Kritik

Neues Buch "Die wilde Wut des Wellensittichs": Die offene Klotür

Peter Probst beschreibt im Roman "Die wilde Wut des Wellensittichs" eine Münchner Vorort-Jugend der 70er-Jahre.
| Robert Braunmüller
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Der Münchner Peter Probst hat den zweiten Teil einer Jugend-Biographie geschrieben.
Der Münchner Peter Probst hat den zweiten Teil einer Jugend-Biographie geschrieben. © Bernhard Haselbeck

München - Das Buch ist gewissermaßen ein Remake. In "Wie ich den Sex erfand" versorgt erst die Muttergottes die Hauptfigur mit Lebensweisheit, ehe Franz Josef Strauß damit weitermacht. 

Wilder Ausbruchsversuch eines 16-jährigen Gymnasiasten 

In "Die wilde Wut des Wellensittichs" übernimmt diese Rolle der Musiker Peter Gabriel von Genesis. An die Stelle der Olympischen Spiele von 1972 tritt die Fußballweltmeisterschaft von 1974. Und der finale Geschlechtsakt des ersten Teils spiegelt sich in einem wilden Ausbruchsversuch des 16-jährigen Gymnasiasten in Richtung Düsseldorf, der allerdings schon am Langwieder See endet.

Wie beim ersten Teil bleibt offen, wie viel Autobiografisches von Peter Probst in diesem Peter steckt, der als Sohn eines ziemlich spießigen Ex-Bundeswehrlers und Augenarztes im Münchner Vorort Neuaubing aufwächst. Seine sexuelle Erweckerin hat ihn verlassen, weil sie mehr auf junge Männer und nicht auf Kinder steht. Und so ist der Protagonist wieder in ziemlichen Nöten, die sich diesmal nach einigen Irrungen und Wirrungen in einer etwas stabileren, aber stets gefährdeten Beziehung auflösen.

Peter und die kommunenartige Künstler-WG 

Probst versteht es, wie schon im ersten Teil, die ziemlich idyllische Spießigkeit der mittleren Siebziger darzustellen. Der sexuelle und gesellschaftlichen Aufbruch der Achtundsechziger ist ziemlich weit weg. Peters Eltern können damit wenig anfangen, und sein Vater, der als Leser des "Münchner Merkur" den kommunistischen Umsturz fürchtet, feiert mit seinen Freunden den Rücktritt des Bundeskanzlers Willy Brandt.

Erst am Ende kommt Peter mit einer kommunenartigen Künstler-WG in Berührung, die in ihrem Beharren auf einer stets offenen Klotüre allerdings fast genauso spießig ist wie das eigene Elternhaus.

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Auch wenn nicht allzuviel Aufregendes passiert, liest man doch gerne weiter. Die Episode mit der Hermann-Hesse-Leserin, die Peter beim Sprachunterricht in England kennenlernt, nimmt eine überraschende Wendung. Außerdem ist das Buch freundlicherweise in 48 anekdotenhafte Kapitel gegliedert, und die im ersten Band etwas aufdringlichen, kursiv gesetzten Namen historischer Produkte sind nun so dezent dosiert, dass sie den Zeitzeugen kennerisch mit der Zunge schnalzen lassen.

"Die Wut des Wellensittichs" ist kein Neuaubinger "Fänger im Roggen". Dafür ist die Rebellion zu brav und die Welt zu wenig repressiv. Der Katholizismus, mit dem Peter sanft zu kämpfen hat, greift in seinen antipubertären Gegenmaßnahmen zu kaum schlimmeren Waffen als Hausarrest und dem Zwangsurlaub bei einem niedersächsischen Pfarrer und seiner Haushälterin.

Peter erlebt zwar eine Kneipenschlägerei in England und betritt ein niedersächsisches Porno-Kino, doch die Münchner Innenstadt scheint trotz MVV von Neuaubing weiter entfernt wie ein anderes Sonnensystem. Wer über den am Ende allzu penetrant zur poetischen Lebensmetapher ausgewalzten Wellensittich gnädig hinwegliest und als Mann ebenfalls in den Siebzigern aufgewachsen ist, dem gönnt dieser Roman einige wohlige Déjà-vu-Momente. Und das ist mehr, als sich über viele andere Neuerscheinungen sagen lässt.


Peter Probst: "Die wilde Wut des Wellensittichs" (Kunstmann, 320 S., 24 Euro). Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag um 20 Uhr im Literaturhaus vor. Infos zur Veranstaltung und zum Stream unter literaturhaus-muenchen.de

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