Söder-Biographie: Der höchste Einpeitscher

"Spiegel"-Journalistin Anna Clauß porträtiert Markus Söder in ihrer knappen Biografie als einen rastlosen Liberalkonservativen.
| Robert Braunmüller
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Ministerpräsident Markus Söder (CSU).
Ministerpräsident Markus Söder (CSU). © Peter Kneffel/dpa

Er "wäre am Tischkicker der Typ, der wild an den Griffen kurbelt und manchmal die Spielerpuppen kreiseln lässt", charakterisiert die Autorin den bayerischen Ministerpräsidenten, dessen Aktionismus dem bekannten Hasen aus einer Batteriewerbung gleicht. Wer mit Markus Söders Untergebenen gesprochen hat, der weiß, wie er als Finanz- und Heimatminister die vormalige Beamtengemütlichkeit durcheinandergewirbelt hat.

Das hat bisweilen etwas befreiend Disruptives, wie dergleichen im Management-Sprech genannt wird. "Mit Lob oder Begrüßungsformeln hält sich der Ministerpräsident als höchster Einpeitscher von Beamten und Bürgern in der Regel nicht auf", so Anna Clauß in ihrem Buch "Markus Söder. Die andere Biografie".

Söders nimmermüde Geschäftigkeit

Wird diese nimmermüde Geschäftigkeit auf 176 Seiten verdichtet, fällt umso deutlicher auf, dass es sich dabei fast immer um einen heftig aufflammenden und rasch zu Asche zerfallenden Christbaumbrand handelt: etwa beim Raumfahrtprogramm "Bavaria One" oder einem Nürnberger Wasserstoffzentrum, für das bisher nur eine Handvoll Angestellte, darunter viele studentische Hilfskräfte arbeiten.

Aber die Sprunghaftigkeit hat ihre Vorteile, wie die Landtagsabgeordnete Christa Stewens im Gespräch mit Anna Clauß betont: Söder ist nicht nachtragend.

Der Untertitel bleibt rätselhaft. Was ist die "eine" Biografie von der sich diese "andere" abhebt? Womöglich das mehr als doppelt so dicke Buch "Markus Söder: Der Schattenkanzler" von Roman Deiniger und Uwe Ritzer. Anna Clauß zitiert es einmal dankbar, wenn von einem Tisch die Rede ist, den Söder der Legende nach bei einem Wutausbruch zerstört haben soll. Nach den Recherchen der beiden Biografen sei er allerdings an einem "thermischen Glasbruch" zugrunde gegangen.

Die Wandlungen des Markus Söder

Anna Clauß konzentriert sich auf die Politik und auf Söders Wandlungen vom Kreuzaufhänger über den Feministen zum Bienenkönig. Zu seiner Rivalität mit Horst Seehofer gibt es nicht viel Neues, das von ihm selbst verborgen gehaltene Privatleben wird knapp abgehandelt. Immerhin hat der Autor dieser Buchbesprechung auf diesem Weg erfahren, dass Bayerns Ministerpräsident drei eheliche und ein uneheliches Kind gezeugt hat. Denn das demonstrative Streicheln frisch erworbener Welpen und das völlige Desinteresse an Schulpolitik hat ihn annehmen lassen, Söder müsse kinderlos sein.

Der nüchterne Umgang mit dem unvermeidlichen Söder-Seehofer-Klatsch und der trockene Humor ist ein Vorzug des Buches der "Spiegel"-Journalistin. Anna Clauß verkneift sich jede Häme und die durch einen Journalisten dieses Nachrichtenmagazins in Verruf geratene spekulative Seelenschau. Sie gesteht offenherzig, dass es schwer sei, hinter Söders Masken zu blicken. Clauß deutet zwar an, dass die rigorose Corona-Politik mit dem frühen Tod seiner Eltern zu tun haben könnte. Sie liefert für diese Psychologisierung nur das Material, überlässt den Schluss aber dem Leser.

Anna Clauß spottet über die Versuche Söders, die CSU feministisch mit einer Frauenquote zu unterwandern. Aber sie beschreibt ihn primär als wendigen Liberalkonservativen. Ein paar Konstanten gebe es: etwa das Fehlen persönlicher Vorbehalte gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen. Hier könnte zwar ein Machtkalkül mitschwingen, weil sich mit Gamsbartträgern in Bayern allein keine Wahl mehr gewinnen ließe. Auch gegenüber Schwulen und Intersexuellen habe man - anders als bei Friedrich Merz oder Annegret Kramp-Karrenbauer - von Söder nie Vorbehalte vernommen.

Die Autorin hält Söders ostentativen Protestantismus für eine Show. Ehrlicher scheint ihr seine Abgrenzung gegen Rechtsaußen. Zum Kern dieses Politikers gehöre seine große Begeisterung für Technik und Technologie. Hier sehe er auch am ehesten Antworten auf die Klimafrage.

Söder als Kanzlerkandidat?

Kultur besteht für den Ministerpräsidenten - wie die Corona-Krise verschärft verdeutlichte - aus der Populärkultur von "Star Wars", "Star Trek" und "Game of Thrones". Der letztgenannten Serie ist sogar ein kleines Interview innerhalb der Biografie gewidmet. Aber die knappe Entschuldigung bei seiner letzten Regierungserklärung zeigt, dass Söder sich dieses Problems bewusst ist.

Aus dem Bauch oder mit dem Herzen entscheidet Söder nach Clauß' Beobachtung selten. Menschliche Empathie scheint ihm fern, auch bei engeren Mitarbeitern scheint er sich nie zu bedanken.

Kurzfristige Energie bezieht er aus Cola light, notfalls aus dem Bierkrug, Alkohol dagegen meide er: Der schon vormittags geleerte Bierautomat, den Söder als Volontär beim Bayerischen Rundfunk vorfand, wirkte abschreckend. Und weil das Vorbild wirkt, trinken Journalisten ihre Halbe allein, wenn sie sich mit Kabinettsmitgliedern zu einem Hintergrundgespräch treffen.

Geld ist für Söder primär ein Mittel der Problemlösung. Seehofers Schuldenbremse hat er schon vor der Pandemie gelöst, um seine Spendierhosen zu füllen. Heute ist Bayern Spitzenreiter bei der Neuverschuldung: Zur Abfederung der Pandemie nahm Bayern bisher Nettokredite in Höhe von 3049 Euro pro Einwohner auf. Umgekehrt verachtet Söder aber auch Politiker, die ihre Kontakte durch gut dotierte Jobs in der Wirtschaft versilbern.

Anna Clauß hält eine Kanzlerkandidatur Söders für wahrscheinlich, obwohl dieser derlei Unternehmungen mit Russlandfeldzügen verglichen haben soll, zu denen man frohgemut aufbreche und zuletzt vernichtend geschlagen zurückkehre: Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber sind warnende Beispiele.

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Dass gegen einen Kanzler Söder die Unfähigkeit zum Teamspiel und seine Neigung spricht, sich mit jasagenden Nullen zu umgeben, erwähnt die Autorin nicht. Aber es ergibt sich aus dem Zusammenhang. Letztendlich passe seine ruppige Art besser nach Bayern, dieser "Mischung aus Wunderland und Schurkenstaat", dessen Anführer traditionell "im Rest der Republik Angst und Schrecken" verbreiten.

Aber es sei nicht auszuschließen, dass den Wähler nach der einschläfernden Politik von Angela Merkel nach Tatendrang gelüste, auch wenn Söders Nachhaltigkeit der eines Brillantfeuerwerks gleicht. Diese Schwäche arbeitet Anna Clauß klar heraus. Nach der Lektüre ihres Buchs sind Leser in und außerhalb Bayern jedenfalls gewarnt, was einen Bundeskanzler Markus Söder angeht.


Anna Clauß: "Markus Söder. Die andere Biografie (Hoffmann & Campe, 176 S., 20 Euro). Die Autorin stellt ihr Buch am 3. März um 20 Uhr in einem Stream des Literaturhauses mit Patricia Riekel vor

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