„Hey, geht’s noch?“: Max Uthoff attackiert das Patriarchat

Willkommen zur Vorankündigung meines neuen Programms. Das gut wird“, heißt es vielversprechend auf der Homepage des Lustspielhauses. Und weiter: „Ein Abend voller verbaler Entgleisungen, Lachen auf Kosten der Stärkeren und intellektueller Klingelstreiche. Ich warne jedoch vor übertriebenen Erwartungen!“ Das macht uns neugierig, weshalb wir bei Max Uthoff nachgefragt haben.
AZ: Herr Uthoff, „uns.ich.er“ heißt Ihr neues Programm schön wortspielerisch. Am Ende geht es aber wohl doch um Unsicherheit, die vorherrschende Stimmung im Land und in der Welt?
MAX UTHOFF: Diese Silbentrennung habe ich mir geliehen, bei dem Schweizer Schriftsteller Beat Gloor, der bekannt war für seine leidenschaftliche Arbeit an Wörtern und Sprache, der schöne und neue Bedeutungen erschlossen hat, indem er Wörter einfach getrennt hat, zum Beispiel staat sex amen. „uns.ich.er“ war der Titel eines Buches, das ich mir vor Jahren gekauft habe. Da Gloor schon gestorben ist, habe ich seinen Sohn und den Verlag gefragt, ob ich diesen Titel benutzen kann. Der Sohn wollte wissen, worum es im Programm geht, und meinte, da hätte sein Vater nicht Nein gesagt.
Worum geht es denn nun im neuen Programm?
Wie der Name sagt, wird es um Ängste gehen, um das bedrohte, verunsicherte Ich, das in diesen Zeiten doch schwer unter Beschuss steht. Es wird darum gehen, wie wir uns als uns definieren, welche Regeln wir für die Gesellschaft festgelegt haben. Meine Aufgabe ist es, abseits der tagesaktuellen Hektik mal einen Schritt nach hinten zu treten und aus der Distanz auf das Ganze zu gucken. Deswegen werde ich mich auch viel mit der Fantasie der Meritokratie beschäftigen, die seit Jahren von der Union und der FDP erzählt wird, die das Leistungs-Mantra immer wieder verteidigen. Das werde ich mal ein bisschen durchlöchern.
„Je schwerer die Kost, desto größer ist die Erleichterung, wenn da mal eine Pointe kommt.“
Wobei es derzeit gar nicht mal so einfach ist, sich von der tagesaktuellen Hektik fernzuhalten…
Das ist tatsächlich schwierig, weil man natürlich Gefahr läuft über etwas zu sprechen, das den Leuten nicht so sehr unter den Nägeln brennt. Angesichts solcher Dinge wie Epstein-Files scheint es einem ja fast alles banal. Sich über irgendwelche Kleinigkeiten in der deutschen Sozialpolitik aufzuregen erscheint banal, wenn wir auf der anderen Seite fast die 120 Tage von Sodom erreicht haben, wenn irgendwelche reiche, moralisch total korrumpierte Typen sich auf einer Insel aufführen wie...naja.

Bei uns im Land sieht es auch kaum besser aus, wie die jüngste Causa um triebgestörte Springer-Chefredakteure zeigt.
Darum wird es auch gehen: das Patriarchat, das uns Männer alle strukturell bevorteilt. Wir sind alle Nutznießer. Das bringt uns in die Pflicht etwas zu sagen. Dieses Patriarchat wütet ja zur Zeit in einer grotesken Weise, von den Epstein-Files über Harald Martenstein bis zu einem Manuel Hagel von der CDU. Diese Selbstverständlichkeit, mit der der männliche Blick auf die Frau als Objekt der Begierde noch akzeptiert wird! Da ist es vor allem von uns Männer die Aufgabe aufzuschreien und zu sagen: „Hey, geht‘s eigentlich noch, Freundchen?!“ Es wird also um entzückende Themen wie Feminismus gehen, um Ängste, es wird auch persönlich, und es wird wie immer auch um meinen eigenen Blick auf die Gesellschaft gehen.
Und wahrscheinlich wird es - wie immer - auch noch verdammt lustig werden.
Das müssen wir mal schauen, da brauche ich natürlich wieder die Mitarbeit der Zuschauer. Aber es war schon so angedacht, dass da inmitten meiner aggressiven Vorlesung ab und zu mal Druckablass durch Humor stattfindet.
Wie kriegen Sie das bei all den erdenschweren Themen immer wieder hin, den berühmten Funken zu schlagen?
Ich suche natürlich auch nach dem leichten Moment, der es verdaulich macht. Ich merke aber: Je schwerer die Kost, desto größer ist die Erleichterung, wenn da mal eine Pointe kommt. Im Kabarett habe ich die Freiheit, eben nicht wie im Stand-up häufig permanent eine gewisse Pointen-Taktung haben zu müssen, sondern auch mal eine oder zwei Minuten mal was Persönliches erzählen zu können oder über die Gesellschaft zu referiere, ohne es in eine Pointe münden zu lassen. Heißt: Ich mache mich zunehmend frei von Erwartungshaltungen bezüglich Pointen oder Witzen.
„Indem ich möglichst wenig nachdenke“
Neulich hat Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker im neuen Programm seine Ehefrau Hilde sterben lassen - und sich fortan nurmehr Sorgen gemacht, wer nun das Essen und die Wäsche machen solle. Mehr als zwei Stunden hat er das durchgezogen, bis zum bitteren Ende!
Samuel Beckett hat ja mal gesagt: „Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen.“ Wenn man Situationen, die eigentlich inhaltslos, skurril oder seltsam sind, permanent wiederholt, nähert man sich dem Bereich der Komik mit großen Schritten an. Und irgendwann entlädt sich das in Gelächter, weil man gar nicht mehr anders weiß mit der Situation umzugehen.

Eine Frage, die sich bei Ihnen aufdrängt: auf Deutschland-Tour mit dem aktuellen und einem weiteren Duo-Programm, ein neues schreiben, dazu jeden Monat noch eine viel beachtete Sendung im ZDF - wie schafft man so was?
Indem ich wenigstmöglich darüber nachdenke. Tatsächlich ist die Taktung diesmal heftig, weil wir zwei Sondersendungen mit der „Anstalt“ hatten, die erst reinkamen, als der Premierentermin schon fix war. Das Programm mit der Toni ist dagegen ohnehin etwas, das mir sehr viel mehr Freude macht als Anstrengung. Eine Woche nach der Premiere ist nun auch schon die nächste Sendung, mit dem fluffig-lockeren Thema Iran. Manchmal beneide ich Stand-up-Comedians, die sich mit ganz leichten Themen beschäftigen und fünf Minuten über irgendwas reden, wo ich so denke: „Ah, ja, erfrischend, nice, lustig, aber den ganzen Abend könnte ich mir das nicht vorstellen.“
„Neulich hat eine Frau tatsächlich bezweifelt, dass die Toni meine Tochter ist.“
Noch mal zum allseits gefeierten Duo-Programm „Einer zuviel“ mit Ihrer Tochter Toni: Was für ein Feedback haben Sie bislang bekommen?
Das ist fantastisch. Ich muss gestehen: Wir haben zusammen ein jüngeres Publikum als bei mir im Solo-Programm. Es zieht mehr junges Publikum: Familien, Eltern mit ihren Kindern.

Wie gemalt, oder?
Das, was wir erreichen wollten! Wobei das jetzt klingt, als ob wir ein Ziel gehabt hätten. Wir machen ja einfach, worauf wir Lust haben. Dass diese Vater-Tochter-Konstellation auf der Bühne und die Themen, über die wir sprechen, einen solchen Anziehungseffekt haben, finde ich erstaunlich und wunderbar, weil wir oft auch erfahren, wie berührt die Leute sind. Und wie oft wir gesagt bekommen, dass bei ihnen zuhause genau die selben Themen ein Problem sind! Neulich hat eine Frau tatsächlich bezweifelt, dass die Toni meine Tochter ist. Bizarr! Dass jemand auf die Idee kommt, wir hätten uns das ausgedacht! Aber die Toni macht das echt großartig.
Sie spielen ja richtig oft gemeinsam!
Wir könnten sogar noch mehr spielen, aber irgendwann will ich ja auch noch für meine jüngere Tochter zuhause sein. Dieses Herumreisen von Bühne zu Bühne ist zwar anstrengend, aber eine großartige Möglichkeit meiner Tochter nahe zu sein. Ich habe sie gefragt, wie oft sie spielen möchte, und sie meinte: „So oft wie möglich.“
Eine schöne Gewissheit. Jetzt aber erst mal „uns.ich.er“, die Unsicherheit.
Und wie wir damit umgehen müssen. In der zweiten Hälfte wird es mal grundsätzliche Überlegungen zur Gesellschaft geben, ob wir das so wollen oder ob wir uns vielleicht eine andere vorstellen können, ohne jetzt eine genaue Erzählung aufzumachen. Aber ich glaube, das ist auch Teil der Verunsicherung, die angenehm sein und Spaß machen kann, indem man sich mal raus begibt aus dem Wohlstandsmilieu, in dem man sich befindet, und sich zumindest mal gedanklich woanders hinwagt.
Am 6. März im Theater Leo 17, Leopoldstraße 17, ausverkauft, auch am 22. März (ausverkauft) und am 22. und 23. Juni im Lustspielhaus (Karten ab 29 Euro bei münchenticket)