Das neue Volkstheater: Ein (fast) perfektes Wunder

OB Dieter Reiter badet in Glücksgefühlen und Intendant Christian Stückl ist vor lauter Freude "extrem nervös": Die Spielzeitkonferenz im neuen Volkstheater.
| Michael Stadler
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Blick ins Foyer des neuen Volkstheaters.
Blick ins Foyer des neuen Volkstheaters. © Roland Halbe

München  - Glücksgefühle sind flüchtig, also sollte man sie für den Moment auch (verbal) festhalten. "Ich bin ein glücklicher OB", stellt Dieter Reiter bei der Spielzeitkonferenz auf der Bühne 2 des neuen Volkstheaters fest. "Meistens. Heute besonders!"

Tatsächlich ist der Volkstheater-Neubau in der Tumblingerstraße 29 außen wie innen eine einzige Augenweide: ein burgartiges, rotstichiges Backsteingebäude, dass sich von seinem Look nahtlos in das Schlachthofviertel einfügt, mit geschwungenen Torbögen, einem großen Bullauge für den Blick aus dem Foyer in den Innenhof, einem 30 Meter hohen, weißen Bühnenturm, der signalhaft in die Höhe ragt. Auf 25 000 Quadratmetern konnte all das, was zuvor verstreut lag an einem Ort zusammengefasst werden, von den (Probe-)Bühnen über die Gewerke bis hin zu den Büros und einer hauseigenen Kita. Davon können sich die Münchner heute und morgen bei den Tagen der offenen Tür selbst ein Bild machen.

Volkstheater: Termin und Budget eingehalten

Dass das Projekt per Generalübernehmer-Verfahren realisiert wurde - die schwäbische Firma Georg Reisch bekam mitsamt dem Entwurf des Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei Ende 2017 den Zuschlag -, stellte sich nicht nur hinsichtlich der Optik und den nun wesentlich einfacheren Wegen zwischen den verschiedenen Abteilungen als Glücksgriff heraus. Anstatt dass es wie so oft bei heutigen Bauunternehmen zu starken Verspätungen kam, wurde der Gebäudekomplex zum geplanten Termin fertig, das veranschlagte Budget von 131 Millionen Euro wurde im Großen und Ganzen eingehalten.

Von einem "Wunder" darf da schon die Rede sein. Dieter Reiter weist zudem darauf hin, dass mit der Isarphilharmonie in Sendling als Gasteig-Ausweichstätte, dem ebenfalls im Schlachthof-Viertel befindlichen Kulturzentrum Luise und dem Interimsprojekt Schwere Reiter für die Freie Szene noch drei weitere neue Stätten zur Stärkung der Kultur in München verwirklicht werden konnten. Dabei gäbe es eine "nennenswerte finanzielle Delle im dreistelligen Millionenbereich" im Etat der Stadt zu beklagen - eine Delle, die sich dann doch auch im Budget des neuen Volkstheaters bemerkbar macht.

OB Dieter Reiter (links), Intendant Christian Stückl und Marek Wiechers (Kulturreferat) vor dem Theaterlokal "Schmock Minchen".
OB Dieter Reiter (links), Intendant Christian Stückl und Marek Wiechers (Kulturreferat) vor dem Theaterlokal "Schmock Minchen". © Neeb

Denn obgleich Volkstheater-Intendant Christian Stückl sich über die Realisierung des von ihm vehement gepuschten Neubaus freuen darf, er die Anzahl der festen Mitarbeiter von 100 auf 150 und sein Ensemble von 16 auf 22 Mitglieder aufstocken konnte, steht ihm nicht so viel Budget zur Verfügung wie das mal angedacht war. Ein Mehrbetrag von jährlich neun Millionen Euro war im Gespräch, dieser hat sich aber doch verringert. Angesprochen auf das Budget kommt Marek Wiechers, der anwesende Stellvertreter für Kulturreferent Anton Biebl, dann ziemlich ins Schlingern, verschiedene Zahlen werden genannt. Letzter Stand der Dinge: Auf den Volkstheater-Jahres-Etat von bislang 9,4 Millionen Euro kommen nicht die anvisierten neun, sondern "nur" 4,5 Millionen Euro hinzu.

Startschuss im Schlachthofviertel am 15. Oktober

In Zeiten allgemeiner städtischer Sparrunden kann man sich fragen, ob das katastrophal oder doch noch ein ganz ordentliches Plus ist. Reiter jedenfalls beharrt darauf, dass der mit einer dreistelligen Millionensumme realisierte Neubau natürlich nun auch dementsprechend bespielt werden kann. Die 16 Premieren, die für die drei Bühnen des Hauses geplant sind - eine Hauptbühne mit 601 Plätzen, ein sehr flexibler Bühnenraum mit 200 Plätzen (stehend 400 Zuschauer) und ein kleiner für 99 - können doch sicherlich stattfinden.

Davon ist auch Intendant Christian Stückl überzeugt, der zu Beginn gleich selbst Regie führt. Mit seiner Inszenierung von "Edward II." fällt am 15. Oktober der Startschuss für die erste Saison im neuen Volkstheater.

Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe erzählt darin, der Historie folgend, von einem englischen König, der mit seinen homosexuellen Neigungen den ganzen Hof gegen sich aufbringt - sicherlich ein Stoff, der uns auch heute etwas zu erzählen hat. Für seine zweite Regiearbeit in dieser Saison greift Stückl gleich zu einem aktuellen Roman. Juli Zeh taucht in "Über Menschen" in die Corona-Zeit ein und in ein Ostdeutschland, wo der Nachbar sich als Neo-Nazi entpuppt (Premiere: 9. Dezember).

 Viele Stückentwicklungen und Uraufführungen

Stückl beschäftigt sich also weiter mit dem Rechtsruck in unserer Gesellschaft. Und wird ab Januar häufig in Oberammergau sein, wo er an den (2021 ausgefallenen) Passionsspielen weiter tüfteln wird. Die weiteren Regiegeschäfte überlässt er, wie gewohnt, vor allem jungen Theatermachern, die mit dem weiterhin jungen Ensemble vor allem neue Stoffe anpacken. Als "Klassiker" sieht Stückl noch Nikolai Erdmans "Der Selbstmörder", inszeniert von Claudia Bossard (Premiere am 6. November), und "Johanna von Orleans" nach Friedrich Schiller, inszeniert von Nikolas Darnstädt (Premiere März 2022).

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Ansonsten gibt es viele Stückentwicklungen und Uraufführungen, darunter "Unser Fleisch, unser Blut" von Jessica Glause und die Highschool-Oper "Gymnasium" von Bonn Park und Ben Roessler im Rahmen des Eröffnungsreigens (16. bzw. 17. Oktober). Immer wieder wird es auch musikalisch, es gibt eine "Trap-Oper" und eine prestigeträchtige Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsoper und den Kammerspielen: Romeo Castellucci setzt die Oper "Koma" von Georg Friedrich Haas und Monteverdi auf der Hauptbühne des Volkstheaters in Szene. Der dort eingelassene Orchestergraben muss ja auch mal genutzt werden.

Stückl wirkt bei der Vorstellung des Programms recht fahrig: "Ich merke, dass ich heute extrem nervös bin", stellt er selbst fest, bemerkt, dass "der Söder" sich doch eine ganze Zeit nicht "um uns gekümmert hat" und hofft, dass das Publikum sich von Netflix und Amazon loseisen kann, um wieder ins Theater zu gehen. In sein Theater, das ja jetzt auch den "Charme des Neuen" hat. Ein "volles Haus" wünscht sich Stückl für den Start und die erste Saison. Und wirkt bei aller Nervosität doch auch schon: glücklich.

Freitag ab 16 Uhr und Samstag ab 11 Uhr Tage der offenen Tür im Volkstheater (Eintritt frei)

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