Am Nullpunkt angekommen: Wie eine Münchner Musikerin in der Krise lebt

Für Julia Hornung, die Bassistin des Monaco Swing Ensemble, lief es richtig gut - bis Corona kam. In der AZ-Serie "Künstler im Lockdown" schreibt sie, was es bedeutet, nicht mehr arbeiten zu können.
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Julia Hornung hat E-Bass und Kontrabass studiert. Zur Absicherung hat sie eine Booking-Agentur und einen Verlag gegründet. Alle drei Jobs sind von Corona betroffen.
Julia Hornung hat E-Bass und Kontrabass studiert. Zur Absicherung hat sie eine Booking-Agentur und einen Verlag gegründet. Alle drei Jobs sind von Corona betroffen. © Christoph Bombart

Ich bin auf dem Nullpunkt. Ich darf meine Arbeit nicht ausüben und habe meine Wohnung kündigen müssen.

Ich spiele Bass beim Monaco Swing Ensemble und in einigen anderen Bands. Es lief richtig gut. 2020 wäre ohne Corona das beste Jahr für mich geworden. Ich hatte es zum ersten Mal geschafft, nicht mehr so viel spielen zu müssen, sondern mir die guten Sachen aussuchen zu können: zum Beispiel schöne Festivals, gutbezahlte Hochzeiten und Firmenevents. Das ist alles weggebrochen. Anfang März begann die Absagenwelle, und es ist ein unglaublich schreckliches Gefühl, wenn das ganze Jahr in sich zusammenfällt.

Unsicheres Business

Dabei bin ich nicht nur Musikerin. Ich wusste immer, wie unsicher das Business ist und habe zur Absicherung eine Booking-Agentur und einen Verlag gegründet. Es war mir wichtig, dass ich auch von zuhause aus verdienen kann, auch weil irgendwann Kinder Thema sein werden. Aber ich habe mich eben leider nur in der Kulturbranche abgesichert. Und da liegt alles am Boden.

Mit dem Verlag kümmern wir uns darum, dass Künstler ihre GEMA-Ausschüttungen zu 100 Prozent korrekt ausgezahlt bekommen. Da verdiene ich aber nur Geld, wenn unsere Künstler live spielen. Für die Booking-Agentur gilt das Gleiche.

Bassistin Julia Hornung: "Seit August bin ich wohnungslos"

Als im März Corona kam, habe ich Panik bekommen. Ich hatte eine eigene Zwei-Zimmer Wohnung, die ich mir aber nur leisten kann, wenn das Geschäft läuft. Nach drei Monaten beschloss ich auszuziehen, weil nicht absehbar war, wie es weiter geht und ob ich überhaupt Geld verdiene oder bekomme. Seit August bin ich wohnungslos. Ich lebe zum Teil bei meinen Eltern in Schwabmünchen bei Augsburg, das ist eine Stunde entfernt. Ich bin 30, fühle mich wie eine Belastung für meine Eltern, auch wenn sie das nie sagen würden. Man kommt sich ziemlich blöd vor. Meine beiden Brüder wohnen nicht mehr dort. Der eine ist auch Profi-Musiker, aber ihn trifft es nicht so hart: Er hat eine gut verdienende Frau. Den anderen Bruder hat es auch schwer getroffen, er ist Stadtführer in Augsburg.

Seit einem Monat habe ich außerdem eine Ein-Zimmer-Wohnung zur Zwischenmiete. Ich wohne darin abwechselnd mit einem Saxophonisten, der auch keine Arbeit hat. Ich fahre alle vier Tage zwischen München und Schwabmünchen hin und her. Ich will meine Kontakte in München nicht verlieren und treffe mich zum Beispiel mit Daniel Fischer, mit dem ich die Booking-Agentur betreibe und beim Monaco Swing Ensemble spiele. Wir versuchen weiterzuarbeiten - wofür auch immer. Aber ich halt's allein in München nicht lang aus, deshalb fahre ich immer wieder zu meinen Eltern.

Wenig Unterstützung für Selbstständige

Man fühlt sich richtig schlecht, wenn die Branche stillgelegt ist und man nicht weiß, wann und wie sie wieder anläuft. Was ist, wenn dasselbe in zwanzig Jahren wieder passiert? Dann bin ich 50 und habe wahrscheinlich ein anderes Standing und andere Lebensumstände. Ich zweifle, ob ich das mein Leben lang so weiter machen kann und will. Ich versuche, meine Zukunftsängste zu verarbeiten, versuche, alles wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich habe deshalb angefangen, viel zu radeln, um den Kopf frei zu bekommen. Ich habe mir von meinem Ersparten ein Fahrrad gekauft und mache lange Touren.

An sich liebe ich das Dasein als Selbständige. Aber dann gibt man in diesen Zeiten seine Sache auf für den Schutz der Allgemeinheit - und bekommt von ihr wenig zurück. Von mir aus kann man ein Jahr lang alles dicht machen. Aber man kann doch nicht alle Beteiligten links liegen lassen. Ich bekomme kaum Unterstützung. Mit der ersten Soforthilfe habe ich Betriebskosten erstattet bekommen, das war aber nicht so viel. Die staatliche Unterstützung von 1.000 Euro, die später jeweils für maximal drei Monate ausgeschüttet wurden, konnte ich nicht beantragen, weil ich zu der Zeit schon wieder ein paar Gigs hatte, und das Honorar hätte ich abziehen müssen. Denn man darf keinen Cent dazu verdienen. Mir war es lieber, die Konzerte zu spielen. Und ich habe immerhin 1.000 Euro Unterstützung von der GEMA erhalten, die ihren Mitglieder bis zu 5.000 Euro Entschädigung für ausgefallene Konzerte gezahlt hat. Die Hilfe kam innerhalb weniger Tage - unglaublich toll.

Unternehmerlohn wie in Baden-Württemberg? Davon können wir in Bayern nur träumen

Für den November sollen wir ja etwas vom Staat bekommen, aber zu den Details erfährt man aktuell nichts. Ich lasse mich überraschen. Ich hätte mir das Modell aus Baden-Württemberg gewünscht. Meine KollegInnen werden dort laut eigener Aussage sehr gut durch die Krise gebracht. Dort gibt es den fiktiven Unternehmerlohn, Künstler können Corona-Soforthilfe beantragen und 1.180 Euro im Monat für private Lebenshaltungskosten anrechnen. Davon können wir hier in Bayern nur träumen.

Ansonsten könnte ich nur Hartz 4 beantragen. Die meisten Musiker können das gar nicht, weil sie zu viel besitzen: Denn alle sparen etwas an, weil wir Musiker keine große Rente bekommen werden. Viele Kollegen sagen, dass ihr ganzes Erspartes nun aufgebraucht ist. Immerhin gibt es Privatpersonen, die einen unterstützen, zum Beispiel Paare, auf deren Hochzeit wir gespielt haben und die uns jetzt im Sommer spontan wieder gebucht haben.

Neues Album als Beschäftigung

Wir, das Monaco Swing Ensemble, haben uns irgendwann gedacht, dass wir etwas machen müssen. Denn wenn man nur zuhause rumhockt, wird man irgendwann depressiv. Wir haben so viel geprobt und hatten dann so viele Songs beisammen, dass wir gesagt haben: Da können wir auch gleich ins Studio. Bevor man gar nichts macht, macht man halt ein Album. Aber es ist traurig, dass man es nicht mit einer Tour verbinden kann.

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Wir haben überlegt, ob wir Streaming-Konzerte machen sollen, haben uns aber dagegen entschieden. Nur in eine Kamera hineinspielen, das wollten wir nicht. Wir haben einen Live-Stream gespielt für ein tolles Projekt von der Bar Gabanyi, Fany Kammerlander und BR Klassik, aber da gab es durch das ganze Technikpersonal und die Betreuer wenigstens doch ein kleines Publikum.

Oft nehme ich mir jetzt vor, morgens aufzustehen, um etwas Produktives zu tun. Dann gehe ich spät ins Bett, und wenn morgens der Wecker klingelt, frage ich mich: Warum soll ich überhaupt aufstehen? Und bleibe liegen.

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