Aufregender kann ein Livestream nicht sein: die Kammerspiele zeigen "Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer"

Ein Traum von einem Livestream: Die Kammerspiele präsentierten die Inszenierung "Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer" des Kollektivs "Raum + Zeit" als Online-Premiere.
| Michael Stadler
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"Gespenster" in den Kammerspielen mit Bernardo Arias Porras, im Hintergrund Katharina Bach als Erika Mann.
Heinz Holzmann "Gespenster" in den Kammerspielen mit Bernardo Arias Porras, im Hintergrund Katharina Bach als Erika Mann.

München - Die Kamera kreist zu Beginn um vier Glaskästen, die in der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele um die Mitte gleichmäßig verteilt stehen. Darin befinden sich die zwei Spielerinnen und zwei Spieler des Theater-Abends, dessen Premiere notgedrungen als Live-Stream stattfindet. Die Vier haben etwas von Schaufensterfiguren, die erstmal in ihren Verkleidungen und damit verbundenen Rollen verharren müssen, während der 360-Grad-Dreh der Kamera bereits einen Taumel erzeugt: Hier wird sich alles vermischen, Zeiten, Orte, Identitäten, wie im Fieberwahn oder in einem verrückten Traum.

Empfehlenswert: die Einführung von Dramaturg Mehdi Moradpour

Von einer Inszenierung, die einer gewissen Traumlogik folgt, erzählt auch Dramaturg Mehdi Moradpour, dessen Einführung ebenfalls online auf der Website der Kammerspiele abrufbar ist. Es empfiehlt sich, ihm erstmal ein bisschen zuzuhören, denn ohne Vorab-Informationen kann man im darauffolgenden, durchaus klug organisierten Durcheinander der Szenen die Orientierung verlieren.

Das Kollektiv "Raum + Zeit" ist bekannt für immersive Performances

Das Kollektiv "Raum + Zeit", bestehend aus Dramaturgin Julia Hendes, Autor Lothar Kittstein, Regisseur Bernhard Mikeska und Bühnenbildnerin Steffi Wurster, fordert die Sehgewohnheiten des Publikums immer wieder heraus. Mit immersiven Performances wie "Eurydice :: Noir Désir" etwa, bei denen man in Eins-zu-Eins-Situationen mit den Schauspielern hautnah ins Mit-Erleben gerät. Oder mit Stücken wie "Opening Night :: Alles über Laura", in denen das Publikum, wie es hier nun auch online suggeriert wurde, sich auf zwei Seiten verteilt und die Szene jeweils in verschiedener Reihenfolge sieht. Bis die Doppel-Struktur aufgelöst wird und die ineinander verschachtelten Geschichten, die oft von existentiellen Situationen des Gefangenseins erzählen, in eine Art von Befreiung münden.

Gefangene stehen im Mittelpunkt der Geschichte

Denn von mehreren Gefangenen handelt "Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer". Vor allem von Erika Mann, die zwar selbst als Schriftstellerin, Kabarettistin und Schauspielerin arbeitete - im Stück verweist die gealterte Erika, im fahlen Strickjäckchen verkörpert von Svetlana Belesova, stolz darauf, dass sie einst Queen Elisabeth spielte! -, die sich aber gerade gegen Ende ihres Lebens vor allem als Privatsekretärin von Thomas Mann verdingte. Dem Herrn Papa, Spitzname "Zauberer", war sie dabei so treu ergeben, dass sie selbst, als ihr geliebter Bruder Klaus sich 1949 das Leben in Cannes nahm, nicht zu dessen Beerdigung reiste, sondern mit dem Vater brav eine Vortragsreise fortsetzte.

Ein schlechtes Gewissen als roter Faden

Ein Gefühl von Schuld, ja, das schlechte Gewissen der Erika Mann hängt über den Glaskästen und über dieser Inszenierung, so bietet es sich als eine Lesart von vielen an, und bekanntlich erzählen und (alb)träumen ja Gespenstergeschichten gerne davon, dass die Verstorbenen weiterhin präsent sind oder noch mal zurückkehren, dass sie die Lebenden bedrängen und quälen, wobei sich dabei vielleicht die Möglichkeit öffnet, dass alte klaffende Wunden doch noch geschlossen werden können.

"Die Kammerspiele leerten sich, als sei die Cholera ausgebrochen"

Erika Mann befindet sich hier im letzten "Summer of Love" ihres Lebens, 1969, in der Kilchberger Villa am Zürichsee, und sie wird bald, am 27. August, an einem Gehirntumor sterben. Zuvor, oder bereits im Zustand geistiger Verwirrung, sieht sie sich mit eigenartigen Besuchern konfrontiert: einem Geschwisterpaar, das einen Film über "Geschwister" drehen will, jenes alte Theaterstück, das Klaus Mann inspiriert von Jean Cocteaus Roman "Les Enfants Terribles" geschrieben hatte, uraufgeführt 1930 in den Münchner Kammerspielen. Das Stück war ein böser Flop. "Die Kammerspiele leerten sich, als sei die Cholera ausgebrochen", sagt Erika und zwar zu ihrem Bruder.

"Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer": ein Vexierspiel

Denn auch Klaus Mann taucht in diesem theatralischen (und nun auch verstärkt filmischen) Vexierspiel auf, so wie alle verschiedene Positionen spielen, die sich im schnellen Wechsel der Szenen durchdringen. So spielt Bernardo Arias Porras nicht nur Klaus, sondern auch den Regisseur des geplanten "Geschwister"-Films, der auch der zu Erika heimkehrende Geist von Klaus sein könnte. Und er ist Tadzio, jener Jüngling, der dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach in Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" von 1911 den Kopf verdreht, während die Cholera in Venedig wütet.

Ein permanenter Prozess der Adaption

Mit statuarischer Würde, im feinen Anzug verkörpert Jochen Noch in seinem Glaskasten sowohl Aschenbach als auch Thomas Mann und könnte zwischendurch auch Regisseur Luchino Visconti sein, der Anfang der 1970er den "Tod in Venedig" verfilmte. Indem die Rollen verschwimmen, wird auch die Natur künstlerischer Prozesse gespiegelt: Die Fiktionen Thomas Manns speisten sich ja aus seiner Realität, und seine Werke wurden wiederum Stoff für weitere Fiktionen. Es ist ein permanenter Prozess der Adaption, ein ständiges Kreisen um eine diffuse Mitte, in der aber letztlich Erika Mann steht. Ihre Perspektive ist dominant gesetzt, man schaut vielleicht die ganze Zeit ihrem Kopfkino zu.

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Katharina Bach überzeugt als "Flapper Girl"

Als jüngere Erika-Version strahlt Katharina Bach das Selbstbewusstsein eines "Flapper Girls" der Zwanziger-Jahre aus: kurzhaarig, kettenrauchend, bissig, mit einem emanzipatorischen Elan, der auch die ältere Erika noch einmal mitreißt. Gegen Ende verschieben die Frauen die Glaskästen, verbünden sich, rauchen, unterhalten sich übers Autofahren, ohne die Männer weiter zu beachten. Erika Mann war eine passionierte Auto(renn)fahrerin, und ihre Lust an der Geschwindigkeit hat offenbar auch die ganze Inszenierung infiziert.

Ein aufregender Livestream

Denn toll an diesem Abend ist nicht nur das perfekt getimte, entschlossen ins Theatralisch-Expressive gehende Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern auch, dass das technische Team dank fünf agiler Kameramänner rasant die Perspektiven wechseln kann und das Online-Geschehen mit schnellen Schnitten wirkungsvoll dynamisiert. Das Traumpotential des Films wird hier wunderbar ausgekostet. Ausgeklügelter und aufregender kann ein Live-Stream nicht sein.

Im Februar sind weitere Online-Aufführungen geplant, Termine stehen noch nicht fest. Infos auf der Website der Kammerspiele.

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