"Tödliche Gemälde": Ein bizarrer Kriminalroman für Kunstliebhaber und Feinschmecker

Der Münchner Kunsthändler Konrad O. Bernheimer hat einen spannenden Krimi geschrieben. In "Tödliche Gemälde" geht es nicht nur um eine Reihe bizarrer Morde, sondern fast mehr noch um den Genuss.
| Christa Sigg
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Kunstexperte und Autor Konrad O. Bernheimer.
Kunstexperte und Autor Konrad O. Bernheimer. © Frank Lübke

Bloß kein Mittelmaß. Für John Blumenstein ist das Beste gerade gut genug, und um seine Sinne anzuregen, muss eine Sache schon deutlich aus dem Gewöhnlichen herausstechen. Ist der polyglotte Geschäftsmann etwa auf dem Weg zum traditionsreichen Royal Automobile Club an der Londoner Pall Mall, beginnt der Sommelier eine Stunde vor dem Eintreffen einen 1999er Château de Beaucastel zu dekantieren. Die sehr elegante Frucht dieses kräftigen Châteauneuf-du-Pape und die kleinen, leicht rostigen weichen Tannine sollen im Gaumen sehr präsent sein, und wenn die Nase wie beim letzten Mal von einem Duft nach Tabak und Trüffel umschmeichelt wird, umso besser.

Im Mittelpunkt: Ein ausgesprochener Bonvivant

Genauso goutiert Mister John, wie er im Club genannt wird, jede Nuance seines marinierten Lachs' mit einem Sorbet von roten Beeren und Crème Fraîche, und erst der himmlisch zarte Rehrücken! Selbstredend trägt dieser Connaisseur Maßanzüge, dazu müssen es dann die Hemden von Turnbull & Asser sein, dem Shirtmaker des Prince of Wales, und so könnte man noch lange fortfahren. Denn Konrad O. Bernheimer hat einen ausgesprochenen Bonvivant in den Mittelpunkt seines ersten, ziemlich bizarren Kriminalromans gestellt, und man darf davon ausgehen, dass der Münchner Kunsthändler nicht lange recherchieren musste.

Guido Renis Heiliger Sebastian in der um 1615 entstandenen Version, die in Genua im Palazzo Rosso hängt.
Guido Renis Heiliger Sebastian in der um 1615 entstandenen Version, die in Genua im Palazzo Rosso hängt. © ho

Wenig seriös und gar nicht zimperlich

Blumenstein ist wie Bernheimer im Bereich der Alten Meister tätig, wenig seriös allerdings und gar nicht zimperlich. Doch wenn von einem millionenschweren Tizian oder Watteau die Rede ist, geht es fast mehr noch um die Lust an den Gemälden. Der Autor, der vor einem Jahr eine anregende "Gebrauchsanweisung fürs Museum" (Piper Verlag) veröffentlicht hat, nutzt selbst in den dunkelsten Passagen seines Krimis jede Gelegenheit, Details zu beschreiben: das Inkarnat, die Stoffe, eine Laute. Oder Konrad Bernheimer sinniert über sein Lieblingsthema, die "Sacra conversazione", die mit einer Unterhaltung eher wenig zu tun hat.

"Tödliche Gemälde" - ein Krimi für Genießer

Für Kunstinteressierte ist das attraktive Kost und ebenso für Feinschmecker, die beim Lesen von Jakobsmuscheln mit ein paar Tropfen Kalbsjus und zartrosa Filets vom Kaninchenrücken träumen dürfen, die dabei die Spezialitäten ganz realer Gourmettempel kennenlernen und außerdem noch ein paar Rezepte erhalten. Zum Beispiel wie man Tagliolini mit weißem Trüffel verblüffend einfach hinbekommt - ausschließlich mit Kochwasser, gesalzener Butter, aber auf gar keinen Fall Parmesan. Das Problem sind eigentlich nur die Alba-Trüffel...

Bernheimer dreht wieder seine Pirouetten, und manchmal möchte man ihm das Scheiben eines Restaurantführers ans Herz legen. Doch das Gros dieser Zutaten braucht es natürlich auch, um auf die Exzentrik des irren John Blumenstein und dessen Faible für "ausgesuchte Arrangements" hinzuführen. Zumal dieses erlesene Leben zwischen London, Paris und Venedig, zwischen krummen Geschäften, russischen Agenten und erotisch anspruchsvollen Frauen dem Ende 30-Jährigen keineswegs in die Wiege gelegt wurde.

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Die Lust am Töten verspürte Blumenstein schon als Kind

Als Jonas Blume ist er in eine ziemlich biedere Münchner Beamtenfamilie geboren, die Mutter starb früh, und mit seinem schwermütigen Vater und dem beflissen-braven Zwillingsbruder versteht er sich so gar nicht. Das Aufregendste in seinem jungen Leben sind ausgerechnet die Heiligengeschichten, die ihm Haushälterin Gubi abends vorliest, und gerade die grausamen Martyrien sind dazu angetan, die Fantasie des kleinen Jonas mächtig anzukurbeln. Dass dann auch mal eine Katze bei lebendigem Leib gegrillt wird - frei nach Sankt Laurentius -, lässt bereits Böses ahnen. Der Bub ist ein Sadist, und seine Lust am Töten verwächst sich keineswegs mit dem Erwachsenwerden.

Mord nach Vorbild von Gemälden

Ganz im Gegenteil. Blumenstein, wie er sich im Auktionshandel bald nennt, sehnt sich immer intensiver danach, die Folter- und Todesszenen alter Gemälde nachzustellen. Artemisia Gentileschis Enthauptung des Holofernes, die sicher zu den brutalsten Darstellungen der Kunstgeschichte zählt, reizt ihn ungemein. Oder der von Pfeilen durchbohrte Sebastian, für den der teuflische John tatsächlich einen Studenten findet, der dem Modell Guido Renis wie ein Zwilling gleicht und sich willig ins homoerotische Abenteuer stürzt.

Apropos Zwilling: Blumensteins Bruder steht als Polizeipsychologe auch beruflich auf der anderen Seite, und mit der Zeit kommen sich die beiden wieder bedrohlich nahe. Der alte Hass ist über die Jahre nur heftiger geworden, und kurioserweise sind John und Martin auch noch telepathisch miteinander verbunden. Das führt schließlich zu einem fatalen Show-down und zu einem völlig überraschenden wie ungereimten Ende.

Konrad O. Bernheimer: "Tödliche Gemälde" (Langen Müller, 336 Seiten, 22 Euro, Hörbuch gelesen von Martin Umbach)

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