Kritik

"fear.less" im Schwere Reiter: Die Notwendigkeit von Nähe

Johanna Richter zeigt ihr Tanztheaterstück "fear.less" im Schwere Reiter.
| Vesna Mlakar
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Joao Santiago und Erica D'Amico vor einer Projektion.
Joao Santiago und Erica D'Amico vor einer Projektion. © Ufuk Arslan

München - Mit München verbindet die Choreografin Johanna Richter eine Menge: ihr Abschluss zur zeitgenössischen Bühnentänzerin an der Iwanson International School, das Studium der Theater- und Tanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilans-Universität und seit 1992 ein fester Lehrauftrag an der Falckenberg-Schule. 

Außerdem war sie lange in residence an der Schauburg beschäftigt, wo bis 2017 zuletzt "intimate stranger" oder "For you my love!" den Spielplan überlegt sinnreich rockten - in einer für Richter spezifischen Verquickung aus Schauspielerei und Tanz. Dank junger Protagonisten, die beides gut draufhaben.

Lesen Sie auch

Bis heute fördert Richter den Nachwuchs auf hiesigen Plattformen wie "Hier=Jetzt". Kreative Projekte werden so immer wieder ermöglicht. Und sie entdeckt immer wieder tolle Interpreten für ihre thematisch fokussierten Arbeiten. Nun ist sie in Münchens freie Szene zurückgekehrt und durchgestartet mit ihrem brisant-aktuellen Abendfüller "fear.less". Bitterschade, dass ausgerecht jetzt, wo zwischenmenschlicher Umgang erneut aus der Normalität gekickt wird aufgrund verschärfter Zugangsauflagen, nur mehr wenige die Aufführungen im Schwere Reiter sehen konnten.

"fear.less": Eine gute Sensibilisierung für ein Kaleidoskop aus Angstzuständen

Man wurde geradezu heilsam aufgemuntert in den sich anbahnenden nächsten Lockdown entlassen. Eine gute Sensibilisierung für ein Kaleidoskop aus Angstzuständen, die sechs Darsteller - zur Vereinzelung gezwungen - mit grandios verinnerlichten Ticks und Macken anschaulich machten. Eineinhalb intensiv-heitere Stunden fanden ihren Höhepunkt in einer endlich die gesamte Bühnentiefe mit wechselnden Paaren tanzend vereinnahmenden Schlusssequenz.

Das zuvor mühsam aufgebaute gegenseitige Vertrauen der kleinen Crew aus Tänzern und Schauspielern mündete schließlich in ein Tableau eng aneinander geschmiegter Köpfe und Körper, in eine verschachtelte, leichtbewegte Wellenformation aus Schlafenden, die sich in Sicherheit wiegen.

Johanna Richter beantwortet einen Fragenkatalog

Im Hinblick auf das vorausgegangene Schreckensszenario wirkte dies geradezu trostreich-friedlich. Zugrunde lag dem Ganzen ein Fragenkatalog von Richter, den sie schon in der ersten Pandemiesituation 2020 rund um die Notwendigkeit von Nähe, Empathie in Zeiten von Distanz, kollektiver Resilienz und unterschiedlichsten Situationen von Beklemmung erarbeitet hatte.

Lesen Sie auch

Jetzt irren ihre Protagonisten erst einmal auf Film festgehalten durch die Gegend. Auf der Bühne wird ihr furchtsames Suchen nach einem Schutzraum auf Wände aus grauen Kartons projiziert. Dann bahnt sich einer nach dem anderen live seinen Weg durch den konstruierten Tunnel aus Gestänge, Plastikplanen und Plexiglas-Trennscheiben.

"fear.less" im Schwere Reiter: Missverständnisse sind vorprogrammiert

Was folgt, ist Choreografie gewordene Unberechenbarkeit körperlicher Reaktionen auf die Herausforderung, statt Isolation plötzlich Fremden ausgeliefert zu sein. Verletzlichkeit in Potenz kommt hinzu, weil alle Gestalten, die nun die v-förmige Minibühne im Hintergrund bespielen, besondere Charaktereigenschaften, verschiedene Spleens und Sprachen auszeichnen. Missverständnisse sind vorprogrammiert, quasi am laufenden Band. Doch das schadet dem Bogen des Stücks keineswegs.

Joao Santiago trägt Anzug, achtet auf Sauberkeit und kämpft mit Schüchternheit. Erica D'Amico entledigt sich schnell ihrer hochhackigen Schuhe, mag in ihrem Abendkleid aber vom Flirten selten ablassen. Amie Jammeh kann als Schwedin Kung Fu und Tai Chi, was sie auch einmal radikal einsetzt, um die anderen zurück auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Búi Rouch, ein Exot von den Faröer Inseln, schwappt oft weich und impulsiv durch den Raum. Jochanah Mahnke hört man die Berlinerin an. Wenn sie die Worte der anderen nicht versteht, rastet sie aus.

Kurzschluss als Spaßkiller ist ein wunderbarer Restart-Effekt

Und dann ist da noch Conrad Ahrens alias Toni Testimony. Sein Ding ist Rappen. Vor allen anderen will er ins Gespräch kommen. Als das wegen allgemeiner Berührungs- und Kontaktparanoia nicht funktioniert, greift er zum Mikrofon und dreht den Sound so lange auf, bis ausgeflippte Partyseligkeit jeden Rest an Bedenken vergessen lässt.

Der Kurzschluss als Spaßkiller ist ein wunderbarer Restart-Effekt. Nur ein Detail jedoch, das Richters Tanztheaterstück "fear.less" fantastisch glaubwürdig und zu einem weit mehr als bloß momentan passenden Werk macht.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
0 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
Ladesymbol Kommentare