Interview

"Ich will etwas bewirken" - Autorin Bernardine Evaristo über das Leben schwarzer Frauen in Großbritannien

Bernardine Evaristo über das Leben schwarzer Frauen in Großbritannien, Rassismus in der Buchbranche und ihren neuen Roman "Mädchen, Frau etc."
| Günter Keil
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Camilla, Herzogin von Cornwall trifft sich mit den Preisträgern des "Booker Prize" 2019, Bernardine Evaristo (l.) und Margaret Atwood (r.). Der Preis ging ausnahmsweise gleich an zwei Autorinnen.
Camilla, Herzogin von Cornwall trifft sich mit den Preisträgern des "Booker Prize" 2019, Bernardine Evaristo (l.) und Margaret Atwood (r.). Der Preis ging ausnahmsweise gleich an zwei Autorinnen. © picture alliance/dpa/PA Wire

Als erste schwarze Schriftstellerin wurde Bernardine Evaristo 2019 für ihren Roman "Mädchen, Frau etc." mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Barack Obama empfahl den Roman in der Liste seiner Lieblingsbücher. Sie veröffentlicht zuvor Essays, Gedichte, Kurzgeschichten, Radio-Dokumentationen und Theaterstücke. "Mädchen, Frau etc." ist soeben erschienen.

AZ: Frau Evaristo, in Ihrem neuen Roman porträtieren Sie zwölf schwarze britische Frauen, deren Lebenswege sich teilweise kreuzen. Warum haben Sie sich für so viele Protagonistinnen entschieden?
BERNARDINE EVARISTO: Um herauszufinden, wer wir schwarze Frauen in dieser Gesellschaft sind, wo wir stehen und wie vielfältig unsere Leben aussehen, wollte ich so viele Figuren wie möglich im Buch haben: Diversität und Quantität. Ursprünglich hatte ich sogar die Idee, über tausend Frauen zu schreiben, doch das war natürlich verrückt. Dann dachte ich über hundert nach, aber - ich gebe es zu - das war auch noch ziemlich verrückt. Letztlich sind es zwölf Frauen und ein binärer Charakter geworden; sie sind zwischen 18 und 93 Jahre alt und stehen nun tatsächlich für alle Arten von Unterschieden und Möglichkeiten, die wir heutzutage haben.

Ihr neuer Roman passt in keine Genreschublade

"Mädchen, Frau etc." wirkt experimentell und passt in keine der gängigen Genreschubladen, was auch auf einige Ihrer früheren Roman zutrifft. Reizt Sie grundsätzlich das Neue, Andere?
Tatsächlich liebe ich es, in meinen Büchern Dinge zu vermischen, zeitlich, räumlich und stilistisch. Grenzüberschreitend zu schreiben ist mein Ziel, über Genres, Rassen, Kulturen, Geschlechter, Geschichte und Sexualität. Ich möchte einen Gegensatz bieten zu den immer noch von der Industrie bevorzugten weißen, männlichen Themen und Autoren. Wir brauchen dringend eine größere Vielfalt von Stimmen und Perspektiven. In Großbritannien sind die meisten Werke von einheimischen schwarzen Schriftstellerinnen viel zu lange vergessen worden. Mein wichtigstes Ziel ist es deswegen, die verborgenen Erzählungen und Aspekte der afrikanischen Diaspora zu erkunden - das ist eigentlich ein ganz einfacher Ansatz.

Den Sie allerdings auf ganz besondere Art und Weise umsetzen.
Stimmt. Ich möchte originelle und aufregende Wege finden, und diese Art der Umsetzung wirkt zunächst vielleicht nicht einfach. Aber sie ist trotzdem zugänglich für die meisten Leser. Wer ein paar Seiten meines neuen Romans gelesen hat, wird sich an den besonderen Stil gewöhnen.

Eine starke Protagonistin

Die Frau, die in Ihrem neuen Roman den meisten Raum einnimmt, heißt Amma. Diese lesbische Feministin kommt aus der Theaterszene der 80er Jahre - hatten Sie ein reales Vorbild für diese Protagonistin?
Einige Freundinnen von mir behaupten, Amma sei ich. Aber das stimmt nicht! Ich habe zum Beispiel bei weitem nicht mit so vielen Menschen geschlafen wie Amma. Allerdings basiert sie vage auf meinem jüngeren Ich. Auch ich komme aus einer gegenkulturellen Gemeinschaft. Ich war damals in einer Gruppe der schwarzen und asiatischen Kunstszene, und wir wollten Kunst aus unserer Perspektive machen. Doch die britische Gesellschaft war damals total desinteressiert an unserer Kreativität. Also haben wir unsere eigenen Spielorte entwickelt, so wie Amma im Roman das Bush Women Theater gründet.

Gibt es weitere Übereinstimmungen oder Gegensätze in den Biografien von Amma und Ihnen?
Ich bin Ende der 1980er Jahre aus dem radikalen alternativen und lesbischen Leben ausgestiegen und seitdem heterosexuell, wohingegen Amma weiterhin in diesem Umfeld lebt. Andererseits hat ihr Theaterstück in meinem Buch Premiere am National Theater, dem Herz des Establishments.

2019 wurde Evaristo mit dem Booker Prize ausgezeichnet

Und Sie sind 2019 mit dem Booker Prize, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Ich habe endlich eine größere Plattform für meine Anliegen, und das genieße ich natürlich. Der Booker Prize hat meinen Status in der Buchbranche grundlegend verändert, sodass jetzt manchmal einige Leute in der Industrie ängstliche Zitteranfälle bekommen, wenn ich mich zu brisanten Themen äußere. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich so eine Auszeichnung als Motivation und Bestätigung brauchte, aber jetzt, am Ziel nach dieser langen Reise, will ich einfach nur weiter kreativ sein, mehr Bücher schreiben und etwas bewirken.

Haben Sie schon als junge Schriftstellerin auf eine internationale Leserschaft hingearbeitet, um mehr Möglichkeiten zu haben?
Nein. Zunächst war es nicht einmal denkbar überhaupt ein Buch zu veröffentlichen. Als 1994 mein erster Gedichtband erschien, bekam ich keinerlei Aufmerksamkeit und wurde nicht dafür bezahlt. Erst danach habe ich gemerkt, dass ich meine Ziele hoch setzen kann, aber es dauerte noch, bis ich durch kreative Visualisierung und positives Denken meine Ziele klar formulieren konnte. Zum Glück hat sich die Gesellschaft inzwischen soweit verändert, dass auch eine Auszeichnung wie der Booker Prize für eine Schriftstellerin wie mich möglich geworden ist.

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Die Verlegerseite ist immer noch eine überwiegend weiße Industrie

Das heißt, Sie sehen eine zunehmend positive Entwicklung, was den Stellenwert von schwarzen Schriftstellerinnen betrifft?
Ja. Ich bin durchaus hoffnungsvoll, dass der aktuelle Trend, mehr schwarze Frauen zu veröffentlichen anhält. Wenn man sich die Verlegerseite anschaut, merkt man zwar, dass es noch immer eine sehr weiße Industrie ist und zu wenig Menschen aus schwarzen Communities über Neuerscheinungen entscheiden. Aber es tut sich etwas. Black Lives Matter hat auf jeden Fall geholfen, das Bewusstsein zu schärfen.

Klingt fast so, als könnten Sie sich leisten Ihr Engagement als Aktivistin in Zukunft etwas zurückzufahren.
Schön wäre es! Aber man darf nicht vergessen: Wir brauchen auch neue Literaturkanons. Denn jene der Vergangenheit sind erstellt worden von Männern, die in Oxord und Cambridge in rein männlichen Klassen studiert haben, wo man ihnen etwas über Romane von weißen Männern beigebracht hat, die vor allem über weiße männliche Protagonisten schreiben. Ich werde also weiterhin aktiv bleiben, und es ist sicher gut, in fünf Jahren genau zu überprüfen, ob die hoffnungsvollen Trends von heute länger angehalten haben.

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau, etc.", (Tropen Verlag, 512 Seiten, 25 Euro)

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