Maroder ÖPNV MVG-Chef schlägt Alarm: Münchner U-Bahn "überwiegend veraltet"

, aktualisiert am 10.05.2019 - 15:34 Uhr
Werkstätte, Züge und Schienen veraltet: MVG-Chef übt heftige Kritik an der Münchner U-Bahn. (Symbolbild) Foto: Peter Kneffel/dpa

Ingo Wortmann stellt dem System ein sehr schlechtes Zeugnis aus, warnt vor dramatischen Engpässen – und will intern fast alles auf den Prüfstand stellen.

 

München - Wie schlecht ist es um die Münchner U-Bahn bestellt? Sehr schlecht. Glauben viele Aufsichtsräte von Stadtwerke München (SWM) und Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Letzte Woche hat MVG-Chef Ingo Wortmann ihnen ausführlich über die U-Bahn berichtet. Und ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt.

Der Zustand der Gleise, der Zustand der Werkstätten, die Zahl der Züge, die internen Abläufe: Wortmann lässt kaum ein gutes Haar an der U-Bahn. Die Fahrzeugflotte nennt er in seiner Präsentation, die der AZ vorliegt, "überwiegend veraltet". Er schlägt vor, die Instandhaltung "auf Kilometerleistung" umzustellen.

MVG-Chef Wortmann fordert mehr Arbeitsfahrzeuge

Ob das bedeute, dass die Bahnen jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren wurden, wurde Wortmann im Aufsichtsrat gefragt. Seine Antwort: "Ja." Wortmann kündigt eine "Intensivierung" der Instandhaltung und Erneuerung von Fahrzeugen an.

Offenbar kann man seine Bestandsaufnahme nur als eine grundlegende Kritik an seinen Vorgängern verstehen. Fehler sollten künftig "zielgerichtet" verfolgt werden schreibt er, "Abläufe gestrafft" werden, es brauche mehr Personal. Elf Prozent der Stellen im Werkstatt-Bereich und 14 Prozent bei den Fahrern sind seinen Angaben nach nicht besetzt. Wortmann fordert mehr Arbeitsfahrzeuge für den Untergrund, kündigt an, dass etliche Bahnhöfe umgebaut werden müssen.

Eine zweite Werkstatt in Neuperlach ist in Planung. Die Abhängigkeit von der einen in Fröttmaning ist ihm offenbar zu groß. Und: Er stellt auch ihr ein sehr schlechtes Zeugnis aus, spricht von einer "veralteten und teils schlechten Werkstattausrüstung" und "teils komplett veralteten Ablaufprozessen".

Doch auch am Netz hat er viel zu kritisieren. So genannte "Langsamfahrstellen" – etwa dort, wo es Schienenfehler gibt – sollen jetzt endlich "festgestellt, erfasst und beseitigt" werden.

Müssen alle alten Gleise in München ausgetauscht werden?

Besondere Unruhe löst im Rathaus aber ein weiterer Aspekt von Wortmanns Warnungs-Gewitter aus. Offenbar sorgt man sich bei der MVG, dass die alten Gleise nicht dauerhaft für die neue Zuggeneration taugen könnten. "Das könnte im Ergebnis bedeuten, dass alle alten Gleise ausgetauscht werden müssen", sagt ein Aufsichtsrat, der bei der Sitzung dabei war. "Es hat sich angehört, als würden sie mit dem Schlimmsten rechnen." In seiner Präsentation kündigt Wortmann an, bis Ende 2019 den Zustand der Schienen zu erfassen, "um Handlungsbedarfe zu Veränderungen zu erkennen". Bis Ende 2020 soll die Instandhaltung vorangetrieben sein – und ein "Präventionsprogramm" entwickelt.

Kämmerer Christoph Frey (SPD) werde bei dem Thema ganz blass, erzählt man sich auf den Rathaus-Fluren. Von einem dreistelligen Millionenbetrag ist die Rede, der allein für die Investitionen ins Schienennetz nötig werden könnte. Bezahlen würden das erstmal die Stadtwerke – indirekt also doch wieder die Münchner Steuerzahler und SWM- und MVG-Kunden.

Der Vortrag sei ein "Offenbarungseid" gewesen, heißt es aus dem Aufsichtsrat. Was Wortmann da vortrage, sei "ein völliges Versagen" seiner Vorgänger, eine "schonungslose Abrechnung". Ein Stadtrat sagte am Donnerstag: "Auf dieser Grundlage können wir eigentlich gar keine neuen ÖPNV-Offensiven verkünden. Offenbar müssen wir erstmal schauen, dass wir den Bestand in den Griff kriegen."

MVG-Statement: "Fahrzeugflotte in der Tat veraltet"

Die MVG ließ am Freitag mitteilen, die U-Bahn "sei nicht marode!". Die Fahrzeugflotte sei aber "in der Tat veraltet". Zudem treffe es zu, dass die Taktverdichtung und das höhere Gewicht der neueren U-Bahnen "logischerweise Auswirkungen auf den Fahrweg, die eine laufende Anpassung der Instandhaltungs- und Sanierungskonzepte nach sich ziehen."

Der ÖPNV sei in München wie überall in Deutschland "unterfinanziert". "Nun geht es an die Grunderneuerung des Systems. Das wird ein finanzieller Kraftakt – und mit zahlreichen Baustellen verbunden sein", so die MVG in ihrer Mitteilung.

Lesen Sie auch: Verkehrswende ohne Fußgänger? Ein Experte kommt nach München

 

24 Kommentare