Interview

Jochen Busse: Er will nur spielen - immer

Schauspieler, Kabarettist, Autor: Jochen Busse gehört zu den vielfältigsten Darstellern auf Deutschlands Boulevard-Bühnen. Mit Yoga hält er sich seit Jahrzehnten fit. Am 28. Januar 2021 wird er 80.
| Thomas Becker
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Immer schön geschmeidig bleiben, dann ist 80 das neue 50: Jochen Busse, Kabarettist, Schauspieler und Yoga-Fan, dehnt und streckt sich.
Immer schön geschmeidig bleiben, dann ist 80 das neue 50: Jochen Busse, Kabarettist, Schauspieler und Yoga-Fan, dehnt und streckt sich. © picture alliance / Henning Kaise

München - Gerade hat Jochen Busse die vierte Scheidung hinter sich. Das zeige, dass er für die Ehe wohl nicht gemacht sei. "Ich werde in meinem ganzen Leben nicht mehr heiraten. Das ist etwas, was mir offensichtlich nicht liegt. Ich nehme alle Schuld auf mich", sagt Busse, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

AZ: Herr Busse, das Wichtigste zuerst: Wie geht's Ihnen?
JOCHEN BUSSE: Ausgezeichnet, ich kann wirklich nicht meckern. Wenn man bedenkt, dass ich jetzt 80 werde, ist das schon okay.

Wie sind Sie durch die Pandemie gekommen? Haben Sie schon einen Impftermin?
Der verzögert sich gerade um zwei Wochen. Ich freu mich jedenfalls drauf.

"Es ist ganz schlimm, weil man immer das Gefühl hat: Man taugt zu nix"

Wie sehr setzt Ihnen die Schließung der Theater zu? Ihr letzter Auftritt war im August…
Im Theater im Rathaus in Essen, das zum Düsseldorfer Theater an der Kö gehört, was wiederum zum Domtheater in Köln gehört - das ist auch einer der Gründe, warum ich jetzt von Berlin nach Düsseldorf gezogen bin: Weil ich in diesen Häusern so oft spiele. Jetzt wohne ich ohne Fahrstuhl im dritten Stock, und wenn ich eines Tages diese drei Stockwerke nicht mehr bewältige, ziehe ich nach München, wo ich 30 Jahre gelebt und noch eine kleine Wohnung habe - die hat 'nen Fahrstuhl. Aber die ist jetzt vermietet an jemanden, den ich so lange wie möglich da wohnen lassen möchte.

Wie sehr geht Ihnen die Bühne ab?
Es ist ganz schlimm, weil man immer das Gefühl hat: Man taugt zu nix. Das ist doch furchtbar! Als ich Rentner wurde, bin ich ja übergangslos zum Theater rüber gesprungen. Irgendwann wurden daraus 250 Vorstellungen im Jahr, und das war mir gerade recht. Wenn ich gefragt werde "Haben Sie ein Hobby?", sage ich "Ja, ich spiel' so gern Theater". Das ist nun mal nicht anders. Und plötzlich darf ich nicht mehr. Wenn ich auf der Bühne umgefallen wäre, wäre das Schicksal gewesen, aber so bin ich pumperlgsund und darf nicht spielen - das ist schon bitter. Die Auftritte in der Komödie im Bayerischen Hof bis 7. März werden um ein Jahr verschoben.

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Sie sprechen von "Komplexe Väter".
Das Erfolgsstück, das wir seit zwei Jahren spielen und das ich laut Vorschau noch zwei weitere Jahre spielen muss. Und danach - das ist mit meinen Autor schon besprochen - will ich ein neues Stück, auch wenn ich 82 bin. Nur wenn es gar nicht mehr geht, dann lass' ich's.

"Hugo-Egon Balder ist ein fantastischer Kollege"

"Komplexe Väter" spielen Sie mit Hugo-Egon Balder?
Da kommen so Zweifel bei Ihnen durch…

Ja. Mit diesem 70-jährigen Jungspund?
Der kann sich manchmal nicht so gut bewegen wie ich, weil der nicht so durchtrainiert ist.

Macht wohl nicht so viel Yoga wie Sie.
Ist aber ein fantastischer Kollege. Wir sind inzwischen befreundet, kennen uns ewig, es funktioniert fantastisch mit ihm. Wir haben schon überlegt, ob wir das fortsetzen mit einem anderen Stück. Der Mann ist durch und durch Musiker, und die lernen ja die Koordination im Gehirn. Der ist von einer Präzision! Jeden Abend neu, aber zuverlässig auf den Punkt.

Sie haben mit vielen unterschiedlichen Kollegen zusammengespielt. Wenn man allein Henning Venske neben Balder stellt! Da sind schon ein paar Kilometer dazwischen.
Obwohl die sich kennen und schätzen. Da Henning auch ein engagierter Autor ist, ist das Engagement immer noch wichtiger als die Darstellung. Und Hugo ist in der Beziehung wie ich: Hauptsache die Leute lachen, und man muss sich dafür nicht schämen.

 "Von da an war ich der böse Junge aus gutem Hause"

Deswegen haben Sie es auch so lange bei "7 Tage, 7 Köpfe" ausgehalten.
Zehn Jahre. Ich war auch der Einzige, der die ganzen 300 Sendungen immer da war. Die anderen sind irgendwann mal krank geworden oder haben etwas gemacht, von dem sie glaubten, dass sie mehr Erfolg haben würden. Anfangs dachte ich, das machen wir drei, vier Mal, dann findet der Sender kein Publikum mehr dafür. Aber bereits die erste Sendung hatte eine Million mehr Zuschauer, als der Sender erhofft hatte.

Was man sich nur schwer vorstellen kann: Am Anfang wurden Sie gern als Bösewicht besetzt, zum Beispiel in "11 Uhr 20", dem Krimi-Dreiteiler von 1970 mit Blacky Fuchsberger, Götz George und Vadim Glowna.
Wolfgang Becker als Regisseur, mit dem hatte ich vorher gerade einen Spielfilm gemacht. Über Nacht war ich ein bekanntes Gesicht, denn "11 Uhr 20" war ein Straßenfeger. Von da an war ich der böse Junge aus gutem Hause. In "Engel, die ihre Flügel verbrennen" sollte ich Nadja Tiller verführen und erpressen. 1969 war ich ein Bösewicht in "Die jungen Tiger von Hongkong". Das hat Wolf Hartwig produziert, der Erfinder des "Hausfrauen-Reports". Der machte hin und wieder, wenn er zu Geld gekommen war, einen Reputationsfilm.

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"Wenn Täubchen Federn lassen" gehörte eher nicht in diese Kategorie…
Das war ein Kameramann des Bayerischen Rundfunks, der sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Spielfilm zu machen - und unseligerweise auch das Buch dazu geschrieben hatte. Den Film kann man sich gar nicht angucken, schon damals nicht. Der hatte weder Hand noch Fuß, nur viele nackte Brüste.

Da ging es in den 15 Jahren im Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft schon anders zu.
Ich komme ja vom Kabarett, habe angefangen mit den "Knallfröschen", einem Studentenkabarett, zu dem auch Friedrich von Thun gehörte. Daraus entstand das "Rationaltheater", eine unglaublich linke Bude. Da trafen sich nach der Vorstellung Leute, die wahrscheinlich mit dem Großteil der RAF bekannt waren. Aber die Lach- und Schieß war mit die schönste Zeit meines Lebens.

"Wenn man in der AZ einen Stern hatte, war man in München von heute auf morgen weltberühmt"

Schwärmen Sie ruhig mal von damals!
In diesem kleinen Ding da in Schwabing jeden Abend zu spielen, auf die großen Tourneen zu gehen, Sammy Drechsel zu haben, diesen Hochintelligenten, immer Witzigen, immer auf Zack. Und den großartigen Klaus-Peter Schreiner als Autor, der für mich die Soli schrieb, was er sich ausbedungen hatte. Das war schon eine besondere Zeit. Und das immer begleitet von der AZ.

Sie dürfen nochmal schwärmen.
Die war damals ein unglaublicher Kommunikator. Wenn man in der AZ einen Stern hatte, war man in München von heute auf morgen weltberühmt. Durch die AZ bin ich auch populär geworden, weil damals der Hunter über mich als ersten nackten Mann im deutschen Film schrieb. Witzigerweise habe ich mir neulich mal wieder eine AZ gekauft: Das hat ja wieder den Standard wie früher.

Wir geben uns Mühe.
Dafür, dass sie fast weg war, hat die AZ den Standard wieder gut erreicht, finde ich.

Danke für die Blumen, Herr Busse. Zurück zu Ihnen: Angesichts Ihrer Bandbreite ist es bestimmt nie langweilig geworden, oder?
Rückblickend ist das unglaublich elegant und geschmeidig gelaufen - in veritas war es eine furchtbare Ackerei. Man saß oft am Telefon und wartete, ob man nun engagiert wurde oder nicht. Und man hat auch viel gehungert, bis es richtig losging. Was viele gar nicht wissen: Es ist noch nicht lange her, da habe in der Kölner Oper in der "Fledermaus" den Frosch gespielt. Wenn ich hätte gut singen könne, wäre ich auch zum Gärtnerplatz gegangen.

"Alles, was damals Rang und Namen hatte, war an den Kammerspielen"

Nach München kamen Sie schon mit 19, an die Kammerspiele.
Da war ich in der Komparserie. Fritz Kortner! "Timon von Athen"! Der Kortner, ein Titan der Regie, probierte damals schon so lange, wie es heute üblich ist. Der durfte sich alles leisten. Die Kammerspiele engagierten erstmals nur für Kortner festangestellte Komparsen. Der Kortner hat mit uns gearbeitet als wären wir Schauspieler. Wir hatten keinen Text, aber sonst mussten wir alles können. Das war herrlich für mich, die Hälfte der Ausbildung. So einem Mann von morgens bis abends bei der Arbeit zuzusehen! Alles, was damals Rang und Namen hatte, war an den Kammerspielen. Ich bin da voll und ganz eingetaucht. Von da ging's zu den "Knallfröschen" und somit ins Kabarett - und das alles in München.

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Klingt so, als müssten Sie hier bald wieder heimisch werden.
Stimmt. Ich war auch sehr eng mit Helmut Fischer befreundet, seit den 60ern. Dadurch war ich auch so drin in dem München. Ich liebe diese Sprache, ich hänge richtig daran. Aber ich sag' Ihnen: Düsseldorf hat was davon.

Ach.
Da, wo ich jetzt lebe, in Pempelfort: Das ist ein bisschen wie das Schwabing der 60er.

Na, das könnte ja dann eine wilde Geburtstagsparty werden.
Ach, ganz bescheiden wird das. Ich feiere rein bei einer Familie, und am nächsten Abend bin ich bei einer anderen Familie. Geht ja nicht anders. Ich werde ja nicht bescheuert sein und mich in dem Alter noch einer Gefahr aussetzen.

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