Köpplingers "Rosenkavalier" in Wien: Originelles mit Humor-Glutamat

Die Volksoper Wien wagte sich erstmals an Richard Strauss' "Rosenkavalier" – in der Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger.
| Walter Weidringer
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Karl-Michael Ebner (Valzacchi), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin), Margarete Joswig (Annina), Chor, Komparserie
Karl-Michael Ebner (Valzacchi), Jacquelyn Wagner (Feldmarschallin), Margarete Joswig (Annina), Chor, Komparserie © © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die halbe Stadt ist auf die Füß' - zumindest Geimpfte und Genesene: Die dürfen nach entsprechender Kontrolle auch in der Volksoper Wien die Masken fallen lassen. Dort gibt es den ersten rundum neuen "Rosenkavalier" der Stadt seit 1968.

Hohe Erwartungen an den neuen "Rosenkavalier" in Wien

Damals hat Leonard Bernstein an der Staatsoper die Premiere von Otto Schenks unverwüstlicher Inszenierung dirigiert, mit Christa Ludwig als Marschallin und Gwyneth Jones als Octavian. 1994 kam Carlos Kleiber für eine musikalische Neueinstudierung, zuletzt der neue Musikdirektor Philippe Jordan, pandemiebedingt vor Kameras im leeren Haus.

Wenn sich nun der scheidende Volksopernprinzipal Robert Meyer an die Erstaufführung im zweiten Wiener Opernhaus wagt, sind die Erinnerungen natürlich so intensiv wie die Erwartungen hoch. Den Abstand zwischen dem Haus am Ring und dem Haus am Gürtel hört, sieht, spürt man den ganzen Abend über.

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Das wackere Volksopernorchester kann auch unter dem erfahrenen Routinier Hans Graf nicht mit philharmonischen Klangvaleurs prunken, vieles gerät wesentlich deftiger, manchmal wackelt's - und die Fähigkeit, selbst mit einem anspruchsvollen Instrumentalsolo nicht plötzlich allein das Rampenlicht zu beanspruchen, sondern sich immer noch an Stimmung und Stimmen anzupassen, kommt nicht über Nacht.

Aber: Das Gesamtniveau dieses "Rosenkavaliers" ist mehr als nur anständig, die wachsende Erfahrung mit der Partitur wird dem tadellosen Chor sowie Ensemble und Orchester allgemein guttun. Neben Meyers Vertrauen in Graf hat sich auch jenes in den Regisseur und Münchner Gärtnerplatz-Intendanten Josef Ernst Köpplinger letztlich gelohnt, wie der "Probelauf" am koproduzierenden Theater Bonn 2019 bereits gezeigt hat.

"Rosenkavalier": Eine Nummer kleiner, aber nahe dran am Publikum

In einer klugen Flucht nach vorn ist halt alles ein, zwei Nummern kleiner als in Wien oder München gewohnt. Der Rokokoprunk muss der (zumindest äußerlichen) Verbürgerlichung der 1920er Jahre weichen. Dafür ist das Publikum näher dran. Johannes Leiacker begrenzt die zumeist dreieckige Spielfläche mit Prismen, die je nach Drehung eine erotische Blumentapete, Stillleben (auch mit Totenkopf) oder immer wieder halb blinde Spiegel zeigen: Vanitas vanitatum! Memento mori!

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Köpplinger ist in gewisser Weise ein Otto Schenk 2.0

In modernisiertem Ambiente erzählt Köpplinger die Story mit Liebe zum Detail gleichsam ganz herkömmlich, schlägt aber dort und da über die Stränge. "Hunderl so klein und schon zimmerrein!" kräht etwa der Tierhändler und Richard Strauss komponiert dazu das peinliche Rinnsal einer im Pianissimo fallenden chromatischen Linie: Der Scherz ist damit en passant gemacht.

Wenn hier der Ochs dazu noch ein "Heast, brunzt mi des Sauviech an!" brüllt, das nicht im Text steht, wird daraus ein Schenkelklopfer, der zwar ankommt, die Feinfühligen aber zusammenzucken lässt. Köpplinger, in gewisser Weise ein Otto Schenk 2.0 der Opernregie, scheut sich nicht, dort und da mit Humor-Glutamat der Marke Komödienstadel nachzuwürzen.

Stefan Cerny: Markantes Rollendebüt

Dabei liefert Stefan Cerny in der Partie des hier betont niederösterreichischen, grundlos großtuerischen Grapschers vom Land das markanteste Rollendebüt: In der extremen Höhe biegt er sich die trotz Strichen immer noch monströse Partie etwas zurecht und er fühlt sich noch nicht in jeder Geste ganz wohl, er überzeugt jedoch mit der markanten Tiefe seines drahtig-knorrigen, tragfähigen Basses und vor allem einem lückenlos wortdeutlichen, pointierten Vortrag. Aber: "Kusch!" und immer wieder: "Heast"? Hofmannsthal, so einen Herrn, zurichten miserabel? Eine Farce und weiter nichts?

Nein, Köpplinger führt nicht nur die Massen virtuos und setzt mit Nebenfiguren mehrfach originelle Pointen, doch gelingt ihm auch Poetisches. Der schwarze Mohammed (Nico Greilhuber) ist zum Beispiel fernab von Ballettelevengetrippel ein herrlicher Lausbub, der dem unterm Bett versteckten Octavian verschmitzt zuwinkt. Emma Sventelius macht darstellerisch in der Hosenrolle gute Figur, weniger aber mit der etwas flackrigen Tongebung ihres hellen Mezzosoprans sowie der geringen Verständlichkeit. Daneben erfreut Lauren Urquart als sensible Sophie mit apartem Silberklang.

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Und erst das Taschentuch! Es gehört der Marschallin, dient zunächst noch zu verliebtem Getändel, bis der verwirrte, verletzte Octavian es als duftendes Andenken einsteckt und im zweiten Akt dann, nach kurzem Zögern, der weinenden Sophie reicht.

Die Marschallin deutet Köpplinger betont unsentimental. Jacquelyn Wagner hat mit Pianokultur und nobler Linienführung alle vokalen Grundlagen für die Partie. Jetzt müsste freilich noch eine konsequent am Wortvortrag feilende Einstudierung folgen.

Ein bisserl anders, ein bisserl modern also, eine in Summe tragfähige Alternative, vom Publikum ausnahmslos bejubelt. Parallel dazu lässt sich die Staatsopernproduktion noch getrost das eine oder andere Jahrzehnt weiterspielen: Wien bleibt Wien.


Volksoper Wien, wieder am 4., 7., 11., 14., 17., 20. und 23. November.

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