Interview

Georg Stefan Troller schreibt: "Meine ersten hundert Jahre"

Mit 99 fängt vielleicht das Leben nicht mehr an. Georg Stefan Troller denkt aber auch nicht ans Aufhören. Wozu? Der leidenschaftliche Weltbeobachter sitzt gerade an einem neuen Buch, denn es gibt noch so viel zu erzählen.
| Christa Sigg
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Georg Stefan Troller: Der heute 99-jährige Schriftsteller und Journalist aus einer jüdischen Familie in Wien konnte 1941 in die USA fliehen. Mit der Army war er an der Befreiung des KZs Dachau beteiligt. Als Reporter wurde er in den 60er Jahren mit einfühlsamen wie kritischen Interviews bekannt. (Archivbild)
Georg Stefan Troller: Der heute 99-jährige Schriftsteller und Journalist aus einer jüdischen Familie in Wien konnte 1941 in die USA fliehen. Mit der Army war er an der Befreiung des KZs Dachau beteiligt. Als Reporter wurde er in den 60er Jahren mit einfühlsamen wie kritischen Interviews bekannt. (Archivbild) © imago images/gezett

Ist es das Wienerische oder der Charme des älteren Herrn? Mit Georg Stefan Troller kommt man auch am Telefon ganz nonchalant ins Plaudern, und die Zeit fliegt dahin.

Dabei ist es kein leichtes Leben, auf das der 99-Jährige zurückblickt. Alles hat seine jüdische Familie verloren, er entkam den Nazis nur knapp. Und bis heute hat er am "Nichtgewolltsein" schwer zu tragen. Man hat ihm das nie angemerkt, wenn er Größen von Edith Piaf bis Muhammad Ali und Roman Polanski fragend auf die Pelle gerückt ist.

AZ: Herr Troller, sind Sie mit 99 Jahren guter Dinge?
GEORG STEFAN TROLLER: Sehr sogar, denn je älter man wird, umso mehr empfindet man die Abwesenheit von Schmerz, Krankheit und Übel als etwas Positives. Während man früher immer auf Besseres gewartet hat, reicht jetzt bereits die Abwesenheit negativer Ereignisse für eine gute Stimmung.

Georg Stefan Troller: "Erfreulich, dass der Hirnkasten noch funktioniert"

Ein bisschen mehr wird es ja noch geben. Was hält Sie bei Laune?
Freunde, meine beiden Töchter, Lektüre, und ich schreibe auch noch. Im November wird wieder ein Buch von mir herauskommen. Es soll heißen "Meine ersten 100 Jahre". Bei den letzten drei Büchern habe ich versprochen, es ist mein letztes, aber diesmal, glaube ich, ist es wirklich mein letztes. Dass ich noch schreiben kann, ist erfreulich, also dass der Hirnkasten noch funktioniert.

Nun lassen Sie im Dokumentarfilm von Ruth Rieser Ihr langes, schwieriges Leben Revue passieren, die Verfolgung durch die Nazis, die Schoah, der ein großer Teil Ihrer Familie zum Opfer fiel. Und doch fällt oft der Begriff Glück.
Ja, meine Kindheit und Jugend in den 20er und 30er Jahren war sehr von Pech und Unglück bestimmt. Auch die Vorstellung, von der Umwelt nicht geliebt zu werden, hat viel von meiner Jugend kaputt gemacht. Aber ich bin durchgerutscht durch viele glückliche Zufälle, durch die Hilfe meiner Eltern oder von Freunden. Oder durch eigene Geschäftigkeit. Ich habe mich durchgewurschtelt.

Georg Stefan Troller: Intime Fragen werden auch geschätzt

Durchgewurschtelt ist schwer untertrieben. Sie haben Interviews mit den Großen gemacht und Ihnen die erstaunlichsten Dinge entlockt.
Ja, das hat mich anfangs viel beschäftigt: Woher kommt eigentlich meine Unverschämtheit, diese Fragen zu stellen?

Georg Stefan wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren. (Archivbild)
Georg Stefan wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren. (Archivbild) © Ines Kaiser/dpa/SWR/WDR

War es Neugier?
Ich finde nicht, dass ich besonders neugierig bin. Bei den Menschen, die ich interviewt habe, war ich auch für mich auf der Suche nach Antworten. Und zwar aus der inneren Verunsicherung, aus dem Selbstzweifel und aus dem Gefühl heraus, das einem die Emigration vermittelt - nämlich keine Lebensberechtigung zu haben. Von meinen Gesprächspartnern wollte ich lernen, wie es ihnen gelingt, so ganz selbstverständlich an ihre Lebensberechtigung zu glauben. Und mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die intimen Fragen mehr als gedacht möglich sind und auch geschätzt werden.

Georg Stefan Troller: "Sie haben die Menschen einfach verhungern lassen" 

Weshalb?
Ich meine, weil die Menschen auf diese Art etwas Unbewusstes über sich selbst erfahren haben. Manche wollten auch endlich mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit, obwohl sie niemand eingefordert hatte.

Stimmt es, dass Sie Ihre Interviewtechnik im Krieg gelernt haben?'
Ich musste bei der US Army deutsche Kriegsgefangene vernehmen. Sie sollten ihre Geheimnisse ausplaudern: Wo steht die Artillerie? Woher kommt der Nachschub? Welche Einheiten sind im Anmarsch? Ich lernte, dass man ans Ehrgefühl der Soldaten oder an ihren Stolz als Sachverständige appellieren muss - "ein Mann wie Sie muss doch sowas wissen". Dann kommen sie damit heraus. Und nur zwei Soldaten haben sich absolut geweigert, etwas zu sagen.

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Sie haben 1945 zu den Befreiern Münchens und des KZ Dachau gehört.
Da habe ich gelernt, dass der Mensch zu allem fähig ist. Zu Hunderten, ach zu Tausenden lagen die Leichen herum. Sie haben die Menschen einfach verhungern lassen. Kann man das verstehen? Und wir waren die Befreier, wir haben eine gerechte moralische Empörung empfinden können. Sonst konnte man das im Krieg nicht unbedingt.

Georg Stefan Troller: US-Soldat schreibt Kriegstagebücher auf Deutsch

Auf jeder Seite wurde geschossen.
Und wo steht man? Durch mein Aufwachsen und meine Ausbildung im humanistischen Gymnasium habe ich mich als sehr deutsch empfunden, da gab es eine gewisse Übereinstimmung mit diesen deutschen Soldaten. Ich fühlte etwas für sie, sie taten mir leid. Für mich waren das eher arme Hunde als Feinde. Das war die eigentümlichste Erfahrung, die ich im Krieg gemacht habe. Als amerikanischer Soldat schrieb ich meine Kriegstagebücher auf Deutsch. Das war meine Zugehörigkeit! Aber diese Spannung, dass man zwei völlig verfeindeten Seiten angehört, ist ja sehr kreativ und schriftstellerisch fruchtbar. Damit musste ich mein Leben lang versuchen, fertig zu werden. Das hat mir aber auch geholfen.

Zeigt das nicht auch die fundamentale Bedeutung der Sprache?
Für mich ja. Für andere mag sie nur ein Verständigungsmedium sein. Sprache ist Ausdruck der Seele, und die Wahl der Sprache ist für einen Schriftsteller absolut entscheidend. Viele Emigranten haben versucht, auf Englisch oder Französisch zu schreiben. Auch mein Onkel, der Romanautor war, musste auf Englisch schreiben, weil der Verlag sich das Übersetzungshonorar nicht mehr leisten konnte. So ist ein feinfühliger Stilist zu einem amerikanischen Grobian geworden. Das hat mich immer sehr stark beschäftigt, und die Urangst des Sprachverlustes begleitet mich mein ganzes Leben.

Georg Stefan Troller: "Bitte fragen Sie mich nicht nach Heimat!"

In welcher Sprache fühlen Sie sich heute am wohlsten?
Schwer zu sagen. Mit einer Tochter spreche ich englisch, mit der anderen französisch. Mit meiner verstorbenen Frau sprach ich deutsch. Aber was man wirklich zu sagen hat, kann man eigentlich nur in der Muttersprache sagen. Wenn man sie verliert, geht ein Großteil der Ausdrucksmöglichkeiten verloren. Auch das Unbewusste arbeitet mit der Muttersprache.

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Sie leben in Paris, wo ist Ihre Heimat?
Bitte fragen Sie mich nicht nach Heimat! Diese Frage kann ich nicht beantworten. Heimat ist ganz eng mit der Kindheit verbunden.

Im Film sieht man Sie durch Wien gehen und die Wohnung besuchen, in der Sie mit ihren Eltern vor der Emigration gelebt haben. Der Bücherschrank Ihres Vaters steht immer noch da, aber Sie sind ganz ruhig und freundlich geblieben.
Ein halbes Jahrhundert zuvor habe ich schon einmal an diese Wohnungstür geklopft, und die damalige Besitzerin sagte mir: "Dies ist eine Privatwohnung, verschwinden Sie hier und zeigen Sie sich nicht wieder". Und jetzt, 50 Jahre später, treffe ich auf eine nette Dame, die keine Ahnung hat. Doch warum sollte ich sie damit kränken oder verunsichern, indem ich ihr sage "Liebe Frau, in dem Schrank stehen alle Bücher, die ich zu meiner Bar Mizwa bekommen habe"?

 Georg Stefan Troller: "Ich glaube nicht, dass es irgendwo einen Himmel gibt"

Gibt es Gerechtigkeit?
Das ist die ewige Lebensfrage der Juden. Ist Gott gerecht? Und warum hat er dann Auschwitz zugelassen?

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Nicht mehr. Aber ich glaube noch immer an das Göttliche - im Menschen, in der Natur. Die ungeheure Vielfalt auf Erden hat für mich etwas Göttliches. Aber ich glaube, dass sich dieses Göttliche in uns mit unserem Tod erledigt und wir nicht in der Form, in der wir gewesen sind, an einem anderen Ort wieder aufkreuzen. Daran glaube ich nicht mehr.

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Hat das mit Ihren Erlebnissen oder mit einem Reifungsprozess zu tun?
Es hat bestimmt mit dem Alter zu tun. Jung ist man von Natur aus gläubiger, und alles erscheint einem wunderbar, und alles ist glaubwürdig. Später wird man abgebrühter oder kälter oder beschränkter. Ich weiß es nicht. Nein, ich glaube nicht, dass es irgendwo einen Himmel gibt. Wie viele Milliarden Leute wären denn da inzwischen schon anwesend?

Was wünschen Sie sich noch?
Mir lag immer am Herzen, eine deutsche oder österreichische Anhängerschaft zu haben, die sich auch nach meinem Wegsterben an mich erinnert, meine Sachen anschaut oder liest und sich auf mich einlässt. Ich wollte immer von der Heimat gerufen werden, die mich verstoßen hat. In der Emigration war das mein tiefster Wunsch. Und zu meiner Überraschung ist dieser Ruf ja doch an mich ergangen. Ich habe das bei jeder Lesung oder Filmvorführung erfahren. Da war diese Innigkeit des Publikums, das sich mit mir identifizieren konnte. Das ist ein großes Geschenk.

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