Kritik: "Die Politiker" in den Kammerspielen – Die Politik ist tot, es lebe der Sound

"Die Politiker" von Wolfram Lotz in einer Inszenierung von Felicitas Brucker in den Kammerspielen.
| Robert Braunmüller
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Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser (von links) skandieren mit nie nachlassender Energie das Poem "Politiker" von Wolfram Lotz.
Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser (von links) skandieren mit nie nachlassender Energie das Poem "Politiker" von Wolfram Lotz. © Judith Buss

Der Titel trügt. Auch wenn das Wort "Politiker" in den etwa 70 pausenlosen Minuten von Felicitas Bruckers Inszenierung gewiss über 1.000-mal ausgesprochen wird, ist das gleichnamige Stück von Wolfram Lotz kein politisches Theater. Womöglich ist es sogar das schiere Gegenteil, denn Lotz geht es nicht um den Diskurs, sondern um den kraftvollen Sound, den die Aufführung wie ein Popkonzert hochleben lässt.

Eine sportliche Frau (Katharina Bach), ein nicht ganz taufrischer Intellektueller mit vielen unabgespülten Kaffeetassen (Thomas Schmauser) und eine Person zwischen beiden Geschlechtern (Svetlana Belesova) bewohnen je ein karges Zimmer. Sie skandieren in minimal unterschiedlichen Tempi die Textmassen eines 99-seitigen Poems über Politikern die Rede, die einen Berg herabkommen, Zucchini wässern und kleine Katzen mögen.

"Die Politiker": Drei Live-Loops laufen in Phasenverschiebungen gegeneinander

Die drei von den Performern gesprochenen Live-Loops laufen in Phasenverschiebungen gegeneinander. Ein Synthesizer legt Bässe drunter, und der Zuschauer kann, sofern er dazu bereit ist, wie in der Minimal Music auf einem Kontinuum dahingleiten, ohne auf die Inhalte zu achten, die sich hin und wieder zu Wort melden (Musik: Daniel Murena). Das so zu beschreiben ist schon deshalb nicht abwegig, weil Lotz als junger Mann im Schwarzwäldischen selbst deutschen Pop geschrieben hat.

Die Dame im oberen Zimmer reißt sich in einem Wutausbruch die Perücke herunter und verwandelt sich zwischenzeitlich in einen käsigen Jüngling. Unten rechts wohnt womöglich eine Alleinerziehende. Sie betäubt ihren Frust mit Leibesübungen, wenn sie nicht gerade sinnlos auf eine Schultasche einschlägt. Irgendwann haut die Sportliche eine Wand kaputt, zwischenzeitlich werden die Zimmer getauscht, doch zu einer Interaktion kommt es unter den drei Personen nicht.

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Keine Handlung, keine Charakterzeichnung

Eine Geschichte erzählen weder das Poem noch die Inszenierung, fest umrissene Charaktere gibt es ebensowenig. Nach einer halben Stunde geht kurz das Licht im Saal an. Thomas Schmauser fragt, ob alles bis dahin klar wäre. Wie üblich reagiert niemand, dann stürzt er sich mit seinen Kolleginnen erneut in den reißenden Wortstrom, der nur selten in ein etwas ruhigeres Fahrwasser gerät, wenn Katharina Bach ein französisches Lied singt.

Natürlich fallen auch traditionelle Phrasen der Politikverdrossenheit wie "Den Politikern sind die kleinen Leute egal". Oft gleitet der Text über Reime ins lautliche Gaga ab. Mit dem bisweilen als "Politika" skandierten Kraftwort "Politiker" lädt Wolfram Lotz letztendlich nur Banaliäten auf. Um der Wucht willen reichen ihm banale Orte wie Gelsenkirchen nicht aus. Es müssen schon historische Schwergewichte wie Verdun und Buchenwald sein. Gegen Ende beschleunigt Katharina Bach die beiden Worte Adolf und Hitler bis zum Zerplatzen in einzelne Laute und dem Überschnappen der Stimme, während sie dazu an der Zimmerdecke turnt.

"Die Politiker": Ein paar weitere Fragen bleiben

Der Nationalsozialismus wird da zum popkulturell wummernden Bass. Insofern sieht man mit gemischten Gefühlen zu, wenn Bach und Schmauser mit schier übermenschlicher Kondition etwas selbstzweckhaft die Grenzen der Sprech- und Schauspielkunst austesten. Svetlana Belesova hat es als Missing Link zwischen den beiden Polen etwas schwerer, aber sie hält kräftig mit.

Ein paar weitere Fragen bleiben. Einerseits ist das Politische ein Starkstromanschluss, in den sich der Text von Wolfram Lotz und die Aufführung einstöpseln. Andererseits verhält sich "Politiker" wie jeder dionysische Exzess antipolitisch, weil er sich dem (im Theater gespielten) Austausch von Argumenten verweigert.

Nach einem Jahr körperlicher Distanz wirken die von der Aufführung überspringenden Kräfte so stark wie ein Clubbesuch oder als Surrogat der noch immer nicht möglichen Popkonzerte. Das kann man wirklich nur selten über Theater sagen. Aber ist die Feier einer letztlich antipolitischen Haltung im politisch nicht ganz unaufregenden Sommer 2021 wirklich ein angemessenes Statement?


"Die Politiker" in den Münchner Kammerspielen: wieder am 9. und 25. Juli im Schauspielhaus.  Tickets unter 089/23396600 oder hier.

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