"The Exterminating Angel" von Thomas Ades - Bourgeoisie ohne diskreten Charme

Salzburger Festspiele: Die Uraufführung der Oper „The Exterminating Angel“ von Thomas Ades im Haus für Mozart
| Robert Braunmüller
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"The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Rittershaus 4 "The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
"The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Rittershaus 4 "The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
"The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
Monika Rittershaus 4 "The Exterminating Angel" bei den Salzburger Festspielen.
Der Komponist und Dirigent Thomas Ades
Brian Voce 4 Der Komponist und Dirigent Thomas Ades

Salzburger Festspiele: Die Uraufführung der Oper „The Exterminating Angel“ von Thomas Adès im Haus für Mozart

Eine bürgerliche Party. Seltsame Dinge geschehen. Es menetekelt. Aber die Leute in Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“ feiern weiter. Eine um sich selbst kreisende, zur Veränderung unfähige Gesellschaft. Die Leute fallen in die Barbarei zurück, aber sie schaffen es nicht, durch die offene Türe nach draußen zu gehen. Und dann folgt ein Militärputsch.

Thomas Adès hat diesen Film von 1962 für die Salzburger Festspiele in eine Oper verwandelt. Londons Covent Garden, die New Yorker Met und Kopenhagen werden „The Exterminating Angel“ nachspielen. Was man verstehen kann: Der Brite macht alles, was die hiesige Avantgarde verabscheut. Er schreibt für das Publikum süffige Duette, wagt Pop und Parodie.

Der Mann hat das Zeug zu einem zweiten Puccini. Ihm fehlen leider nur Giuseppe Giacosa und Luigi Ilica: Textdichter, mit einem dramatischen Handwerk, das zu seiner musikalischen Sprache passt. Denn „The Exterminating Angel“ scheitert an der ungeeigneten Vorlage. Es mag ja von Richard Strauss ein, zwei Konversationsstücke für Musik geben. Aber weder Buñuel noch der dichtende Regisseur Tom Cairns sind ein zweiter Hofmannsthal. Und bei Strauss treten nicht auch gleich zehn oder mehr recht ähnliche, durchwegs unsympathische und letztlich uninteressante Figuren mit anhaltendem Sprechdurchfall auf.

Eine Bühne ohne Aussage

Buñuels surrealistische Anwandlungen, die im durchwegs realistischen Genre Film vor über 50 Jahren (vielleicht) irritierten, wirken auf der Bühne läppisch. Da wird mal eine Hand projiziert. Oder ein Bär. Dazu macht das Orchester laut Brumm-Brumm. Wenn das Wasserrohr durchschlagen wird und wie ein Springbrunnen quillt, rauscht die Harfe wie am Bach der „Alpensymphonie“.

Im Verlauf des Abends werden die Krawatten gelockert. Dann braten die Großbürger im Salon auf dem Holz eines Cellos ein Schaf und preisen die erreichte Garstufe. Dergleichen ist im kontinentalen Theater kein Schock mehr. Und selbst die Briten hatten Harold Pinter auf ihrer Insel.

Tom Cairns inszeniert seine eigene Bearbeitung des Drehbuchs brav und ohne sonderliche Liebe. Hildegard Bechtler hat eine güldene Wand auf die Bühne gestellt. Sie erinnert an die Kaufhausarchitektur der Siebziger, das leere Innere einer Pralinenschachtel oder an beides. Daneben dreht sich ein dunkelbraunes Holztor. Die Idee der Eingeschlossenheit teilt sich in diesem x-beliebigen Raum kaum mit.

Ein Hauch von Inspektor Derrick

Veteranen wie Anne Sofie von Otter, Thomas Allen und John Tomlinson trifft man gerne wieder, Amanda Echalaz, Sally Matthews und Charles Workman schlagen sich tapfer. Aber sie stehen überwiegend herum wie früher die Villenbewohner Grünwalds, wenn der Inspektor Derrick am Gartentor klingelte. Dazu sagen sie musikalische Prosa auf.

Am Anfang lässt Adès die Glocken läuten. Er kommt auf diese Idee gelegentlich zurück, ohne dass sich eine Klammer bilden würde. Aber es klingt unvermeidlich nach „Boris Godunow“. Ein Ondes Martenot sorgt für Grusel. Es gibt eine Chaconne, viel Getöse und einen Katastrophen-Walzer wie in Maurice Ravels „La Valse“. Auch sonst trifft man alte Bekannte. Die Musik gemahnt an Britten, Béla Bártok und den späten Richard Strauss. Oder an Alfred Hitchcocks Komponisten Bernard Herrmann. Aber wie klingt eigentlich Thomas Adès? Das würde man gern wissen.

Ansätze blitzen auf: Einmal baut sich ein Ensemble über metallischem Schlagwerk auf. Auch die überdrehte Koloraturarie der Leticia (Audrey Luna) hat was. Aber es ist zu wenig.

Der Mann kann was

Der Brite ist ein meisterlicher Handwerker, aber kein Dramatiker. Der Stoff drängt zum Einakter, Adès hat ihn dreigeteilt. Die Musik setzt bereits mit Hochspannung ein, anstatt die Dramatik Schritt für Schritt aufzubauen. Die Musik bleibt vor allem laut. Kurz nach Beginn steht ein erstes großes Ensemble, dem andere, sehr ähnliche folgen. Mit einer Ausnahme werden alle im Fortissimo in hoher Lage geschrien: Opern-Bürger am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Adès klebt handwerklich perfekt gemachte, erwartbar komponierte und effektvoll instrumentierte Flicken aneinander. Immer wieder seufzt man anerkennend: „Der Mann kann was!“ Aber dann ist die Episode schneller wie jeder Nummernoper schon wieder zu Ende.

Eine Gruppe lautstarker Adès-Fans klatschte die Uraufführung mit finsterer Entschlossenheit zum Erfolg. Sie sollten eher den Hut rumgehen lassen – für einen besseren Textdichter. Natürlich ließe sich lästern, das Salzburger Festspielpublikum feiere hier seinen eigenen Untergang im Bühnenspiegel. Aber das wäre zu billig. Denn das gibt dieses schwache Stück nicht eher.  

Wieder am 1., 5. und 8. August, 19 Uhr, im Haus für Mozart, Restkarten unter www.salzburgfestival.at

 

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