Theater sind kein Seuchenherd

Die Staatstheater schließen bis Ende Januar. Eine Studie gibt Perspektiven für den Neuanfang und hält viel mehr Besucher für vertretbar.
| Robert Braunmüller
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Alle darstellenden Künste gibt es bis (frühestens) Ende Januar nur als Video oder Zoom-Konferenz, wie hier am Ende von Mateja Koležniks Neuinszenierung von Verdis "Falstaff" im Nationaltheater, die am Schluss auf diese Situation anspielt.
Alle darstellenden Künste gibt es bis (frühestens) Ende Januar nur als Video oder Zoom-Konferenz, wie hier am Ende von Mateja Koležniks Neuinszenierung von Verdis "Falstaff" im Nationaltheater, die am Schluss auf diese Situation anspielt. © Wilfried Hösl

München - Am Donnerstag gab Kunstminister Bernd Sibler bekannt, dass der Spielbetrieb der Staatstheater in München, Nürnberg und Augsburg bis Ende Januar ruhen werde. Gleichzeitig erschien der Abschlussbericht zum Pilotprojekt "500 Besucher", das die vorsichtige Öffnung des Nationaltheaters und des Gasteig im Herbst begleitete und das sich gegen die starre Höchstbesucherzahl von 200 Personen unabhängig von der Raumggröße ausspricht.

Im Moment spricht gewiss viel dafür, Kontakte zu minimieren. Aber das Gutachten liefert Perspektiven für die Zeit nach dem Lockdown. Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, spricht vom "Start einer hoffentlich fruchtbaren Zusammenarbeit bei der Erarbeitung eines Wiedereröffnungskonzepts im Februar".

Besucher nahmen Schutz als ausreichend wahr

Die "Pilotphase" im Herbst wurde von einem Ärzteteam des Klinikums Rechts der Isar, der Technischen Universität München sowie Vertretern des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit begleitet und fachlich bewertet. Begleitet wurde sie von einer Befragung des Publikums. Sie zeigte, dass auch die Besucher ihren Schutz als weit mehr als ausreichend wahrnehmen. Außerdem konnte keine Infektionen im Zusammenhang mit einem Besuchs der Staatsoper nachgewiesen werden.

Die Studie plädiert für eine Anpassung der Besucherzahlen an die Raumgröße bei einer 7-Tage-Inzidenz zwischen 35 und 100 je 100.000 Einwohnern. Vorausetzung dafür sind personalisierte und online verkaufte Karten, ein über die Regeln informiertes Publikum, die konsequente Durchsetzung einer Mund-Nasen-Bedeckung vor und nach der Vorstellung im Publikumsbereich, wie es im September und Oktober gehandhabt wurde.

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Aber auch weitere Lockerungen sind laut der Studie denkbar. Weil die Raumluft des Nationaltheaters alle 9,5 Minuten komplett ausgetauscht wird, halten die Wissenschaftler eine Höchstbesucherzahl von 1258 Besuchern für vertretbar. Weil auch andere Theater und Konzertsäle über vergleichbare Lüftungsanlagen verfügen, bedeutet das, dass diese Häuser tendenziell die Hälfte der Plätze besetzen könnten.

"Die im Pilotprojekt gemachten Erfahrungen belegen, dass im Rahmen des Theater- bzw. Konzertbesuchs kein erhöhtes Risiko einer Ansteckung für das Publikum besteht", heißt es abschließend. "Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen nahe, dass eine feste Höchstbesucherzahl von 200 den tatsächlichen räumlichen Gegebenheiten der Spielstätten nicht gerecht wird."

"Es gibt kein Grundrecht auf Shopping oder Business-Trips"

Die Landtags-Opposition begrüßte die Veröffentlichung der über einen Monat lang zurückgehaltenen Studie. "Ja, wir alle sollten bei der aktuellen Pandemielage eine Weile zu Hause bleiben", sagt Sanne Kurz, die Kultursprecherin der Grünen im Landtag. "Es ärgert mich aber wahnsinnig, dass man trotz steuerfinanzierter wissenschaftlicher Begleitung die Erkenntnisse der Wissenschaft beständig ignoriert und Kultur bei den Corona-Maßnahmen fortlaufend schlechter stellt als Handel oder Mobilität."

Kurz weist darauf hin, dass es kein "Grundrecht auf Shopping oder Business-Trips" gebe, wohl aber eine im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit. Sie fordert einen "Fahrplan", der "endlich auch in Bayern der Kunstfreiheit Rechnung trägt. Sperrt man Kultur zu, weil es hier keine Lobby gibt und Entschädigungen wenig kosten?"

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