Interview

Deutsches Museum: Erwin Pelzig erforscht die Kränkung

Frank-Markus Barwasser kommt mit seinem neuen Programm in den Innenhof des Deutschen Museums.
| Thomas Becker
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Frank-Markus Barwasser bei einem Auftritt in der Evangelischen Akademie Tutzing.
Frank-Markus Barwasser bei einem Auftritt in der Evangelischen Akademie Tutzing. © imago/Oryk HAIST

München - Er ist der große Grübler unter den deutschen Kabarettisten, und ganz sicher trifft Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig auch mit seinem neuen Programm "Der wunde Punkt" ins Schwarze. Und natürlich steckt dahinter wieder jede Menge Recherche.

AZ: Herr Barwasser, am 16. Juni sind Sie nach 15 Monaten Zwangspause erstmals wieder aufgetreten. Wie war's?
FRANK-MARKUS BARWASSER: Open Air! Tagsüber 36 Grad oder Gewitter, alle sind matt, im Hintergrund rauscht eine Bahn vorbei. Ich habe es nie gemocht, im Freien zu spielen, aber was will man machen. Am ersten Abend in Dorfen saßen 300 Menschen mit Abstand und in Liegestühlen vor mir! Nicht ganz leicht. Aber ich bin von Null auf 200 gestartet, hatte vor der Premiere des neuen Programms noch 23 sehr intensive Drehtage in sieben Städten für eine kleine 3sat-Serie, die im Dezember laufen soll. Das wird interessant.

Wie Pelzig durch Deutschland radelt und zuhört 

Können Sie verraten, worum es geht?
"Beim Pelzig auf der Bank" wird's heißen. Ich habe eine Idee aus Simbabwe aufgegriffen: Dort hat ein Psychiater in Ermangelung einer psychotherapeutischen Grundversorgung überall im Land Freundschaftsbänke aufgestellt, auf denen psychologisch geschulte ältere Damen sitzen und zuhören. Klingt kurios, ist aber ein toller Ansatz. Und Pelzig hat sich nun sozusagen eine Bank ans Fahrrad gebaut, radelt durch Deutschland und hört zu. Empfängt Wissenschaftler, Prominente, Politiker, aber auch Leute von der Straße. Drei Folgen, drei Themen: Corona, Demokratie und Zukunft. Das Ganze ist eine Doku, ein Roadmovie, ein Talkformat - eigentlich alles.

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Wie sind Sie auf die Simbabwe-Story gestoßen?
Über einen Artikel. Im Kontext des neuen Bühnenprogramms habe ich mich auch mit psychiatrischen Themenstellungen beschäftigt, und da fand ich den Aspekt des Zuhörens toll. Thema Städteplanung, Begegnungsräume schaffen: Es gibt den noch recht neuen Forschungszweig der Neuro-Urbanistik eines Professors der Berliner Charité. Der untersucht Zusammenhänge zwischen Städtebau und psychischer Gesundheit: mega-interessant!

Barwasser: "Beleidigt werden Leberwürste, gekränkt werden die Seelen"

Ihr neues Programm "Der wunde Punkt" beschäftigt sich auch mit Sigmund Freuds Theorie der drei Kränkungen: der kosmologischen, der biologischen und der psychologischen. Verkürzt gesagt: Der Mensch ist nicht der Herr im Haus, nicht die Krone der Schöpfung, sondern nicht mehr als ein Tier. Galileo und Darwin lassen grüßen.
Grundsätzlich geht es um das Thema Kränkung. Das ist noch nicht richtig erforscht. Ich versuche die Welt zu verstehen - aus diesem Kränkungsansatz heraus. Dadurch erklären sich viele Dinge. Man muss sauber unterscheiden zwischen Kränkung und Beleidigung. Letztere ist im Strafgesetzbuch Paragraph 185 geregelt, aber Kränkung geht tiefer. Im Programm sage ich: "Beleidigt werden Leberwürste, gekränkt werden die Seelen." Ich habe auch mit dem renommierten Wiener Gerichtspsychiater Prof. Reinhard Haller, Autor des Buches "Die Macht der Kränkung", gesprochen und scanne die Welt mal unter diesem Aspekt.

Barwasser: "Ich spreche auch über eigene Kränkungen" 

Was ist Ihnen aufgefallen?
Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms: zumindest für Rassisten eine Kränkung, weil es keine Rassen gibt. Die Geschichte des weiblichen Geschlechts: eine einzige Kränkung. Das Kränkungspotenzial der Demokratie für die in der Demokratie nicht Repräsentierten. Der Tod als Kränkung und der Traum des Silicon Valley von der Unsterblichkeit. Gekränkte Männlichkeit in Zusammenhang mit MeToo und Gender-Debatte. Ich habe bewusst auf Tagesaktualität verzichtet, die sich jedoch im Demokratie-Teil irgendwann mal einschleichen wird. Das hat mich jetzt erst mal nicht interessiert.

Barwasser: "Den Unterhaltungsanspruch gebe ich nicht auf"

Angesichts Ihrer Themen werden das Merkel-Servus oder das Söder-Laschet-Theater ja eh ganz klein.
Ja, aber dafür sind andere Fragen groß geworden: die Spaltung der Gesellschaft. Corona war letztlich ein Funke, der ein Gas angezündet hat, das in der Luft war. Warum ist die Querdenker-Bewegung in Stuttgart geboren worden? Hat es doch mit Stuttgart 21 zu tun? Stichwort Kränkung: Das war die bürgerliche Mitte, die da verprügelt worden ist, als Widerstand aufkam. So was prägt sich ein. Ich spreche auch über eigene Kränkungen, Kindheitserfahrungen, die uns prägen. Auch Eltern werden von ihren Kindern gekränkt. Ich weiß, das klingt erstmal alles weder sexy noch amüsant.

Muss es ja nicht!
Ich wollte diesmal mein Thema noch tiefer durchdringen, noch grundsätzlicher werden. Hat sicher auch mit Corona zu tun. Das ist eine Zäsur. Aber ich bleibe in der bewährten Form, spiele 90 Minuten ohne Pause, als geschlossenes Stück. Und den Unterhaltungsanspruch gebe ich auch nicht auf.

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Barwasser: "Was kriegen wir eigentlich noch auf die Reihe?"

Sie hatten schon vor Corona an dem Thema gearbeitet, sind durch die Pandemie noch darin bestärkt worden, korrekt?
Corona hat das verstärkt. Die Pandemie hat uns auf vielen Ebenen gekränkt. Wir deutschen Super-Organisations- und Disziplin-Weltmeister haben immer wieder ein ziemlich miserables Krisenmanagement an den Tag gelegt. So wird's jedenfalls empfunden, wenn man mal an das anfängliche Maskentheater denkt. Wir sind so erschüttert: Was kriegen wir eigentlich noch auf die Reihe? Können keine Flughäfen bauen, die Digitalisierung hinkt, die Bahnnetze verrotten: Es ist grotesk. Manchen kränkt es sogar, wenn Eritrea inzidenzbedingt ein Einreiseverbot für Europäer verhängt - normalerweise verbieten wir doch denen zu kommen!

Täuscht das, oder wird es um die Querdenker ruhiger?
Schon, aber davon darf man sich nicht irritieren lassen. Es ist vorhanden, es gehört auch zur Demokratie, und der nächste Aufhänger wird kommen. Beim nächsten Mal ist es dann halt die angebliche Klimalüge oder sonst was. Da ist auch Kränkung im Spiel. Übrigens auch beim Terrorismus: Forscher sprechen von gekränkter Männlichkeit, zum Beispiel bei Selbstmordattentätern. Ich habe keine Lösung, aber ich finde die Analyse interessant. Ich plane auch noch mehr zu diesem Thema.

Barwasser über Kultur und Corona: "Die Jüngeren tun mir echt leid"

Ihr Tourplan ist voll bis in den nächsten Sommer. Wie, glauben Sie, wird der Winter auf den Kabarettbühnen werden?
Das ist total offen. Hängt auch davon ab, was nach Delta kommt. Als ich am 8. März 2020 in Putzbrunn von der Bühne runter bin und wusste, das war's nun, habe ich drei Tage gebraucht, um das zu verdauen. Danach war ich eigentlich nur voller Demut, dass ich in 25 Jahren Bühne nur zwei Mal krank war und Vorstellungen absagen musste. Und ich bin Gottseidank nicht am Anfang einer Karriere. Die Jüngeren tun mir echt leid.

Ist man in diesen Zeiten nicht zum Optimismus verdammt? Kann man sich Pessimismus überhaupt leisten?
Na ja, der Optimist erlebt dauernd negative Überraschungen, der Pessimist dauernd positive. Als ich im Herbst 2020 gesagt habe "Das geht frühestens im Herbst 2021 weiter", meinten alle: "Warum bist du immer so pessimistisch?" Es sind einfach zu viele Unbekannte in der Rechnung. Ich sage mir "Warte es einfach ab" - und das ist etwas, was uns allen extrem schwerfällt. Als Gesellschaft wollen wir alles planen und kontrollieren, als Individuen ebenso - und genau das geht gerade gar nicht. Die Perspektiven fehlen, und das kränkt auch.


Erwin Pelzig: "Der wunde Punkt", Innenhof des Deutschen Museums, 14./15. Juli und 10./11. August, 20 Uhr

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