Buch über Trump: Ein Land am Abgrund

Nach vier Jahren Trump ist die US-Gesellschaft bedrohlich gespalten: Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby porträtieren in "Im Wahn" ein zerfallendes Land. Am Mittwoch stellen sie ihr Buch im Literaturhaus und per Stream vor.
| Dominik Petzold
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USA, Sanford: Donald Trump, Präsident der USA, wirft Gesichtsmasken in die Menge, als er zu einer Wahlkampfkundgebung am Orlando Sanford International Airport eintrifft.
USA, Sanford: Donald Trump, Präsident der USA, wirft Gesichtsmasken in die Menge, als er zu einer Wahlkampfkundgebung am Orlando Sanford International Airport eintrifft. © Evan Vucci/AP/dpa

Kann Donald Trump die Wahl doch noch gewinnen? Allein die Möglichkeit macht ja fassungslos: Wie kann ein Präsident noch realistische Wahlchancen haben, dessen bizarres, zynisches Missmanagement mitverantwortlich ist für über 250.000 Corona-Tote?

Ein Präsident, der früh um die Gefahr wusste, sie nachweislich verschwieg - und weiter fröhlich auf seinen Golfcourts spielte, nicht zuletzt um für seine eigenen Resorts Werbung zu machen? Einer, der mit seinem Reichtum prahlt, sein Land prellt und 750 Dollar Steuern im Jahr zahlt?

Was steckt hinter dem Phänomen Trump?

Die Skandale in den vier Jahren seiner Präsidentschaft lassen sich kaum zählen. Aber Trumps Zustimmungswerte blieben relativ konstant bei circa 40 Prozent. Was zum orangenen Teufel ist da los? Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der Fernsehjournalist Stephan Lamby haben die politische Entwicklung in den USA seit Trumps Wahlkampf-Auftakt im Juni 2019 vor Ort verfolgt, haben mit hochrangigen Journalisten und Politikern gesprochen und viele kluge Analysen des Phänomens Trump ausgewertet.

In ihrem Buch "Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe" nähern sie sich der politischen Situation in den USA von vielen Seiten. Der teils thematische, teils chronologische Aufbau ist allerdings wenig stringent, immer wieder springen die Autoren zwischen den Themen und zwischen Stilformen: Bericht, politischer Reportage und auch historischer Analyse.

Autoren schreiben mit einer Stimme

So erfährt der Leser viel über Richard Nixons Amtszeit, einschließlich der US-Unterstützung von Pinochets Putsch in Chile, wobei nicht recht klar wird, inwiefern der eine kriminelle Präsident dem anderen den Weg ebnete. Der Leser sitzt auch lang mit einem der Autoren in Henry Kissingers Garten und an dessen Dinnertable - ohne zu wissen, mit welchem: Beide schreiben mit einer Stimme, bis zur Danksagung an die Liebsten.

Das ist vermutlich die Ursache für manche Unebenheiten des Buchs: Hier wurden die Beobachtungen und Gedanken zweier Köpfe zusammengefügt - pünktlich zur Wahl. Als alleinige Autoren hätten sie sicher geradliniger argumentiert und manche Redundanz vermieden.

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Das Buch entfaltet eine erschütternde Wucht

Eine lohnende Lektüre ist das Buch dennoch. Allein, weil es eine erschütternde Wucht entfaltet, den geballten Wahnsinn der letzten vier Jahre Revue passieren zu lassen: wie Trump Flüchtlingskinder von ihren Eltern trennen und in Käfige sperren ließ; wie er den ukrainischen Präsidenten erpresste, um Schmutz für den Wahlkampf zu erhalten; wie er nichts unternahm, als Putin den Taliban Kopfgeld für die Tötung von US-Soldaten zahlte; wie er seinen in der Russlandaffäre zu Gefängnis verurteilten Kumpel Roger Stone einfach begnadigte; wie er widerwillig und viel zu spät Maßnahmen gegen die Pandemie erließ - nur um bald gegen seine eigene Politik anzutwittern: "Befreit Minnesota! Befreit Michigan! Befreit Virginia!"

Moralisch verkommene Republikaner unterwerfen sich Trump

Dass er damit vier Jahre lang durchkommen konnte, hat viele Gründe. So ignoriert der oberste Vertreter von Justiz und Strafverfolgung, Attorney General William Barr, das Gebot der Neutralität, das für die demokratische Gewaltenteilung essenziell ist. Stattdessen übt er sein Amt wie ein Höfling aus - und entschärfte etwa den Sprengsatz, der im Mueller-Bericht über die Russlandaffäre steckte.

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Und die moralisch verkommene Republikanische Partei hat sich Trump vollständig unterworfen, um konservative Vorhaben umzusetzen, schließlich um des nackten Machterhalts willen. Die Sprengung sämtlicher politischer Konventionen nahm sie dafür in Kauf, das Ende des Anstands ebenso.

Zwei parallel aneinander vorbeilaufende Medienwelten 

Vor allem aber analysieren die Autoren die extreme Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft. Republikaner und Demokraten haben sich seit den Neunzigern zu verfeindeten Lagern entwickelt, außerdem haben sich zwei parallel aneinander vorbeilaufende Medienwelten etabliert: Hier die traditionellen, liberalen Medien wie CNN, New York Times, Washington Post und alle anderen, die sich der journalistischen Wahrheitssuche verpflichtet fühlen.

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Da, bereits seit den Neunzigern, rechte Talk-Radio-Einpeitscher wie Rush Limbaugh und der TV-Sender Fox News; in den vergangenen Jahren sind rechte Websites sowie die Trolle der sozialen Medien hinzugekommen. Diese Propagandamaschinen unterstützen Trump unter (fast) allen Umständen und mit allen Mitteln, sie schaffen ganz eigene Erzählungen, meistens fernab der Realität.

Wie berechtigt ist die Sorge um die amerikanische Demokratie?

Und ein großer Teil der US-Öffentlichkeit bezieht sein Weltwissen weitgehend über diese Medien - sowie über Trumps Twitter-Kanal. Er und seine willigen medialen Helfer verbreiten entweder Totalfiktion - Trump log in seiner Präsidentschaft im Schnitt 16 Mal pro Tag - oder etablieren bei heiklen Themen alternative "Frames", also Deutungsmuster: So bezichtigen sie die Demokraten während des Amtsenthebungsverfahrens - und auch sonst gern - der "Hexenjagd" und vertauschten somit die Rollen von Täter und Opfer.

Parallel dazu diskreditieren sie etablierte Medien als "Fake News" oder gar "Volksfeinde", um die Glaubwürdigkeit kritischer Berichterstattung von vornherein zu unterhöhlen - ein klassisches Verfahren autokratischer Herrscher. Aber leider ein erfolgreiches: Unzählige Trump-Fans sehen in kritischen Berichten stets den links-liberalen Versuch, Trump zu Fall zu bringen - womit der bei ihnen (Narren-)Freiheit von jeglichen Fakten genießt.

Das Ergebnis ist eine gespaltene Gesellschaft, die sich nicht mehr auf eine Wahrheit einigen kann. Man wird sehen, ob sie sich auf ein Wahlergebnis einigen kann. Wie berechtigt die Sorge um die amerikanische Demokratie ist, verdeutlicht dieses Buch.


Klaus Brinkbäumer/Stephan Lamby: "Im Wahn. Die Amerikanische Katastrophe" (C.H. Beck, 391 Seiten, 22,95 Euro)

Die Autoren stellen das Buch am Mittwoch um 20 Uhr im Literaturhaus vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft, aber es gibt einen Stream für 5 Euro, Anmeldung bis eine Stunde vor Beginn, Infos: literaturhaus-muenchen.de; die dazugehörige TV-Doku "Im Wahn" läuft auf daserste.de.

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