Amelie Frieds Roman: Eine Untersuchung - auch in sich selbst

Eine Journalistin als gebeutelte Ermittlerin: Amelie Frieds neuer Roman "Die Spur des Schweigens".
| Katrin Kaiser
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Die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Amelie Fried.
Die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Amelie Fried. © dpa

Sie ist Journalistin mit jahrelanger Berufserfahrung, träumt von der großen investigativen Story und bekommt doch meistens Aufträge, die nicht ganz ihr Ding sind. Ihr Chef und ehemaliger Studienkollege, mit dem sie in Hassliebe verbunden ist, hält zwar viel von ihr, lässt sie aber nicht so richtig vorankommen.

"Die Spur des Schweigens": Investigative Recherche

Julia, die Protagonistin von Amelie Frieds neuem Roman "Die Spur des Schweigens", ist Mitte dreißig und latent frustriert von Berufs- und Privatleben, sie schläft schlecht, trinkt zu viel und hat wechselnde Liebhaber.

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Fast widerwillig nimmt sie den Auftrag an, zu mutmaßlichem sexuellen Missbrauch an einem renommierten Forschungsinstitut zu recherchieren, und steckt wenig später viel tiefer in der Geschichte, als ihr lieb ist.

Moderatorin und Bestseller-Autorin Amelie Fried

Amelie Fried, die lange vor allem als Fernsehmoderatorin bekannt war, hat in den letzten 25 Jahren zahlreiche Bücher geschrieben. Neben Bestseller-Romanen wie "Traumfrau mit Nebenwirkungen", "Am Anfang war der Seitensprung" und "Der Mann von nebenan" hat sie das Sachbuch "Schuhhaus Pallas" veröffentlicht, in dem sie vom Widerstand ihrer jüdischen Familie gegen das Dritte Reich berichtet.

In "Die Spur des Schweigens" hat Fried nun eine weibliche Ermittlerin geschaffen, die an die männlichen Protagonisten ihrer Kollegen Peter Probst und Friedrich Ani erinnert. Beim Lesen merkt man, wie wenig man es gewohnt ist, eine Frau in der Rolle der im Leben "gescheiterten Existenz" zu erleben, die jedoch entgegen aller Widerstände von einem verinnerlichten Berufsethos und einem eigenen Moralkodex angetrieben wird.

Fried will mit neuem Roman Lernprozess anstoßen

Julia ist der allgemeinen Berichterstattung zum Thema sexuelle Belästigung und "MeToo" zunächst ein wenig überdrüssig und hat kein übermäßiges Interesse an der Recherche. Interessant ist, wie sich Julias Einstellung im Laufe ihrer Ermittlungen verändert.

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Amelie Fried lässt ihre Protagonistin von der Skeptikerin immer mehr zur Anwältin der betroffenen Frauen werden - ein Lernprozess, den Fried nach eigenen Worten auch gerne bei ihren Leserinnen anstoßen würde.

Spannender Roman mit relevanten Fragen

Ob das gelingt? In jedem Fall ist "Die Spur des Schweigens" ein spannend zu lesender Unterhaltungsroman, der nebenbei ein paar genderthematische Fragen aufwirft: Macht eine Frau, die sexuelle Grenzüberschreitungen erlebt, sich eher zum Opfer, wenn sie nichts sagt oder wenn sie zu viel sagt? Sollten Frauen grundsätzlich immer mit Frauen solidarisch sein? Und ist eine weibliche Ermittlerin, deren Privatleben ein Trümmerhaufen ist, ebenso attraktiv wie ein männlicher Ermittler mit diesem Hintergrund?

Die Figuren sind anfangs ein wenig typenhaft gezeichnet, das verzeiht man im Laufe der gut konstruierten Geschichte jedoch gerne. Die Protagonistin hat in ihrer Unperfektheit einen ganz besonderen Charme und kämpft sich neben ihren Recherchen durch ein paar eigene Lebenstraumata, die nichts mit sexueller Belästigung zu tun haben, jedoch nicht minder schlimm sind: Da sind ihr zwölf Jahre zuvor spurlos verschwundener Bruder, die im Kummer darüber zerbrochene Ehe ihrer Eltern und ihre demente Mutter.

Lektüre für graue Herbsttage

Der verschollene Bruder wird im Zusammenhang mit den aufzudeckenden Vorfällen am Forschungsinstitut noch eine bedeutende Rolle spielen. Und für die Protagonistin gibt es am Ende privat wie beruflich ein Happy End. Alles in allem eine ausgezeichnete Lektüre für graue Herbsttage.


Amelie Fried: "Die Spur des Schweigens" (Heyne, 495 Seiten, 22 Euro, E-Book für 17,99 Euro)

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