100 Jahre Joseph Beuys: Einfach nicht zu fassen

Joseph Beuys hat die Kunst verändert, jetzt wäre er 100 Jahre alt geworden, und immer noch polarisiert dieser widersprüchliche Aktionsmystiker. Ohne ihn ist es aber auch fad.
| Christa Sigg
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Joseph Beuys 1980 in Düsseldorf.
Joseph Beuys 1980 in Düsseldorf. © imago images/Bonn Sequenz

"Jaaa ja ja ja ja. Neee ne ne ne ne…" Fast eine Stunde geht das so. Anfangs klingt es noch ganz schnurrig, aber spätestens nach ein, zwei Minuten säbelt dieses rheinisch angehauchte Großmutter-Mantra mächtig an den Nerven. 

Joseph Beuys, Superkünstler und in einer seiner zahlreichen Nebenberufungen Kindskopf von höheren Gnaden, hat sich diese Soundcollage in den späten 1960er Jahren ausgedacht und in einen Fluxus-Auftritt integriert. Bereitwillig regten sich alle auf, viel mehr als etwa 1982 beim Neue-Deutsche-Welle-Hit "Da da da" der Band Trio.

Der Filzanzug (1970) von Joseph Beuys im Ruhrmuseum Essen.
Der Filzanzug (1970) von Joseph Beuys im Ruhrmuseum Essen. © Roland Weihrauch/dpa

Aber man darf das natürlich nicht vergleichen. Die Schildwachen der Kunst, die jetzt zum 100. Geburtstag dieses selbst ernannten "Narren und Idioten mit dem Filzhut" wieder besonders gut aufpassen und das Erbe hochhalten, mögen keine Flapsigkeiten. Dabei haben Beuys‘ schamanischer Ernst und das "Ich bin ein Sender"-Bewusstsein dringend ein "Da da da"-Ventil gebraucht.

Joseph Beuys war der Dadaismus nicht fern

Dem am 12. Mai 1921 in Krefeld geborene Bildhauer, Aktionskünstler, wunderbaren Zeichner, Theoretiker, an der Kunstakademie Düsseldorf mit irrem Getöse entlassenen Professor, Politiker und Grünen-Mitgründer war der Dadaismus jedenfalls nicht fern. Auch wenn er das zuweilen gut umzudeuten verstand. Was die eingangs erwähnte Soundcollage aber symbolisiert, sind Beuys‘ Widersprüche. Und zugleich die mindestens so gegensätzlichen Reaktionen des Publikums von euphorischer Zuneigung bis hin zu erbitterter Ablehnung.

Das hat sich seit dem relativ frühen Tod 1986 mit 64 Jahren bis zu einem gewissen Grad verwischt. Die Wogen gehen nicht mehr hoch. Das liegt auch an der längst erfolgten Etablierung quer durch die Museen, an der Rezeption durch die Künstler, einer immensen Auseinandersetzung in der Szene und genauso an einer Zeit, in der sich keiner mehr entblößen und schon gar nicht als Kunstbanause daherkommen will. Ehemalige Beuys-Gegner wie der CSU-Politiker Peter Gauweiler würden wahrscheinlich viel drum geben, die einstigen Sprüche vom "Kulturverfall" ungesagt zu machen.

Joseph Beuys: Nie um eine rotzige Retoure verlegen

"Spannend" klingt halt besser als "kapier ich nicht" oder heutige Tabu-Kommentare wie "Scharlatanerie", "Müll" und "Irrsinn". Dabei lief Joseph Beuys bei solchen Angriffen zur Hochform auf. Das war gewollt großes Theater, die Attacken konnten nicht unverschämt genug sein. Und der Geschmähte war um keine rotzige Retoure verlegen, das macht die Filmdokumente solcher Verbalschlachten zuweilen aufregender als manches seiner Werke. Beuys musste im Gespräch sein, dauernd, durch sein Ego und weil er etwas verändern wollte.

Die Annäherung ist ja auch nicht eben einfach, und die Theorien von den sozialen und energetischen Kreisläufen, die Beuys gerne auf Schiefertafeln gezeichnet hat, helfen nur bedingt weiter. Besser, man lässt sich auf seine Grundmaterialien ein, die letztlich – und das ist wiederum das herrlich Bodenständige – zur Grundausstattung des Lebens gehören. Also Wärme, Fett, Kohlenhydrate, in diesem Fall Filz und Wachs, Fettblöcke und Honig..

In den Installationen kommen Tische, Stühle, Konservendosen, Margarineblöcke, Autos hinzu. Die aus Glühbirne und Zitrone kombinierte Capri-Batterie zählt zu den Schlagern unter Beuys Multiples. Das sind die in Serie hergestellten Arbeiten, die er mehr oder weniger preiswert einem breiten Publikum zugänglich machen wollte. Die skelettierten Vogelköpfe, das Blut, die toten Hasen und deren echte Herzen in seinen Performances sind dagegen nicht jedermanns Sache.

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Als Joseph Beuys die blütenweiß-blanke Wanne renovieren durfte 

Aber das alles war in den 60ern höchst ungewöhnlich, der völlig gesprengte Kunstbegriff noch lange nicht selbstverständlich. Marcel Duchamps Flaschentrockner (1914) hin oder her. Und selbst wenn man sich mit überzeugten Beuys-Sammlern wie dem Münchner Kunstbuchverleger Lothar Schirmer unterhält, kommt das anfängliche Unverständnis ("abstoßend") gerade bei den Objekten ganz offen zur Sprache.

Es war übrigens auch Schirmers Beuys-Badewanne, die 1973 bei einer Feier des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath als Spülbecken zweckentfremdet und durch die Entfernung der Schmutzspuren zerstört wurde. Mit witzigen Folgen, denn die Firma Henkel hat den Versicherungsfall Mitte der 70er Jahre in einer Werbekampagne für Ata-Scheuerpulver persifliert. Noch amüsanter war nur die Tatsache, dass Schirmer 40.000 Mark Schadenersatz bekam und Beuys die blütenweiße Wanne "renovieren" durfte. Wie er das wohl geschafft hat? Egal. Die Geschichte ist so grotesk wie bezaubernd.

Wie Joseph Beuys ein anrührend schönes Kunstmärchen erfand

Allerdings hat sich Joseph Beuys auch selbst entzaubert. Und damit ist weniger die schön frisierte Biografie gemeint, zum Beispiel mit der Episode von den Krimtataren im Zweiten Weltkrieg. Sie hätten den abgeschossenen und schwer verletzten Kampfflieger Beuys mit Fett und Filz am Leben gehalten. 

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Nur gab es auf der Krim keine Nomaden, das Flugzeug legte wegen schlechten Wetters eine Bruchlandung hin, der damals 23-Jährige saß auch nicht am Steuer, und für die Gesundung war das Feldlazarett zuständig. Beuys hat ein anrührend schönes Kunstmärchen erfunden. Das war vielleicht sogar nötig, um sich in einer verdrängenden Nachkriegsgesellschaft Gehör zu verschaffen. Und er hat damit auch gleich seine bevorzugten Materialien mit dem eigenen Schicksal begründet. Was für ein Initialmythos!

Nur gab es auf der Krim keine Nomaden, das Flugzeug legte wegen schlechten Wetters eine Bruchlandung hin, und für die Gesundung des damals 23-Jährigen war das Feldlazarett zuständig. Beuys hat ein anrührend schönes Kunstmärchen erfunden. Das war vielleicht sogar nötig, um sich in einer verdrängenden Nachkriegsgesellschaft Gehör zu verschaffen. Und er hat damit auch gleich seine bevorzugten Materialien mit dem eigenen Schicksal begründet. Was für ein Initialmythos!

Man will ihm das gar nicht verübeln. Nur die Nähe zu dubiosen rechten Zirkeln wirft seit ein paar Jahren Fragen auf. Sein Biograf Hans Peter Riegel will Beuys ein Weltbild nachweisen, das sich teils aus deutschtümelnden rechtsesoterischen Ideologien speist. Er habe Kameradschaftsabende seiner Stuka-Einheit besucht und in den 70er Jahren mit Karl Fastabend einen Nazi und SS-Mann als Sekretär und Textschreiber beschäftigt.

Joseph Beuys war ein Großmeister der Selbstinszenierung 

Für Eugen Blume, einen der wichtigsten Beuys-Kenner, ist es allein die universalistische Botschaft "Jeder Mensch ist ein Künstler", die den Verdacht einer völkisch-rassistischen Gesinnung ad absurdum führe. Auch Beuys‘ langjähriger Weggefährte Klaus Staeck sieht eher den Aspekt der Aufarbeitung nach dem Krieg. Der Plakatkünstler und Berliner Akademiepräsident gibt freilich zu, dass Beuys für alles und jeden offen gewesen sei und sich zuweilen mit merkwürdigen Leuten umgeben habe.

Darüber würde man tatsächlich gerne mit einem diskutieren, dessen Botschaft eine ganz andere war. Der die Soziale Plastik erfunden, auf der documenta 7 in Kassel 7.000 Eichen gepflanzt und so vieles vorhergesehen hat. Den Fall der Mauer, dass die ökonomische Optimierung an ihre Grenzen stoßen würde, die grüne Bewegung.

Beuys war aber auch ein Großmeister der Selbstinszenierung und dabei König und Hofnarr in einem. Er wusste immer, wo es wehtat, und mindestens genauso, was gut ankam. Der Mann, der Überlebensjacke trug und Bentley fuhr, wäre heute auf sämtlichen Social-Media-Kanälen aktiv. Aus gutem Grund. Denn Beuys ohne Beuys ist auch ein bisschen öde geworden.

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