Wirte vom "Stadion" "Man findet in München leichter eine Kneipe als eine Wohnung"

"Manchmal hat man den Eindruck, eine Kneipe findet man leichter als eine Wohnung": Michael Jachan (l.) und Holger Britzius im „Stadion an der Schleißheimer Straße“ Foto: Daniel von Loeper

Das "Stadion an der Schleißheimer Straße" ist seit 13 Jahren eine Kult-Kneipe der Fußball-Liebe. Die Immobilien-Lage aber macht den Betreibern manchmal Sorgen.

 

München - Sportjournalist Holger Britzius (44) und Volljurist Michael Jachan (49) arbeiten und leben in der Maxvorstadt. Beruflich haben sich der Karlsruher-SC-Fan und der VfB-Stuttgart-Anhänger ihren Traum erfüllt und betreiben das "Stadion an der Schleißheimer Straße": eine bunte, überparteiliche Fußball-Kneipe mit kleiner Tribüne und Liveübertragungen. Das Geschäft läuft.

Ihre 150 Sitzplätze für das DFB-Pokal-Finale zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig (im AZ-Liveticker) sind schon seit vier Wochen reserviert. Sie hoffen, dass alles noch sehr lange so bleibt. Denn die explodierenden Miet- und Kaufpreise im Viertel treiben ihnen manchmal die Schweißperlen auf die Stirn.

AZ: Herr Britzius, Sie sind 2002 extra in die Nähe ihrer Lieblings-Kneipe gezogen. Sie hieß "Vollmond". War das im Vergleich zu heute ein Kinderspiel?
HOLGER BRITZIUS: Nein. Auch damals war es schon sehr schwer, hier in der Maxvorstadt eine vernünftige Wohnung zu finden. Ich hatte viel Glück.

Wie kann man eigentlich in eine Kneipe so verliebt sein, dass man unbedingt in der Nähe wohnen möchte?
BRITZIUS: Egal, wo ich gewohnt habe, hatte ich immer ein Stammlokal. Das Besondere am Vollmond für mich war, dass häufig Bruce Springsteen lief. Hatte ja im Nachhinein alles seinen Sinn, schließlich gründete ich dann aus dem untergegangenen "Vollmond" 2006 das Stadion. Ich liebe einfach die Kneipenkultur – und natürlich Fußball.

"3.000 Euro Miete für drei Zimmer  – nicht selten"

Mit der Kneipenkultur könnte ja bald Schluss sein, wenn sich die Münchner Immobilien-Situation weiter verschärft und Wirte sich die Pacht einmal nicht mehr leisten können.
MICHAEL JACHAN: Ganz so weit ist es noch nicht, manchmal habe ich den Eindruck, eine Kneipe findet man leichter als eine Wohnung. Das ist ja eines der Grundprobleme Münchens: relativ viel Gewerbefläche, viel zu wenig Wohnfläche.

Sie sind gerade umgezogen, innerhalb der Maxvorstadt. Wie schwierig war das?
JACHAN: Ich will mich nicht beschweren, aber wir haben schon über ein Jahr gesucht. Und nachdem ich fast 17 Jahre in der gleichen Wohnung gewohnt habe mit weitestgehend gleicher Miete, mussten wir natürlich einen kräftigen Zuschlag in Kauf nehmen. Dass wir überhaupt etwas Passendes gefunden haben, war auch mit einer Portion Glück verbunden.

Dürfen wir fragen, wie hoch die Kaltmiete ist?
JACHAN: Wir zahlen jetzt 19 Euro pro Quadratmeter. Darüber muss man schon fast glücklich sein! Was da an Wohnungen ausgeschrieben wird, ist teils irrsinnig.

Nämlich?
JACHAN: Über 3.000 Euro für drei Zimmer ist keine Seltenheit. In der Maxvorstadt werden aber auch Wohnungen für bis zu 10.000 Euro angeboten.

Klingt unglaublich.
BRITZIUS: Nach oben sind die Münchner Mietpreise offen, abartig.

Wie geht das?
JACHAN: Mir ist aufgefallen, dass es einen neuen Trend im Wohnungsmarkt gibt: Wohnungen werden immer öfter befristet und möbliert oder teilmöbliert vermietet. Damit kann man den Mietspiegel umgehen und so viel verlangen, wie man will. Der Eigentümer nennt das beschönigend "Wohnen auf Zeit" – und irgendjemand findet sich immer, der zahlt. In einem luxussanierten Objekt in der Nähe unseres Wirtshauses "Obacht Maxvorstadt" wurden Zweizimmer-Wohnungen für über 3.000 Euro angeboten – und vermietet – auf Zeit!

Warum wollten Sie unbedingt im Viertel bleiben?
JACHAN: Als Wirt eines Stadtteilwirtshauses und einer Kneipe, die sehr viele Gäste aus der Nachbarschaft hat, ist es sicherlich nicht von Nachteil, in der Gegend zu wohnen.

BRITZIUS: Seh ich genauso. Dazu kommt, unsere Arbeit ist sehr aufwendig und wir müssen häufig kurzfristig in den Läden sein. Da kann ich nicht irgendwo draußen kurz vor Ingolstadt wohnen. Zudem lebt mein kleiner Sohn hier.

In München herrscht ja Fachkräftemangel, weil sich kaum jemand die Mieten leisten kann. Wie schwer tun sich Ihre Mitarbeiter?
JACHAN: Wir mussten bisher glücklicherweise noch keine Mitarbeiter von außerhalb beschäftigen. Dazu arbeiten bei uns zum großen Teil Studenten, die schon untergekommen sind. Manchmal fragen wir uns aber schon, wie man bis zu 700 Euro für ein WG-Zimmer zahlen soll. Geht’s eigentlich noch? Eine eigene Wohnung kann sich eh keiner der Studierenden leisten. Wir wissen von vielen Gastronomen in München, dass sie Wohnungen anmieten, nur um sie ihrem Personal zur Verfügung zu stellen, anders bekommt man schon fast keine Mitarbeiter mehr. Die Stadt ist einfach zu voll. Und der Zuzug reißt nicht ab.

"Die Menschen, die hier arbeiten, müssen ja auch irgendwo leben"

BRITZIUS: Die Stadt hat jahrzehntelang gezielt das Gewerbe angelockt und dabei anscheinend vergessen, dass die Menschen, die in Unternehmen arbeiten, auch irgendwo wohnen und zur Arbeit kommen müssen! Das ist ja das nächste Problem, die zurückgebliebene Infrastruktur in München. Die Folgen sehen wir jeden Tag: überfüllte Straßen, Bahnen und Busse. Für meinen früheren Arbeitsweg nach Unterföhring und Ismaning braucht man morgens oder abends inzwischen bis zu einer Stunde.

"Die langjährigen Mieter, die alten Läden – sie verschwinden"

Thema Nachbarschaft: Wie macht sich das neue Milieu bemerkbar, das ja sehr hohe Mieten zahlt?
JACHAN: Wir haben den Eindruck, dass viel mehr darauf geachtet wird, was in und um das "Stadion" passiert.

BRITZIUS: Wobei wir da im Vergleich zum Gärtnerplatz oder anderen Gegenden noch Glück haben. Dort haben die Wirte größere Probleme.

JACHAN: Ich denke, häufig wird da vergessen, dass die Gastronomie ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, der für Lebensqualität sorgt.

Ist das Thema Lärm rund ums Stadion sensibler geworden?
BRITZIUS: Das ist schon länger so. Im Sinne eines guten nachbarschaftlichen Zusammenlebens schauen wir immer, dass zumindest unter der Woche gegen 23 Uhr Ruhe ist.

Wer sorgt für Ruhe vor der Tür?
BRITZIUS: Das müssen wir selber machen. Für uns wäre das finanziell nur schwer umzusetzen, wenn wir dafür extra jemanden einstellen würden.

Wie macht sich der Wandel bemerkbar?
BRITZIUS: Neue Wohnungen bringen neue Mieter, die langjährigen Anlieger verschwinden langsam. Alte Geschäfte machen zu, die alteingesessene Nachbarschaft verschwindet, weil sie sich die Mieterhöhungen nicht mehr leisten kann oder es ihre Wohnungen und Läden nicht mehr gibt.

Ein Beispiel?
JACHAN: Unser Friseur um die Ecke hatte hier 35 Jahre seinen Laden. Ende 2018 ist er ausgezogen. Sein Pachtvertrag wurde nicht verlängert. Mal schauen, was aus dem Gebäude jetzt wird.

Thema Lärm: Sie haben gesagt, dass um 23 Uhr meist Schluss ist. Wie ist das, wenn ein Fußballspiel in der Verlängerung entschieden wird und deutlich nach 23 Uhr endet?
BRITZIUS: Das treibt uns schon ein paar Schweißperlen auf die Stirn. Wie gesagt, die Nachbarn sind heutzutage deutlich sensibler.

JACHAN: Da weiß man manchmal nicht, ob der Abend noch einen Überraschungsbesuch bringt. Aber: Selbstverständlich nehmen wir Rücksicht auf unsere Nachbarn. Das Verhältnis ist auch überwiegend hervorragend, das merken wir auch daran, dass unmittelbare Nachbarn zu uns als Gäste kommen.

Wie viel Zuschlag müssten Sie für Ihre Pacht zahlen, wenn Sie hier heute einziehen und das "Stadion" eröffnen wollten?
BRITZIUS: Schwer zu beziffern.

JACHAN: Wir müssten ziemlich sicher den Bierpreis erhöhen.

Wie viel kostet denn ein Bier derzeit bei Ihnen?
JACHAN: 3,90 Euro für ein Helles. In München gibt es Lokale, die deutlich mehr verlangen.

"Unser Plan ist es, selbst zu bestimmen, wann Schluss ist"

Noch einmal zum Thema Lärm. Wenn ich Sie richtig verstehe, ertragen die Leute weniger Unruhe, wenn sie viel Miete zahlen. Warum ist das so?
JACHAN: Den Eindruck könnte man gewinnen. Vielleicht kann man das mit einem Autokauf vergleichen. Wer ein Fahrzeug für 500 Euro kauft, nimmt es vielleicht eher in Kauf, mal eine Panne zu haben. Wer ein Neufahrzeug hat, erwartet schon, dass es perfekt funktioniert.

BRITZIUS: Es ist sicher schmerzhaft, wenn jemand bis zu zwei Drittel seines Einkommens nur für die Miete ausgibt. Vielleicht hat es damit zu tun.

JACHAN: Unabhängig davon erscheint es schon ein wenig absurd, in ein belebtes Stadtviertel, über eine Kneipe oder neben einen Kindergarten zu ziehen und sich dann über Lautstärke zu beschweren – oder wenn man aufs Land zieht und sich dann von den Kuhglocken belästigt fühlt. Irgendwas läuft da schief!

Wenn irgendwann für das "Stadion" Schluss sein sollte: Haben Sie einen Plan B?
BRITZIUS: Unser Plan ist, selbst zu bestimmen, wann Schluss ist! Über alles andere wollen wir uns keine Gedanken machen.

Lesen Sie hier: Auch nach zehn Jahren - "Wir steigern uns immer noch"

 

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