Wirte-Legende im AZ-Interview Richard Süßmeier: "Mitleid mit Wiesn-Wirten? Nie!"

Richard Süßmeier (r.) mit Toni Roiderer, dem Wirt des Hackerzelts. Foto: imago/STL

Die Wiesn ist das große Gesprächsthema: Wenn sich jemand in dieser doch sehr eigenen Welt auskennt, dann ist das Wirte-Napoleon Richard Süßmeier (88). In der AZ spricht er über sein Lieblingsthema.

 

München - Beliebt, bekannt, berüchtigt: Richard Süßmeier (88, Spitzname: Wirte-Napoleon) ist der wohl legendärste Wirt des Oktoberfestes.

Schneller süffiger Rückblick mit Langzeit-Kater: Mit 28 Jahren erwarb er als Junior-Wirt vom Straubinger Hof am Viktualienmarkt das damals eher unwichtige Armbrustschützenzelt und baute es zu einem Gute-Laune-Unternehmen auf. 26 Jahre später, 1984, war Schluss mit lustig, Promi-Gästen und Verkleidungen.

Süßmeier, der den damaligen KVR-Chef Peter Gauweiler öffentlich veräppelt hatte, bekam die Konsequenzen zu spüren: Das KVR fand in seinem Zelt 23 Schwarzarbeiter, er musste sein Zelt am mittleren Wiesn-Sonntag zusperren (um es zwei Tage später an seinen Nachfolger zu übergeben). Wenn sich also jemand mit dieser doch sehr eigenen Welt zwischen Schunkeln und Seilschaften, Macht und Millionen auskennt, dann ist er das.


AZ: Lieber Herr Süßmeier, selten standen die Chancen so gut, Wiesn-Wirt zu werden – denn zwei Wirte wackeln gerade extrem. Haben Sie sich wieder für ein Zelt beworben?
RICHARD SÜSSMEIER: Naa, in meinem Alter bewerb ich mich nur noch fürs Sauerstoffzelt.

Im Ernst: 1989 hatten Sie’s ja auch nochmal versucht.
Ja, fürs Hacker. Alle Stadträte waren wenig überraschend gegen mich. Mei, heut wäre es mir körperlich zu anstrengend.

Aber Sie kriegen alles mit, was derzeit über die Wiesn und die Wirte geschrieben und geredet wird?
Und wie! Die Wiesn ist zum Dauerbrenner geworden. Ich lese jede Zeile, schneide mir jeden Zeitungsartikel aus und hefte ihn in einen Ordner. 120 volle Ordner habe ich in den letzten Jahren gesammelt. Ich bin ein genauer Beobachter. Es gibt kein spannenderes Thema. Die Wiesn ist und bleibt mein Leben.

"Niemand muss Mitleid mit einem Wiesnwirt haben. Nie"

Müssen Wiggerl Hagn und Toni Roiderer von der Wiesn fliegen?
(Lange Pause) Über die Umstände weiß ich zu wenig.

Sie scherzen. Sie wissen zu viel.
Das sind schwierige Fragen, die ich so nicht beantworten möchte, sonst gibt’s gleich Ärger für mich.

Anders gefragt: Dürfen Wirte Millionen falsch abrechnen oder hohe Strafbefehle wegen Hygienemängeln kassieren, um dann doch auf der Wiesn bleiben zu dürfen?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie das mit Wiggerls Abrechnungen gelaufen sein soll. Und beim Roiderer gab’s den Ärger in seinem Lokal in Straßlach.

Wobei Ihr Armbrustschützenzelt-Nachfolger Helmut Huber am Nockherberg wegen Hygienemängeln Ärger bekam und deshalb auch seine Wiesn-Konzession verloren hat.
Stimmt. Auf der Wiesn, das weiß ich selbst am besten, ist alles möglich. Wobei auch immer wieder vergessen wird, dass die Stadt die neue Umsatzpacht eingeführt hat, um noch mehr am Erfolg beteiligt zu werden. Für mich ein absolutes Unding.

Warum?
Die Stadt profitiert von der Wiesn eh genug, ist aber noch gieriger. Ich finde es ungerecht, dass man für seinen Erfolg bezahlen muss. Was soll das für ein Ansporn sein? Dass man als Wirt Steuern, Miete und so was zahlen muss, ist logisch, aber für den Erfolg blechen? Da bin ich dagegen. Dazu kommt: Durch eine glückliche Politik, die Zusatzkosten gern mit dem Argument – Achtung, bei dem Wort muss ich Anlauf nehmen: "Security" begründet, kann man noch mehr abkassieren.

Müssen wir also Mitleid mit den aktuellen Wiesn-Wirten haben?
(lacht) Ich sag Ihnen eins: Mitleid mit einem amtierenden Wiesn-Wirt muss wirklich niemand niemals haben.

"Am Biertisch sind alle gleich"

Ist die Wiesn ein bisserl wie Schule: Schummeln tun viele, man darf sich nur nicht erwischen lassen?
Ha! Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Herr Süßmeier, vor wem haben Sie Angst: vor den Brauereien, der Stadt oder vor befreundeten Kollegen?
Ich habe Respekt vor den Kollegen. Soll ich Ihnen mal etwas zu Freundschaften unter Wirten erzählen?

Sehr gerne.
Mein Schwiegervater war ja Walter Pschorr, der Brauereidirektor. Er mochte mich nie, wollte für seine Tochter jemand Besseren, später haben wir uns angenähert, als ich ihn überzeugen konnte, dass auch Wirte gute Menschen sein können, aber das nur nebenbei. Also, der Walter hört zu Zeiten des Krieges, dass eine Bombe den Bavariakeller getroffen haben soll. Er radelt hin, um sich zu überzeugen, und sieht, dass alles brennt und zerstört ist – und weint bitterlich. Als er später sieht, dass auch der Hackerkeller zerstört wurde, hört er auf zu weinen. So war es und so wird es immer sein.

Ist Wiesn-Wirt ein Traumjob?
Es ist der schönste Job der Welt. Es gibt nix Schöneres, als mit glücklichen Menschen eine besonders gute Zeit zu haben. Am Biertisch sind alle gleich.

Wie reich wird man als Wiesn-Wirt?
Mein Vorgänger meinte, dass ich mir nach der Wiesn einen schönen Urlaub leisten kann. Recht hatte er.

Ihr erster Luxuskauf?
Ein alter Opel Caravan.

"Um Peter Gauweiler mache ich einen großen Bogen"

Über Ihr Ende im Armbrustschützenzelt sagten Sie mal: "Es war, als wäre ich gestorben. Aber ich war ja noch da."
Selbst im Alter verblasst das nicht. Natürlich schmerzt die Erinnerung, von einem Tag auf den anderen alles zu verlieren. Aber ich bin froh, überhaupt so viele tolle Jahre auf der Wiesn erlebt zu haben.

Was passiert, wenn Sie in München zufällig Peter Gauweiler über den Weg laufen?
Dann mach ich einen großen Bogen um ihn. Das hätte ich von Anfang an tun sollen.

Ihr bester Tipp für die Wirte-Kollegen, denen Ärger droht?
Teure Anwälte zahlen sich aus.

Wie sind Sie mit 88 noch so fit?
Das ist mir selbst ein Rätsel. Alle aus meiner Familie sind früh gestorben. Vielleicht liegt’s daran: Ich trink nur noch alkoholfreies Bier, kann gut mit mir allein sein, bin zufrieden, habe weder Handy noch Computer. Irgendwie bin ich aus meiner Art gefallen, ein Relikt – irgendwann werden sie mich noch ausstopfen.

Lesen Sie hier: Wirt Lochbihler verteidigt AfD-Veranstaltung in seinem Pschorr

 

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