"Die Liebe der Danae" von Richard Strauss aus der Bonbonschachel - die AZ-Kritik

Franz Welser-Möst dirigiert im Großen Festspielhaus Salzburg die Premiere von Richard Strauss‘ Oper „Die Liebe der Danae“ in der Inszenierung von Alvis Hermanis
| Michael Bastian Weiß
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"Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Forster/Salzburger Festspiele 3 "Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.
"Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Forster/Salzburger Festspiele 3 "Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.
"Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Forster/Salzburger Festspiele 3 "Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen.

Das Reizwort fällt im driten Akt, wenn Midas vom armen Jungen erzählt, der seinen Esel durch „Syriens Glut“ treibt. Ein solcher Ort der Handlung schreit heutzutage, zu Zeiten eines mörderischen Bürgerkriegs in diesem Land, der zu Millionen Geflüchteten geführt hat, geradezu nach einer Reaktion des Regisseurs. Doch was tut Alvis Hermanis? Er verweigert eben diese Modernisierung, die in einer Politisierung bestehen würde – und zeigt stattdessen ganz naturalistisch den Jungen mit seinem Esel, einem echten Tier, das bis auf einen kurzen Halt ziemlich folgsam über die Salzburger Bühne trottet.

Es hätte auch ein Bezug auf die Entstehungszeit dieser vorletzten Oper Richard Strauss’ nahegelegen: „Die Liebe der Danae“ wurde 1940 fertiggestellt, die geplante Uraufführung während der Salzburger Festspiele 1944 aber wegen des vorangegangenen Attentats auf Hitler abgesagt. Diese doppelte historische Brisanz bleibt in Hermanis’ Inszenierung auf geradezu aufreizende Weise unerwähnt. Darin liegt die ungeheure provokative Macht dieser Produktion.

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Der Lette, der im April dieses Jahres aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik eine Regiearbeit in Hamburg abgesagt hatte, nutzt seine künstlerische Freiheit, eben nicht über das Stöckchen der Aktualisierung zu springen. An deren Stelle tritt eine verschwenderische optische Schönheit. Das Bühnenbild, das Hermanis selbst gestaltete, nutzt die berüchtigte Weite des Großen Festspielhauses in perfekter Symmetrie voll aus, der Hintergrund wird in betörenden Farben ausgeleuchtet und mit hypnotischen Videos belebt (Design: Ineta Sipunova).

Beim Goldregen des 1. Aktes, dessen Glanz selbst bei Strauss kein Gegenstück hat, tanzt ein Ballett mit vergoldeten Dienerinnen (Choreographie: Alla Sigalova). In der bescheidenen Häuslichkeit des 3. Aktes weben in weißen Gewändern vollverschleierte Frauen an Teppichstühlen, die schließlich, wiederum in höchst dekorativer Anordnung, kleine Babybündel wiegen (Kostüme: Juozas Statkevicius).

Schließlich ersetzt die Bildersucht, die dem Publikum gut gefällt – es gibt kein einziges Buh –, auch fast jede Personenregie, die in der eher oratorischen Anlage des Stücks verzichtbarer erscheint als in den früheren Dramen des Komponisten.

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Gut, dass dieser hemmungslos ästhetisierende Hochglanz die Sänger nicht vollends erfasst hat. Krassimira Stoyanova legt mit ihrem sehnigen, beweglichen, farbintensiven Sopran ein ungeheures Maß an Menschlichkeit in die Danae. So kann die Nähe des Jupiters in Tomasz Koniecznys Verkörperung umso heldischer hervortreten, allerdings ergänzt durch eine üppige Verführungskraft, die Danaes Entscheidung gegen den Gott glaubhaft erschwert.
Unüblich für Strauss sind außerdem gleich drei Tenöre besetzt, die sich hier im Wohllaut zu übertreffen suchen und dabei pointiert die jeweiligen Charakteristiken der Figuren Midas-Chrysopher (Gerhard Siegel), Pollux (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) und Merkur (Norbert Ernst) zeichnen. Könige und Königinnen gibt es jeweils gleich im Viererpack, die Ensembleleistungen sind so geschlossen wie im Einzelnen fein individuiert. Und, auch das selten bei Strauss: Es darf hier sogar einmal der Wiener Staatsopernchor auftreten.

Die Wiener Philharmoniker haben eine besondere Beziehung zu diesem wenig gespielten Stück, das sie im August 1952 und damit bereits nach Strauss‘ Tod uraufgeführt haben. Es verwundert also nicht, dass die nachgeborenen Kollegen sich mächtig ins Zeug legen: Satte Streicher erfüllen den Graben, die Holzbläser artikulieren ihre vielen verspielten Soli delikat, das Blech lässt die Fanfaren edel erschallen, und es ist wie immer eine Schau für sich, welches kraftstrotzende Eigenleben die berühmten Wiener Hörner hier im halben Dutzend führen.

Und doch fehlt etwas. Eine spezifische Qualität der Musik. Ein Etwas, das nicht leicht zu orten ist. Ein Vergleich mit dem Mitschnitt der Uraufführung, die der mit dem Komponisten befreundete Clemens Krauss dirigierte, lässt das Manko hervortreten: Franz Welser-Möst fasst das Orchester zu flächig auf, er schärft die Figuren nicht genug zu denjenigen Gesten, dreidimensionalen Gestalten, in denen Strauss stets dachte.
Die Musik spricht nicht. Doch das ist angesichts einer höchst beeindruckenden sinnlichen Gesamterfahrung zugegeben ein einsamer Kritikpunkt.

Auch am 5., 8., 12., 15. August im Großen Festspielhaus

 

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