Bukowskis "Marienplatz": Uraufführung im Marstall-Stream

Eigentlich als Live-Erlebnis im Marstall geplant, ist die Uraufführung von Beniamin M. Bukowskis Stück "Marienplatz" jetzt als Stream zu sehen. Dieser schafft es aber leider nicht, ein packendes Theatererlebnis zu erschaffen.
| Michael Stadler
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Nicola Kirsch, Myriam Schröder, Thomas Lettow, Moritz von Treuenfels, Hanna Scheibe und Liliane Amuat (von rechts) auf dem Christkindlmarkt des Staatsschauspiels.
Nicola Kirsch, Myriam Schröder, Thomas Lettow, Moritz von Treuenfels, Hanna Scheibe und Liliane Amuat (von rechts) auf dem Christkindlmarkt des Staatsschauspiels. © Sandra Then

München - Die Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns zwingen die Theater weiterhin, ins Internet als Ausweichquartier abzuwandern, wenn sie nicht, wie etwa das Volkstheater, eine wohlüberlegte Sendepause einlegen. Die Bemühungen, sich mit dem digitalen Medium zu befassen, können sich sehen lassen, wenngleich viele Live-Cam-Performances das Versprechen der Interaktion zwischen Spielenden und Zuschauenden nicht einzuhalten vermögen. Zudem lässt der Ideenreichtum im filmischen Bereich oft zu wünschen übrig - klar, da ist man noch in der Experimentierphase.

Theater per Bühnenmitschnitt: Ein Lebenszeichen der Kunst

Aber das Publikum vor den Bildschirmen ist nun mal visuelle Abwechslung gewohnt: Szenenwechsel, verschiedene Kameraperspektiven, Dynamisierung durch den Schnitt und sei es nur durch eine Schnitt-Gegenschnitt-Montage - all das und noch viel mehr lassen den Blick und das Gehirn nicht ermüden. Wenn nun per Zoom Theater live gezeigt wird oder gar vorgefertigte Bühnenmitschnitte gestreamt werden, bedarf es des versierten Umgangs mit den filmischen Mitteln, sonst wird es langweilig.

Dazu muss man auch sagen, dass gerade Bühnenmitschnitte eine etwas seltsame Umdeutung erleben: Haben sie eigentlich eher eine archivarische Funktion, weil sie den flüchtigen Theatermoment für spätere Generationen zumindest in Bild und Ton festhalten, so dienen sie jetzt immer mehr als Lebens- und- Vergissmeinnicht-Zeichen der Theater. Schaut her, wir sind noch da!

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Unterschied zwischen Film und Theater

Dieses Beharren darauf, weiterhin wahrgenommen zu werden, ist verständlich und liegt in der DNA der Kunst (und der Künstler). Aber der Zuschauer sollte nicht außer Acht gelassen werden. Abgefilmtes Theater stillt zwar die Sehnsucht nach dem Theaterbesuch, kann aber auch den Verlust der physischen Ko-Präsenz und des sozialen Miteinanders uns schmerzlich bewusstmachen.

Letztlich bekommt man jedes Mal vor Augen geführt, dass sich beide Kulturformen grundlegend unterscheiden: Der Film verfolgt weiterhin vor allem einen starken Realismus, während das Theater naturgemäß in die Abstraktion geht und die größere Geste erfordert. Dass die Schauspieler beim sofortigen Abfilmen eines Bühnengeschehens in den Zwiespalt geraten, etwas zu spielen, das zunächst auch für die letzte Theaterreihe gedacht war, nun aber für den Stream eher zurückhaltendes, Close-Up-taugliches Mienenspiel angebracht ist, lässt sich doch oftmals bemerken.

Uraufführung "Marienplatz" von Beniamin M. Bukowski

Aber es muss weiter gehen, es muss gesendet werden. An den Theatern wird auch während des zweiten Lockdowns eifrig weiter geprobt; da staut sich langsam was an. Weshalb jetzt auch manche Premiere online stattfinden - ein Schicksal, das jetzt auch die Uraufführung von "Marienplatz" ereilt hat. Der polnische Autor Beniamin M. Bukowski hat sein neues Stück im Rahmen der Plattform für zeitgenössische Dramatik, Titel "Welt/Bühne", verfasst. Als Stipendiat verbrachte er ein paar Monate in München. Bei seiner Recherche stieß er auf ein Ereignis, das zwar einst in den Medien tagesaktuell vermerkt wurde, aber danach kaum weitere Berichterstattung nach sich zog.

Am 19. Mai 2017, um drei Uhr morgens, fuhr ein Mann mit seinem Wagen in die Fußgängerzone. Vor dem Rathaus übergoss er sich mit Benzin und zündete sich selbst an. Eine Stunde später starb er in einer Klinik an seinen Verbrennungen. Seine Identität ist bis heute nicht bekannt, wobei die Polizei seltsamerweise vermelden konnte, dass er ein45 Jahre alter Osteuropäer war. Auf seinen Wagen hatte er mit Filzstift zwei Botschaften geschrieben: "Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen" und "Amri ist nur die Spitze des Eisbergs". Der zweite Satz bezieht sich auf den islamistischen Terroristen Anis Amri, der am 16. Dezember 2016 mit seinem LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche fuhr, dabei elf Menschen tötete und 55 weitere schwer verletzte.

"Marienplatz": Ein Nachdenken über den Zustand einer Gesellschaft

Wo ist also der Mann, der sich verbrannte, zu verorten? An den rechtsradikalen Rand? Oder war er ein Linker, der ähnlich wie einige andere, wesentlich berühmter gewordene Vorgänger, die sich vor allem in Osteuropa öffentlich verbrannten, ein starkes politisches Zeichen setzen wollten? Aber ein Zeichen für was? Und wieso brachte er sich dann früh morgens um, wo nur wenige Passanten auf ihn aufmerksam wurden? Solchen Fragen ist der junge Autor nachgegangen, wobei er keine eindeutigen Antworten fand, sondern immer mehr ins Nachdenken über den Zustand einer Gesellschaft geriet, in der solch ein Suizid aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.

"Wisst ihr, dass sich vor drei Jahren auf dem Marienplatz ein Mensch verbrannt hat?", ist daher eine Leitfrage, die sich in Variationen durch Bukowskis Stück und die Inszenierung des ungarischen Regisseurs András Dömötör zieht. Das sechsköpfige Schauspielteam wirft diese Frage zu Beginn auf, befindet sich dabei auf der Bühne des Marstalls, wo zwei große Holzhütten im Vordergrund und eine kleinere im Hintergrund die Atmosphäre des Christkindlmarkts am Marienplatz erzeugen sollen.

In Eiszapfenform leuchten die Lichter, Ketten mit Christbaumkugeln schmücken das Innere der Hütten, und wenn zwei Polizistinnen auftreten, tragen sie Helme in Christbaumkugelform. Glühwein wird selbstverständlich nicht ausgeschenkt, ist im Lockdown ja sowieso verboten. Stattdessen gibt es Butterbrezn, und auf kleinen Xylofonen erzeugen die Darsteller gemeinsam eine adventliche Geräuschkulisse, wobei das helle Klimpern auch für das flirrende Chaos im Kopf von Bukowski stehen könnte.

Marstall-Stream: Keine mitreißende Simulation von Theater

Der verschränkt die Selbstverbrennung am Marienplatz mit der biblischen Geschichte von Abraham, der seinen Sohn Isaak auf Gottes Anweisung brandopfern wollte. Und implantiert die Erfahrungen seines München-Aufenthalts mehr oder minder realitätsnah ins Stück. So schlägt sich eine Autorenfigur mit Theater-Dramaturgen herum, die kaum Zeit für ihn haben: "Der Pole" sucht vergeblich nach einem interessierten Ansprechpartner für sein Projekt. Ein Gefühl des Fremdseins in München vermittelt sich damit, wobei der Autor seiner besorgten Mutter beim Internet-Plausch versichert, dass es ihm in dieser schönen Stadt doch gut gehe.

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Hanna Scheibe spricht die Mutter des Autors aus einer Hütte in die Kamera, ihr Gesicht wird hinten über das Antlitz der Mariensäule projiziert. Videokünstler Jonas Alsleben, der für den Mitschnitt der Inszenierung zuständig war, hat sich um einen möglichst vielseitigen Einsatz filmischer Mittel bemüht. So ist Moritz von Treuenfels, der den Autor/Erzähler spielt, auch mal mit der Handkamera unterwegs, womit immerhin eine zweite Bildästhetik ins Spiel kommt. Beim Hin und Her der vielstimmigen Unterhaltungen kommt die Video-Regie jedoch kaum hinterher, da hört man auch mal Sprechende im Off und sieht den Schauspielern beim Zuhören zu.

Was zur Selbstreflexivität des Stückes durchaus passt: Die Gemachtheit wird nicht verdeckt, sondern erst recht vor Augen geführt. Eine mitreißende Simulation von Theater, übertragen im Stream, entsteht dabei jedoch leider nicht. In mehreren Runden versuchen die Schauspieler, allen voran Thomas Lettow als Stand-In für den sich in Brand setzenden Mann, die Tat zu rekonstruieren und dabei ein tieferes Verständnis zu erlangen, was damals eigentlich passiert ist. Es bleibt aber nur eine quälende Lücke. Und die Qual, dass Theater derzeit nicht stattfinden kann und oft wenig befriedigend auf digitale Bühnen ausweichen muss.


Weitere Online-Vorstellungen: So, 27.12. und Mi, 30.12. Die Tickets (Beitrag nach eigenem Ermessen) sind jeweils bis 24 Uhr am Sendetag verfügbar. Der Stream ist jeweils 48 Stunden ab 19 Uhr online.

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