Zu Besuch im Jennerwein Eierlikör mit Bluna in Münchens einstiger Räuberhöhle

Nettes Gespräch mit den Gästen: Wirt Bernhard Steinweg. Foto: Daniel von Loeper

Das urige Ambiente der Kneipe Jennerwein ist unverändert, musikalisch geht man mit dem Zeitgeist.

 

Schwabing - Auf den blauen Löwenbräu-Kästen stehen zwei Plattenspieler. Mit ihren Füßchen passen sie genau drauf. Das ist wichtig, denn Plattenspieler dürfen keinesfalls wackeln. In der Kneipe "Zum Jennerwein" , die es in Schwabing seit über 60 Jahren gibt, steht dieses einfache DJ-Pult für lässige Bodenständigkeit.

Das ist schon konsequent: Zu Essen gibt es praktisch nichts, abgesehen von einem Schälchen Salzbrezen für 50 Cent, Manner Neapolitaner Schnitten (2,50 Euro) und Landjäger mit Vinschgerl (6,50 Euro). Dafür stehen für Raucher Tabakwaren, Papier und Filter auf der Karte. Freunde der Bierkneipe trinken Löwenbräu Hell (0,4 l kosten 3,40 Euro) , entscheiden sich für die Gin-Tonic-Variante "mondän" oder "superb". Wer sich in die 70er und 80er Jahre zurückbeamen möchte, bestellt den Sanddorn-Drink "Sandy", der süß nach Mandarine schmeckt. Das Glas wird aufgefüllt mit einem Piccolo der altmodischen Marke "Söhnlein Brillant" (8,50 Euro).

Nur wenige trauen sich an den "Blonden Engel"

Nur wenige trauen sich an den "Blonden Engel" (8,50 Euro), einen witzigen Longdrink aus Eierlikör mit Bluna-Orangenlimonade. "Das Rezept hat mir ein Bekannter mitgebracht. Es war das erste Getränk, das er sich aus dem Wohnzimmerschrank seiner Oma zusammengemischt hatte", erzählt Wirt Bernhard Steinweg.

2001 hat der heute 52-jährige Münchner das schummrige Jennerwein übernommen. Über der DJ-Nische hängt die Traueranzeige mit dem Foto von Niko, dem Griechen, seinem jung gestorbenen Vorgänger: "Es gehört dazu, dass Niko auch bei uns ist", sagt Steinweg schlicht.

Seit mehr als 30 Jahren ist das urige Jennerwein-Ambiente unverändert. Die gemusterte Retro-Tapete, darauf eine Sammlung Geweihe. An der Wand gegenüber hängt das legendäre Poster mit dem nackten "Rebell der Liebe". Es stammt aus der Nachwendezeit von einer Surf-Band aus Jena. Geraffte dunkelgrüne Vorhänge und Elektroleitungen über Putz tragen bei zum speziellen Jennerwein-Charme.

Einst galt das Jennerwein als die verrauchteste Kneipe der Stadt

An abgewetzten Holztischen sitzen drei Studentinnen und lachen. Ein Berufsanfänger im Kurzmantel plaudert an der Bar mit der Bedienung. Auch Medienleute und Absolventen der Kunstakademie mögen das Jennerwein und die Gespräche, die sich hier ergeben. Wer sich seinen Weg zur Bar bahnen will, redet automatisch mit Unbekannten. Denn bei guter Stimmung am Wochenende drängen sich die Gäste dicht an dicht auf den 41 Quadratmetern Kneipe.

Bis weit in die 90er Jahre war das Jennerwein eine Räuberhöhle – vielen galt das Lokal als die verrauchteste Kneipe der Stadt. Nun pumpen fette Lüftungsrohre frische Luft von der Straße hinein. Das Publikum ist mehrheitlich zwischen 25 und 45 Jahre alt. Ab und zu schaut ein Alt-68er vorbei, um zu sehen, ob sich etwas verändert hat.

Aber die Älteren bleiben nicht lange, "denn der Jennerwein-Sound ist ihnen zu modern", sagt der Wirt. Die Musik heißt heute Hip Hop, Electro, Independent oder "Bunte Wanne". Es gibt auch italienische Abende mit Eros-Ramazotti-Songs. Drei bis vier Mal in der Woche legen DJs im Jennerwein auf.

Gäste kommen und schauen, was an Überraschungen passiert

Die Gäste sind für Gegensätzliches zu haben. Sie kommen und schauen, was an Überraschungen passiert. Um die Figur des legendären Wilderers Georg Jennerwein, ihrem Namensgeber, macht die Schwabinger Kneipe keinen Kult. "Wir wollen kein spezielles Bayern-Ding hochhalten", erklärt der Wirt. Vor dem Bild einer Berglandschaft auf dem Thekenschrank stehen dennoch Rehe aus Holz und eine Münchner-Kindl-Figur.

Dazu importiert das Jennerwein aus Berchtesgaden "Grassls Enzian", Großmutters Bauchschmerzschnaps (3,20 Euro), gebrannt aus den Wurzeln der Enzianblüte. Der erdige Brand wird oft in größerer Runde bestellt. Junge Leute sind neugierig auf den Gebirgsschnaps. Wirt Bernhard Steinweg erklärt's so: "Die haben einen Sinn fürs Bodenständige. Dass man das bei uns findet, dass spüren sie irgendwie."


Belgradstraße 27, So bis Do 20 bis 1 Uhr, Fr und Sa 20 bis 3 Uhr,Telefon: 308 72 21

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