Interview

Kristof Magnusson: "Lachen ist mehr als eine Notdurft"

Humor spielt bei Kristof Magnusson eine tragende Rolle. Sein neuer Roman "Ein Mann der Kunst" nimmt unseren Kulturbetrieb amüsant unter die Lupe.
| Christa Sigg
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Kristof Magnusson vor Diego Rivieras Porträt des sozialistischen Philosophen Corliss Lamont.
Kristof Magnusson vor Diego Rivieras Porträt des sozialistischen Philosophen Corliss Lamont. © Gunnar Klack

München - Für seinen "Arztroman" ist er tagelang im Rettungswagen mitgefahren. Kristof Magnusson will es schon genau wissen, bevor er ein Buch schreibt. Entsprechend tief ist er jetzt für seinen neuen Roman "Ein Mann der Kunst" in die Welt der Ausstellungsmacher und Kulturfunktionäre eingetaucht: Für den zynischen Malerstar KD Pratz soll ein eigenes Museum gebaut werden. Sich dem weltabgewandten Misanthropen zu nähern, ist allerdings ein Kunststück. Ein Gespräch über Fördervereinsreisen, Bildungsbürgerbespaßung und Buchpreisjurys.

AZ-Interview mit Kristof Magnusson

AZ: Herr Magnusson, Sie sind ein Mann der Musik, warum jetzt die Kunst?
KRISTOF MAGNUSSON: Genau genommen habe ich ja gar nicht über die Kunst selbst geschrieben, sondern über Kunst-Fans! Über Leute, die sich für Kunst begeistern und darüber, wie Kunst wahrgenommen und verhandelt wird. Ich habe das Gefühl, dass unser Umgang mit Kunst viel über uns selbst sagen kann, über unser Land, unsere Generation und unsere Gesellschaft.

Sie entlarven zum Beispiel die hehre Kulturpolitik, etwa beim Geschacher um Fördergelder. Um die Kunst geht es erst ganz zuletzt. Ist das nicht bitter?
Nein, aber es ist auch nicht bedeutungslos. Und dass es um die Kunst zu allerletzt geht, glaube ich gar nicht. Die Kunst ist eingebunden in ein komplexes System, von dem künstlerisches Schaffen nur ein Teil ist. Es überschneidet sich mit den Sehnsüchten und Lebenswelten der Menschen, die Kunst betrachten, einem auf dubiose Weise unregulierten Kunstmarkt, aber auch mit eher trockenen Dingen wie Kulturpolitik und Museumsverwaltung.

Das Nächste sind die Fördervereine, deren Mitglieder Sie sehr schön beschreiben: einer mit Einstecktuch und richtig viel Geld, pensionierte Pastorenehepaare in naturtrüben Kleidern ... Klingt, als würden Sie diese Welt sehr gut kennen.
Ich bin bei der Recherche jedenfalls nicht inkognito in einen Museumsförderverein eingetreten. Aber diese vielen Förder- und Kunstvereine, überhaupt das ganze bürgerliche Engagement im kulturellen Bereich spielt natürlich in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Das, was im Roman kritisch als Bildungsbürgerbespaßung bezeichnet wird, ist ein wichtiger und wertvoller Teil unseres kulturellen Lebens. Ich will das gar nicht abwerten. Ich fand, dass das einfach ein guter Stoff für einen eher amüsanten Roman ist.

Kristof Magnusson ist Recherchefreak

Sie sind ein Recherchefreak. Wie geht man so etwas an?
Bei diesem Roman musste ich sogar weniger recherchieren, als bei meinen vorherigen Büchern. Viele Menschen in meinem Umfeld arbeiten im kulturellen Bereich, genau wie ich. In diesem Fall hat es quasi ausgereicht, ein bisschen die Ohren offen zu halten. Einmal war ich bei einer Ausstellungseröffnung und wurde in einen Smalltalk mit ein paar Fördervereinsmitgliedern verwickelt. Da habe ich natürlich mal ganz vorsichtig gefragt, wie deren letzte Fördervereinsreise so war.

Ihr Roman um einen Museumsbau für den Maler KD Pratz nimmt eine kuriose Wendung, die wir jetzt auf keinen Fall verraten. Stört es Sie, wenn Kritiker alles ausplaudern?
Wenn der Roman damit steht oder fällt, ob man die letzte Wendung kenn oder nicht, dann wäre das ein ziemliches Armutszeugnis für mich. Selbstverständlich lohnt es sich, das Buch zu lesen, auch wenn man das Ende kennt. Andererseits hat der Überraschungseffekt natürlich auch einen Wert. Das zu leugnen wäre auch unseriös. Aber wenn irgendwann Rezensionen mit einer dicken "Spoiler-Alert"-Warnung erscheinen, würde ich mir doch ein bisschen Sorgen machen.

Sie sind ausgebildeter Kirchenmusiker. "Lobe den Herrn, meine Seele" - das studiert man nicht einfach so. Warum haben Sie das aufgegeben?
Die Antwort ist banaler, als man denkt: Um als Kirchenmusiker glücklich zu werden, muss man richtig gut sein. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das Zeug dazu habe, diesen Berufsweg auf eine für mich zufriedenstellende Art zu beschreiten.

Nun leben Sie vom Bücherschreiben, Übersetzen oder doch eher von den Theaterstücken?
Ein Wort: Mischkalkulation.

Beim Lesen meint man, auf jeder Seite Ihr Vergnügen am Formulieren zu spüren. Keine Quälerei? Nie?
Doch natürlich. Es ist, frei nach Bertolt Brecht, das Einfache, das so schwer zu machen ist. Ich finde es zwar wichtig, nie die Freude an der Sache an sich zu verlieren. Aber der konkrete Schreibprozess ist auch für mich eine echte Achterbahnfahrt.

Unterhaltende Literatur hat es schwer bei der Buchpreisjury

Warum fallen unterhaltende Literatur und überhaupt gut lesbare Bücher in Deutschland so gerne durch das Raster der Buchpreisjurys?
Thomas Bernhard hat einmal geschrieben, dass man nie vergessen soll, worum es bei Literaturpreisen geht: Es geht nie um die Preisträger, sondern immer um die Leute, die die Preise vergeben. Alle Fragen hinsichtlich Literaturpreisjurys müssen also anfangen mit der Überlegung, wer den jeweiligen Preis eigentlich vergibt, und welches Anliegen die Preisvergeber damit verfolgen. Rein hypothetisch wäre es sogar denkbar, dass es Jurys gibt, in denen ein Jurymitglied beweisen will, dass er oder sie einen noch feinsinnigeren und erleseneren Geschmack hat als ein anderes Jurymitglied. In diesem - wie gesagt rein hypothetischen - Fall könnte eine Dynamik in Gang kommen, die dazu führt, dass am Ende extra schwerverdauliche Bücher prämiert werden, nur damit man nicht in den Verdacht der Oberflächlichkeit gerät. Aber solche Überlegungen meinerseits sind natürlich keineswegs an belastbaren Fakten festzumachen. Sie sind rein hypothetisch. Um es noch ein drittes Mal zu sagen.

Das Schwere, Ernsthafte genießt überhaupt hohes Ansehen.
Es gibt in Deutschland nach wie vor eine starke Tendenz, zwischen ernsthafter Kunst und Unterhaltung trennen zu wollen. Die Isländer sind da viel weniger streng, dort gibt es diese starren Kategorien nicht. Auch, dass der Humor unter dem Generalverdacht der Oberflächlichkeit steht, ist hierzulande weit verbreitet. Allein schon, wie man auf Deutsch über Humor redet, da fallen dann gern Sätze wie: "Man muss ja auch ab und zu mal ein bisschen lachen". Da wird das Lachen doch eigentlich zu einer Notdurft degradiert, die man ab und zu verrichten muss, weil es nicht anders geht. In Island, wo Humor und das Spielerische seit den mittelalterlichen Sagas zur Literatur gehören, könnte man das nur schlecht nachvollziehen. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass in Deutschland das politische Kabarett so beliebt ist. Da ist der Humor erlaubt, denn er hat einen Sinn, man kann so schön anprangern und Recht haben! Das geht dann wieder.

Und wann schreiben Sie einen Roman über einen schrecklichen Komponisten?

Für Vorschläge bin ich immer offen. Aber meine Themen suche ich wirklich nicht strategisch oder nach einem bestimmten Schema aus. Vielleicht muss ich auch einfach bald mal wieder was über Island schreiben, oder ein Sachbuch, oder einen historischen Roman, oder einen Krimi! Eine Doktorarbeit! Oder einen historischen Roman, der auf Island spielt, mit einem mörderischen Komponisten und gleichzeitig ganz viel Sachinfo. Und wenn das Buch dann mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird, spendiere ich Ihnen eine ganze Kiste Champagner.

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Kristof Magnusson: "Der Mann der Kunst" (Kunstmann Verlag, 238 Seiten, 22 Euro; Hörbuch, gelesen von Devid Striesow, 20 Euro). Der Autor liest am Freitag um 20 Uhr, im Literaturhaus München, Eintritt Saal 15, Stream 5 Euro plus Gebühr unter literaturhaus-muenchen.reservix.de

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