Das deutsche Grummeln und das englische Flöten

Kein Artenschutz für den Babelfisch: Gaston Dorrens Band "In 20 Sprachen um die Welt".
| Roberta De Righi
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Der niederländische Sprachwissenschaftler Gaston Dorren.
Der niederländische Sprachwissenschaftler Gaston Dorren. © imago/Agencia EFE/Juan Carlos Hidalgo

Im Grunde muss man nur vier Sprachen können, um mit Dreiviertel der Menschheit zu kommunizieren - obwohl es insgesamt um die 6.000 gibt: Anstrengend ist nur, dass da außer Englisch und Spanisch Hindi-Urdu und Mandarin dabei sind. Letzteres gilt sogar dem Sprachwissenschaftler und Publizisten Gaston Dorren als eine der schwierigsten Sprachen der Welt.

Ein lehrreicher Überblick über die meistgesprochenen Zungenschläge

Sein Buch "In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht" gibt einen ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Überblick über die 20 meistgesprochenen Zungenschläge: von Arabisch über Bengalisch und Deutsch zu Javanisch und Malaiisch, Portugiesisch, Russisch und Vietnamesisch.

Wer weiß schon, dass Wörter wie Kaffee und Zucker, Katze und Kuppel aus dem Arabischen kommen? Dass in Japan Männer und Frauen die längste Zeit eine unterschiedliche Sprache sprachen? Und dass Deutsch auf dem Kuriositäts-Index der Sprachen auf den zehnten Platz kommt? Was nicht zuletzt daran liegt, dass sich die Wortreihenfolge je nach Satzform dauernd ändert.

Wissenswerte Fakten und persönliche Erfahrungen

Gaston Dorren lässt wissenswerte Fakten durch persönliche Erfahrungen lebendig werden. Mal erlernt er vor Ort mit einer gestrenger Sprach-Lehrerin im Turbo Vietnamesisch in Hanoi und berichtet zungennah von kleinen Erfolgen und unüberwindbaren Schwierigkeiten.

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Mal betreibt er Sprachanalyse als "Tortendiagrammschlacht" und mal erzählt er Sprachgeschichte als Herrschaftsgeschichte wie etwa beim Aufstieg und Fall des Persischen. Auch der kuriose Weg vom osmanischen zum heutigen Türkisch ist ein spannendes Kapitel: Der so genannte "Sprachsturz" fand unter Atatürk statt, der das Türkische vom Joch fremder Sprachen befreien" wollte.

Die abstruse "Sonnensprachentheorie"

Weil die Sprachreform aus dem Ruder lief, stützte man sich auf die abstruse "Sonnensprachentheorie" des Orientalisten Herman Feodor Kvergic, wonach das Türkische die Mutter aller menschlichen Sprachen war - und deklarierte arabische, persische, griechische und französische Lehnwörter einfach wieder um: als ursprünglich türkisch.

Der Niederländer Dorren erklärt auch, warum Portugiesisch durch die Kolonialisierung zur Weltsprache wurde, Niederländisch trotz eifriger Bemühungen nicht: Nicht aus sprachstrukturellen Gründen - es war einfach eine Frage des historischen Timing. Ähnlich verhält es sich mit Englisch, das seine Rolle als Lingua franca der Gegenwart erst seit dem Zweiten Weltkrieg spielt.

Sind die Franzosen die einzigen, die wirklich sprechen?

Ob wahr ist, was der französische Jesuit und Philologe Dominique Bouhours, Racines Lehrmeister, 1671 schrieb, den Gaston Dorren zitiert? "Die Chinesen und nachgerade alle Asiaten singen, die Deutschen grummeln, die Spanier schreien, die Italiener seufzen, die Engländer flöten. Die Franzosen sind die einzigen, die wirklich sprechen." Oder doch nur typischer Chauvinismus der Grande Nation?

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Als typisch deutsch, jedenfalls von Italien aus betrachtet, gelten diese seltsamen Umlaute mit zwei Pünktchen und der unaussprechliche Reibelaut "ch". Den verortet man nördlich des Bodensees allerdings vor allem im Schwyzerdütsch, wie im "Chuchichäschtli". Mit Ach und Krach? Es kommt eben auch auf die - akustische - Perspektive an.

"In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht" (C.H. Beck, 400 Seiten, 28 Euro)

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