Kritik

"Graf Öderland" im Residenztheater: So frisch ist Max Frisch

Stefan Bachmann inszeniert "Graf Öderland" im Residenztheater.
| Mathias Hejny
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Simon Zagermann, Linda Blümchen, Barbara Horvath und Thiemo Strutzenberger (von links).
Simon Zagermann, Linda Blümchen, Barbara Horvath und Thiemo Strutzenberger (von links). © Birgit Hupfeld

München - Zum Biedermann mit der Axt hatte Max Frisch ein besonders intensives Verhältnis. Die Idee vom Staatsanwalt, der völlig motivlos mordet und damit eher unfreiwillig zu einem Idol für einen Widerstand gegen die bürgerliche Ordnung aufsteigt, verfolgte den Schweizer Romanautor und Dramatiker jahrelang. Doch mit keiner der drei Fassungen gelang es ihm, sich verstanden zu fühlen. Die erste Uraufführung fand 1951 in Zürich statt, die "Frankfurter Fassung" kam 1956 heraus und die letzte Überarbeitung 1961 in Berlin.

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Im Gegensatz zu Frischs übrigem Werk fand sich "Graf Öderland" selten auf den Spielplänen und hatte sogar den Ruf "unspielbar" zu sein. Sein Landsmann Stefan Bachmann kümmerte sich 2020 in Basel um das Werk, und das Ergebnis ist erstaunlich.

Noch im gleichen Jahr reiste die Koproduktion des Theaters Basel mit dem Residenztheater zum Theatertreffen nach Berlin. Nur die Übernahme nach München verlief pandemiebedingt nicht nach Plan. Erst jetzt konnte die Resi-Premiere nachgeholt werden.

"Graf Öderland": Riesiger Trichter beherrscht die Bühne 

Von Frischs Anweisungen für das Bühnenbild, die detailliert den nicht nur in der Schweiz vorherrschenden Mief der fünfziger Jahre beschreiben, ist bei Bachmann nichts zu sehen. Der Raum ist ebenso abstrakt wie spektakulär: Ein nahezu bühnengroßer Trichter beherrscht die Bühne bedrohlich.

Ein kleines Loch in großer Höhe ist der einzige Zugang für die Figuren, die sich auf der schiefen Ebene nur mit großer Vorsicht bewegen können, manchmal auch abstürzen oder auch übermütig herunter rutschen. Links und rechts davon hat sich ein kleines Orchester unter Leitung von Sven Kaiser eingerichtet.

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Ihr musikalisches Angebot ist breit gefächert. Mitunter hört sich die Aufführung an wie eine Inszenierung von Ulrich Rasche und seinen Minimalmusic-Kompositionen, dann und wann kling es nach Liedern von Brecht und Weill. Und wenn die Jünger des entfesselten Staatsanwalts ihre Äxte in den Bühnenboden einschlagen, werden Geräusche von brachialem Rammstein-Sound übertönt.

Was den namenlos bleibenden Bewahrer des Gesetzes antreibt, ist der Überdruss an seiner geordneten Existenz mit den durch und durch geregelten Tagesabläufen. Auslöser war die Tat eines Mörders, der nur des Mordens wegen tötete. Er geht in die Wälder und trifft dort gleichgesinnte Kämpfer für eine neue Freiheit.

Seine Axt wird zum Symbol der Bewegung, die nicht nur die Outlaws im Gehölz ergreift, sondern auch bald größere Kreise der Gesellschaft. Aktuelle Bezüge zu Pediga-Demonstranten, Querdenkern und rechtspopulistischen bis rechtsradikalen "Alternativen für Deutschland" sind bei Stefan Bachmann allerdings nicht erkennbar beabsichtigt.

Barbara Horvath und Thiemo Strutzenberger in "Graf Öderland".
Barbara Horvath und Thiemo Strutzenberger in "Graf Öderland". © Birgit Hupfeld

"Graf Öderland": Dramaturgie des Unterbewussten macht alles vorstellbar 

Die Gattungsbezeichnung "Moritat" lässt an plakatives Belehren denken, gleichzeitig hat das Stück geschliffene Dialoge und eine gewisse Neigung zur Satire. Bachmann geht all dem aus dem Weg, indem er die Flucht nach vorne antritt. Er nutzt die Aussage des Staatsanwalts, "man hat mich nur geträumt", zum Sprungbrett für einen alptraumhaften Trip durch eine krude Geschichte.

Die Dramaturgie des Unterbewussten macht alles vorstellbar, aber die formale Strenge, die sich der Regisseur und sein Bühnenbildner Olaf Altmann auferlegt haben, verhindert Beliebiges.

"Graf Öderland" im Residenztheater: So frisch war Frisch selten 

Thiemo Strutzenberger als der vom Weg abgekommene Staatsanwalt ist kein psychologisch ausgedeuteter Gewaltverbrecher, sondern von Anfang an die verhuschte Figur eines Traums wie auch die übrigen Stützen der Gesellschaft aus Polizei, Militär, Politik und Kunst, die hereingeweht scheinen wie aus einem Otto-Dix-Gemälde. Das Tempo ist immens, die Bilder sind von surrealer Fantastik und die 95 Minuten rasen vorbei. So frisch war Frisch selten.


Residenztheater, 3., 4., 10. November, 20 Uhr, 21. November, 16 Uhr, Telefon 21851940

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