alliance/dpa

Es war Ralph Siegels Idee, zwei Geschichten - und damit zwei fast komplette Musicals - ineinanderzuschieben. Dieses Wagnis ist nicht ganz aufgegangen. Wir erleben einerseits Ferdinand von Zeppelin: von seinem Besuch einer Seidenfärberei als Junge, über die glückliche Heirat, dem Scheitern, Bankrott und dann dem Triumph seines Flugschiff-Lebensprojekts bis hin zum Tod 1917.

"Zeppelin"-Musical: Garniert mit moralisch-politischen Aussagen

Siegel nutzt das Leben des Grafen auch für moralisch-politische Aussagen wie Kapitalismuskritik. Das Ganze beginnt in einer Seidenfärberei, wo sich gerade die bürgerliche Revolution von 1848 zusammenbraut, hier umgedeutet zum bekannten sozialistischen Weber-Aufstand gegen katastrophale Arbeits- und Lohn-Bedingungen.

Und man denkt unwillkürlich an die aktuelle Mindestlohn-, Grundrenten- und Kindergrundsicherungsdebatte, was den marktliberalen Helmut Markwort unruhig auf seinem VIP-Stuhl in Parkett rutschen ließ.

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Schon mit dieser zweiten Nummer gibt es in "Zeppelin - Das Musical" einen Ohrwurm mit Zeilen wie "Zu wenig zum Leben, zu viel um zu sterben", was sich dann ohne Peinlichkeit auf "Verderben" reimt.

Diese "Zeit der Seidenfärber" bewies auch, dass - selbst für einen Song- und Schlagerschreiber - Musicalmusik eben mehr sein muss als eine gute Nummern-Revue.

Die Verflechtung von treibendem Basis-Song, darübergelegten Dialogen und Call-and-Answer-Dramatik geriet gleich zu einem mitreißenden Musikgeflecht. Das Publikum begleitete von Anfang an jede größere Nummer ergriffen oder mitgerissen mit Ovationen.

Völkerverbindende zivile Luftschifffahrtsidee zum Bombenabwurf  genutzt

Und dass Zeppelin 1865 auch in den Amerikanischen Bürgerkrieg als europäischer Beobachter geschickt wird, nutzt Siegel - musikalisch über "Ein bisschen Frieden" hinaus - zu pazifistischen Aussagen.

Die verstärken sich noch beim Tod des Grafen während des Ersten Weltkriegs, als er erkennen muss, wie seine völkerverbindende zivile Luftschifffahrtsidee zum Bombenabwurf über London genutzt wird.

Flammeninferno bedeutet das Ende der Zeppelin-Luftfahrt

Die zweite Geschichte, die Siegel erzählt, ist die Geschichte der Hindenburg, des unglaubliche 245 Meter langen Luftschiffes LZ 129, die nach drei Tagen Atlantiküberquerung am 6. Mai 1937 bei der Landung südlich von New York Feuer fängt und wasserstoff-gefüllt explodiert: ein Inferno, das sich in die Köpfe der Menschheit einbrannte und quasi das Ende der Zeppelin-Luftfahrt bedeutete.

Graf Zeppelin selbst hat das längst nicht mehr miterlebt, so dass sich die beiden Geschichten geschichtlich gar nicht berühren. Das Musical verbindet das über den Wissenschaftsreporter- und Zeppeliningenieur Hugo Eckener, der - 30 Jahre jünger als sein Freund Zeppelin - bis 1954 lebte.

Siegel hat in beiden Geschichten aber auch noch das dramaturgische Problem eines deprimierenden Schlusses, was ein kommerzielles Musical eigentlich schwer verträgt. Und so hängt er - etwas künstlich - jeweils noch eine philosophische, zukunftszugewandte Schlussnummer dran. Ganz am Ende, mit dem ganzen Ensemble auf der Bühne, wird dann in quasi-religiöser Lebensfragenüberhöhung gefragt: "Wo führt der Weg uns hin?", was einlädt zum innerlichen Mitschreiten, ähnlich dem Michael-Jackson-Song "We are the World".

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Amerika als Sehnsuchtsort des Erfolges - auch für Ralph Siegel

Zuvor hat Siegel anderthalb Stunden eine fiktive Passagierliste des letzten Flugs der Hindenburg als gesellschaftliches Panoptikum des Jahres 1937 genutzt - mit einer klaren Tendenz weg vom NS-Deutschland hin nach Amerika: von Gerade-noch-Entkommenen, über Auswandernde zu Geschäftemachern bis hin zu Träumerinnen von einer Hollywoodkarriere.

Und so klingt dann auch anfangs der euphorische, auch halb auf englisch gesungenen Titel, "Wir fahren nach Amerika", lässig und nicht zufällig ein bisschen nach dem "West-Side-Story"-Song "I Wanna Live in America". "Don't You Know New York" ist hierzu ein zweiter Siegel-Song mit Drive: Amerika - oder konkret der Broadway - als Sehnsuchtsort des Erfolges ist dabei sicher auch ein Gefühl, dass Siegels eigenes Leben begleitete.

Das Nachkriegskind Siegel vermeidet in seinem Musical auch nicht, dass in einem Jahr wie 1937 die NS-Politik beklemmend hineinspielt. Auch wenn hier manchmal die Gefahr besteht, dass Siegel das Publikum musikalisch mitreißt, wenn die Hindenburg als deutsch-nationale Ingenieursleistung mit Bombastrock gefeiert wird.

Für die Emotionalität nutzt Siegel gleich mehrere Paarkonstellationen

Dagegen wirkt dann selbst der US-Materialismus befreiend, wenn ein Rockefeller-Typ, die Vorzüge des Reichseins in einer Sinatra-artigen, glitzernden Showtreppen-Nummer an Bord preist: "When You Are on Top". Schließlich kostete ein Zeppelinticket von Frankfurt nach New York - auf heute umgerechnet - 13.000 Euro.

Gegen den klassischen Musical-Strich verzichtet Siegel auf das ein klassisches Liebespaar, was den Zuschauern die Fokussierung erschwert. Siegel will hingegen die Emotionalität gleich mehrerer Paarkonstellationen nutzen: wie die glückliche Ehe der Zeppelins oder eben mehrere, sich findende oder entzweiende Paare an Bord. Was wiederum aber den emotionalen Spielraum erweitert - mit ergreifenden, analytischen und doch sentimentalen Nummern wie "Du hast mich nie geliebt", aber auch "Ich hab Dich geliebt". Für diese Liebesmelange konnte Siegel auch aus eigener vier-ehiger Lebenserfahrung schöpfen.

"Zeppelin - das Musical" ist eine pompöse Großproduktion

Und so ist es auch kein Wunder, dass er den Lebensbekenntnissong "Ich habe gelebt" selbst aufgenommen und gesungen hat, worin selbstbefragend heißt: "...hat denn meine Kraft und Leidenschaft, etwas Bleibendes geschafft?...". Auf der Bühne singt das anschwellend lebensstark Patrick Stanke als stimmstarker Graf Zeppelin, wie überhaupt alle Sänger - wie Uwe Kröger und Sigmar Solbach - oder Stefanie Gröning als Isabella, die durch alle Altersphasen mit ihrem Mann Graf Zeppelin ein glückliches Liebespaar bildet.

So ist Ralph Siegels "Zeppelin - das Musical" eine pompöse Großproduktion, die das ganze Musikspektrum ausspielen kann: von Einflüssen höfischer Musik, einem ergreifenden, unkitschigen Kinderlied "Schmetterling flieg zum Himmel" über schmachtende Liebesduette, eingängige Schlager, lässige, angejazzte Cabaret-Frivolitäten bis hin zum großen, swingenden orchestralen Big-Band-Sound. Ein Lebenswerk.


"Zeppelin - das Musical": Festspielhaus Neuschwanstein, Termine im Oktober und November, dann wieder im Mai und Juni 2022, Karten von 36 - 100 Euro, www.das-festspielhaus.de

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