Mulo Francel: Die Töne, die keiner hören soll

Wie geht es Münchens Künstlern im Lockdown? In der AZ schreiben sie, wie sie ihre Tage verbringen, wie sie bei Laune bleiben und in die Zukunft blicken. Los geht es mit Mulo Francel, dem Saxophonisten von Quadro Nuevo.
| Mulo Francel/AZ
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Fans kaufen zurzeit viele CDs. Die verschickt der Katzenpapa selbst.
Fans kaufen zurzeit viele CDs. Die verschickt der Katzenpapa selbst. © Annette Hempfling

Zurzeit übe ich jeden Tag Töne, die keiner hören will. Töne, die ganz greislig klingen. Die extrem hohen Töne auf dem Saxophon. Ich nutze die Zeit des Lockdowns nämlich, um meine Technik zu erweitern. Das ist ein kleiner Wettbewerb gegen mich selbst, ein Wettbewerb gegen das Verrosten und Aufgeben. Beim ersten Lockdown haben viele Musiker gar nicht mehr geübt. Sicherlich weil es ihnen den Mut genommen hat, als nicht systemrelevant zu gelten. 

Und wenn einem die Aussicht genommen wird, auf einer Bühne zu spielen, ist es schwer, täglich ein, zwei Stunden zu üben. Aber ich bleib dran, spiele alle Tonleitern bis zum ganz hohen Flageolett-C, und langsam stellen sich Erfolge ein. In normalen Zeiten hätte ich dafür gar keine Zeit. Da müsste ich die Stücke üben, die wir am nächsten Abend beim Konzert spielen.

"Bei den Corona-Maßnahmen müssen wir schon alle mitmachen"

Aber ich sag mir: Keep swinging! Deshalb probe ich auch mit anderen Musikern. Gleich habe ich eine Probe mit der Organistin Nicole Heartseeker. Wir hätten ein Konzert in der Auferstehungskirche gehabt. Die Veranstalter von der Bar Gabanyi haben bis zuletzt darum gekämpft, dass es genauso behandelt wird wie ein Gottesdienst, aber da gab es in den Staatsministerien keine Bewegung. Das Konzert ist auf den 7. Januar verschoben. Wir proben dennoch. Dabei halten wir einen Abstand von mindestens eineinhalb Metern. Ich fände es nicht gut, Nicole mit meinem Saxophon aus einem halben Meter vor die Nase zu blasen. 

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Bei den Corona-Maßnahmen müssen wir schon alle mitmachen. Wenn man zu fünft oder sechst probt, dann nicht wie früher bei einem von uns im Wohnzimmer, wo wir auf ein paar Quadratmetern zusammenhocken. Wir sind zuletzt immer in ein Musikstudio in Unterföhring gegangen, das viel Platz bietet. Da kann man sich mit zwei Metern Abstand hinstellen. Der Betreiber ist uns preislich entgegengekommen, bei ihm ist ja zurzeit auch weniger los.

Leverkusener Jazztage vom WDR ohne Live-Publikum gestreamt

Freilich ist's anders als sonst. Normalerweise probt man immer für den Ernst- und Idealfall, vor einem Publikum zu spielen. Man weiß, nach der Probe muss man alles drauf haben. Und dann entsteht im Zusammenklang mit dem Publikum etwas Besonderes. Wenn man jetzt probt, weiß man nicht genau, was daraus entsteht. Ein Konzert habe ich aber in der Lockdown-Zeit: mit Quadro Nuevo auf den Leverkusener Jazztagen. Das wird ohne Live-Publikum vom WDR gestreamt. Sowas erinnert an eine Stellprobe im Theater, freut uns jedoch trotzdem.

Jetzt werden auch schon die Termine für die Konzerte im Dezember und Januar verschoben. Es ist ja unklar, ob wir im Dezember und Januar konzertieren dürfen, aber die Veranstalter brauchen Vorlauf für die Werbung. Und Werbung kostet. Wenn wir einen Termin am 10. Januar haben, muss der Veranstalter spätestens für Anfang Dezember Werbung schalten. Weil er nicht weiß, ob das Konzert stattfinden kann, verschiebt er schon jetzt. Vor einer solchen Absage führe ich zehn, zwanzig Telefonate mit dem Veranstalter. Das kostet viel Zeit - für ein Konzert, das nicht stattfindet.

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Außerdem rufen mich viele Fans an und fragen, ob bestimmte Konzerte stattfinden und wie viele Zuschauer rein dürften. Gerade das ältere Publikum geht sehr bewusst mit der Frage rum, ob es sich einem Risiko aussetzt. Diese Telefonate nehmen Zeit in Anspruch. Das ist kein Lamento, aber das sind Themen, die uns Musiker im Moment beschäftigen. Ich blicke mit großem Zweckoptimismus in die Zukunft. Der wird einem allerdings genommen, wenn es dann heißt: Ihr dürft doch nicht spielen.

"Wir leben gerade sehr sparsam"

Ich habe eine Familie mit drei Kindern, meine große Tochter studiert schon. Meine Frau ist Autorin und schreibt Drehbücher. Das läuft momentan noch. Aber es gab in der Corona-Zeit auch immer wieder Probleme. Wenn nicht gedreht wird, gibt's kaum Geld, denn ein Großteil wird erst gezahlt, wenn der Film fertiggestellt ist. Wir leben gerade sehr sparsam. Ich will aber nicht jammern, denn ein interessanter Aspekt in dieser Zeit ist, sich mal zurückzunehmen und zu fragen: Brauche ich die neue Hose unbedingt? Muss ich mit der Familie essen gehen?

Mein Tagesablauf ist sonst durch Auftritte bestimmt. Da wird früh aufgestanden, um abends auf der Bühne in Coburg oder sonst wo zu stehen. Jetzt bin ich viel zuhause, kümmere mich um unserer Katze und trinke abends mit meiner Frau Julie gerne ein Glaserl Wein. Man kommt zu Sachen, für die man sonst keine Zeit hat. Ich bin im letzten Sommer oft Wildkräuter sammeln gegangen. Ich finde es spannend, im Wald einen Korb Giersch zu pflücken und daraus Spinat zu machen. In unserer modernen Gesellschaft ist viel Wissen darüber verloren gegangen, was man im Wald und am Wegesrand an Essbarem finden kann. Daraus kann man tolle Gerichte zaubern. Aber so viel billiger ist's auch nicht, wenn man eine Sojasauce dazu kaufen muss.

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"Komponiert habe ich während des Lockdowns noch nicht"

Und ich habe mir Videos zum Schnitt von Obstbäumen angeschaut, in meinem Garten stehen drei Apfelbäume und zwei Weinreben. Das zu übertragen ist gar nicht so einfach. Bei meinem Baum schaut alles ganz anders aus als bei dem Baum des Internet-Gärtners. Ein ganz erfreuliches Phänomen: Die Menschen bestellen derzeit unheimlich viele CDs und LPs über meine Webseite. Sei es aus Corona-Frust, aus Sehnsucht nach schönen Dingen oder aus einer ganz neuen Form der Künstler-Empathie. Jedenfalls komm ich fast nicht mehr nach, alles zu versenden. Dabei gebe ich mir große Mühe und bemale jedes Packerl individuell mit einem ägäischen Säulen-Feigenzweig-Motiv.

Komponiert habe ich während des Lockdowns noch nicht. Dafür braucht man Inspiration, und die bekomme ich vor allem bei Reisen, wenn ich neue Musiker kennenlerne. Nur zuzuschauen, wie draußen die Blätter über den Hof wirbeln, ist nicht so inspirierend.

"Jetzt plane ich ein tollkühnes Abenteuer für nächsten September"

Man muss sich jeden Tag etwas überlegen, um bei Laune zu bleiben, mir hilft es zum Beispiel, wenn ich schöne Ereignisse plane. Wie die Radtour gestern mit einem Freund. Ich bin von unserem Haus in Baierbrunn nach Weyarn geradelt und zurück. Wir sind total nass geworden, aber wenn man die körperliche Herausforderung meistert, werden Glückshormone ausgeschüttet.

Jetzt plane ich ein tollkühnes Abenteuer für nächsten September: eine Reise auf einem großen Segelschiff durch die Äolischen Inseln, auf den Spuren der antiken epischen Fahrten. Eine Künstler-Odyssee mit circa 15 Musikern, Fotografen, Wortschöpfern. Da entstehen Songs, Fotos, Filmaufnahmen. Man muss sich vorher einlesen und Fragen stellen. Ist von den alten Mythen mehr übrig als ein paar Säulenreste? Können wir daraus für uns und unsere Gesellschaft etwas lesen? Darauf wollen wir künstlerische Antworten geben. Solche Pläne zu schmieden gibt mir Kraft.

 

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