Interview

"Eugen Onegin" im Gärtnerplatztheater: Im Schatten falscher Entscheidungen

Ab Donnerstag zeigt das Gärtnerplatztheater Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" in einer Neuinszenierung von Ben Baur.
| Dr. Robert Braunmüller
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Die Sopranistin Camille Schnoor als Tatjana in Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" im Gärtnerplatztheater.
Die Sopranistin Camille Schnoor als Tatjana in Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" im Gärtnerplatztheater. © Christian P. Zach

München -Ein junges Mädchen erliegt der Faszination eines weltläufigen Mannes und schreibt ihm einen Liebesbrief. Er weist sie taktvoll ab. Sie heiratet einen anderen.

Als der Mann wieder in ihrem Leben erscheint und erklärt, er sei hoffnungslos in sie verliebt, bleibt sie ihrem Gatten treu.

Diese Geschichte erzählt Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin", die am Donnerstag im Gärtnerplatztheater herauskommt. Ben Baur inszeniert, Anthony Bramall dirigiert eine Fassung mit leicht reduzierter Orchesterbesetzung.

Der 1982 geborene Bühnenbildner und Regisseur Ben Baur wuchs im südhessischen Reinheim auf und studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee. Er gab sein Regiedebüt 2014 mit Donizettis "Lucia di Lammermoor" in Saarbrücken. Ein AZ-Interview.

AZ: Herr Baur, hat Corona Ihre Arbeit beeinträchtigt?
BEN BAUR: Wir haben hier mit dem ganzen Team und dem Intendanten Josef E. Köpplinger entschieden, mutig zu sein und die Inszenierung wie geplant auf die Bühne zu bringen. Der Chor ist kleiner besetzt und agiert nicht ganz so frei wie gewohnt. Die Arbeit mit den Einzelfiguren hat wunderbar geklappt. Ich bin sicher: Die Zuschauer werden den Abend als gutes Musiktheater genießen und nicht bei jeder Szene an Covid und die damit verbundenen Auflagen denken. Das war unser großes Ziel.

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Welche Regeln mussten Sie bei Proben beachten?

Chor und Solisten durften zu Beginn nicht gemeinsam proben. Nach einer bestimmten Zeit muss die Probebühne vollständig verlassen werden, damit gelüftet werden kann. Außerdem muss auf Abstand geachtet und Berührungen vermieden werden: Onegin und Tatjana dürfen sich zum Beispiel nicht umarmen, Lenski und Olga sich nicht küssen.

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Onegin und Tatjana müssen sich doch gar nicht umarmen: Erst weist er sie ab, im Finale dann sie ihn.
Die große Verabschiedung am Schluss besteht aus einem riesigen musikalischen Crescendo aus zwei Stunden aufgestauter Emotion. Da kommen bei Tatjana Zweifel und Unsicherheiten und ein bis dahin nicht ausgesprochenes Liebesgeständnis hoch. Die Musik beschreibt hier eigentliche auch eine körperliche Anziehung und Kampf. Aber das lässt sich auch mit Abstand inszenieren und wir haben für die Szene gemeinsam eine Form gefunden.

Ben Baur: "Durchaus heutige Figuren und Charaktere"

Was ist für Sie der Kern der Handlung?
"Eugen Onegin" erzählt von Figuren, die zum falschen Zeitpunkt womöglich falsche Lebensentscheidungen treffen. Sie tragen den Schatten dieser Fehler ein Leben lang mit sich herum. Letztendlich geht es um Menschen, die zueinander finden wollen, durch besondere Umstände aber daran gehindert werden. Das sind durchaus heutige Figuren und Charaktere, auch wenn wir sie in einer atmosphärischen Vergangenheit belassen, in der die gesellschaftlichen Konventionen glaubhaft bleiben können.

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Würden Sie der Liebe zwischen Onegin und Tatjana eine Chance geben?
Nein, ich glaube nicht, dass sie glücklich geworden wären. Ihre Liebe wäre nach einem schönen Sommer an der Realität der Gewohnheit gescheitert. Onegin ist keiner, der irgendwo ankommt, er ist ein Suchender. Beide Besetzungen, Matija Meic wie Mathias Hausmann, betonen in den ersten beiden Akten das Ungreifbare und Schattenhafte der Figur. Onegin kommt, beobachtet, wirkt mehr als Zuseher und ewiger Junggeselle. Die Handlung wird von Tatjana, Lenski und Olga vorangetrieben. Tatjana ist eine schlaue junge Frau. Sie hätte wahrscheinlich nach der ersten großen Euphorie gespürt, dass die gemeinsame Zukunft auch steinig werden kann und dass das Bild einer Liebe nicht immer auch der Realität eines gelebten Momentes entspricht.

Ben Baur: "Der Abend hat eine gewisse Melancholie"

Auf den Plakaten steht groß "Wodka mit Schuss". Wie wichtig ist das Russische bei dieser Oper?
Es ist jedenfalls ein Spruch, an den man sich erinnert. Der Abend hat eine gewisse Melancholie und eine morbid-romantische Grundfärbung, die mein Team und ich mit Russland verbinden. In München auf der Theresienwiese spielt meine Inszenierung jedenfalls nicht.

Wie muss man sich die verkleinerte Orchesterbesetzung vorstellen?
Das Gärtnerplatztheater hat den russischen Komponisten Pjotr Alexandrowitsch Klimow mit einer reduzierten, auf das Haus zugeschnittenen Fassung beauftragt. Ich finde das sensibel und gut gemacht. Die Aufführung ist sonst vollständig, mit Pause und wenigen kleinen Kürzungen.
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Premiere am 8. Oktober um 19 Uhr, ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 10., 15., 18., 22. Oktober sowie am 1. November, Infos unter www.gaertnerplatztheater.de

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