Kritik

"Anna Bolena" im Gärtnerplatztheater: Keine halbe Sache

Gaetano Donizettis "Anna Bolena" mit Jennifer O'Loughlin im Gärtnerplatztheater.
| Robert Braunmüller
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"Anna Bolena" halbszenisch im Gärtnerplatztheater.
"Anna Bolena" halbszenisch im Gärtnerplatztheater. © Marie-Laure Briane

München - Es begann ein wenig chaotisch. Die Schlange vor der Teststelle im Gärtnerplatztheater umspannt den ganzen Vorplatz. Der genervte Obertester lässt durchblicken, dass ihn gebuchte Termine nicht interessieren, obwohl sein vom Theater unabhängiger Laden Terminbestätigungen verschickt. Dann geht's doch - einigermaßen - schnell und die Premiere von Gaetano Donizettis "Anna Bolena" beginnt pünktlich vor den zugelassenen etwa 200 Besucher, die getestet, geimpft und maskiert sind.

Fahrende Podien, historische Kostüme und Konzertkleidung

Alles andere wäre auch schade. Denn das Gärtnerplatztheater hat - wie schon 2017 bei Bizets "Perlenfischern" - eine glückliche Lösung für musikalisch interessante, aber nicht unbedingt repertoiretaugliche Werke gefunden.

Die Sängerinnen und Sänger tragen historische Kostüme, der Chor Konzertkleidung. Der Regisseur Maximilian Berling hat die Auf- und Abtritte geregelt. Ein paar Videos unterstreichen die Stimmung, fahrende Bühnenpodien schaffen die nur in einer Nummer beteiligte Harfenistin samt ihrem Instrument herbei.

Die angedeutete Inszenierung vermeidet das peinliche Zeremoniell einer konzertanten Aufführung. Das Auge hört trotzdem mit, und mit Hilfe der Obertitel wird der Liebes- und Eifersuchtskonflikt um Heinrich VIII. und den Wechsel von der zweiten auf die dritte Ehefrau so verständlich wie nötig. Wenn die Erinnerung nicht trügt, war in Jonathan Millers Inszenierung mit Edita Gruberova anno 1995 auf der Bühne des Nationaltheaters auch nicht viel mehr los.

Jennifer O'Loughlin und der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in Gaetano Donizettis Oper "Anna Bolena".
Jennifer O'Loughlin und der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in Gaetano Donizettis Oper "Anna Bolena". © Marie-Laure Briane

Statt einer Diva gibt die Sopranistin eine naive junge Frau

Auch musikalisch kann das Gärtnerplatztheater mühelos mithalten. Jennifer O'Loughlin mag keine genuin dramatische Koloratursopranistin sein. Das weiß sie offenbar klugerweise auch selbst: Sie gibt nicht die Diva, sondern eine etwas naive junge Frau, die sich moralisch nichts zuschulden kommen lässt und mit Hilfe einer ziemlich fiesen Intrige beseitigt wird. Die Gestaltung bleibt - jenseits gleißender Hochtöne - womöglich etwas wenig farbenarm. Aber der Verzicht auf eine manierierte Theatralik zugunsten einer musikalischen Grundehrlichkeit passt entschieden besser zu dieser Figur.

Dass ihre Rivalin Margarita Gritskova als Giovanna Seymour mit mächtigem Mezzo orgelnd aufdreht, ist ein wirkungsvoller Kontrast. Lucian Krasznec macht mit seinem schlanken, elegant geführten Tenor das Beste aus der eher undankbaren Tenor-Rolle des verdrängt liebenden Percy. Er ist ebenso Ensemblemitglied am Haus wie der Neuzugang Sava Vemic.

Der Neuzugang glänzt mit differenzierten Darbietungen

Der Serbe singt den König nicht nur mit einem opulenten, riesigen und trotzdem sehr beweglichen schwarzen Bass, sondern stellt auch einen leicht zu kränkenden, eifersüchtigen Mann so differenziert wie möglich auf die Bühne.

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Wie hier eine Hausbesetzung mit nur zwei Gästen eine schwierig zu realisierende Primadonnen-Oper auf die Bühne stellt, ist bewundernswert. Dass das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit Corona-bedingter Vorsicht in sanft reduzierter Besetzung spielt, dürften höchstens Experten wahrnehmen.

Orchester und Chor harmonieren gleichberechtigt

Ein Gewinn ist auch der Dirigent Howard Arman, im Hauptberuf künstlerischer Leiter des BR-Chors. Er sorgt nicht nur für Präzision, sondern mit viel Engagement auch für dramatischen Schwung. Exemplarisch wird deutlich, dass das Orchester bei romantischem Belcanto nicht nur begleitet, sondern als gleichberechtigter Partner des Gesangs auftritt.

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Eine runde Sache also. Und eine Aufführung ohne den indiskreten Charme von Muckefuck oder Kunsthonig, der dem Begriff "halbszenisch" leider anhaftet. Die Live-Premiere der vor einem Jahr erstmals als Stream gezeigten "Anna Bolena" wurde von den wenigen Anwesenden angemessen stürmisch bejubelt.

Und weil mit dem Testen ordentlich schnelles Geld verdient werden kann, dürften demnächst die Kapazitäten wieder so ausgeweitet werden, dass der Theaterbesuch keine Zitterpartie werden muss. Manches regelt doch der Markt.


Noch einmal am 28. November, 18 Uhr und am 2. Dezember, 19.30 Uhr im Gärtnerplatztheater

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